Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1894)
- Date
- 1894-01-19
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 g. Ratibor, 4. Januar. Die Beisetzung des Sanitätsraths Dr. Rosenthal in Ratibor, dessen Hinscheiden bereits gemeldet worden, fand am letzten Sonntag, Nachmittags, unter einer ganz ungewöhnlichen Betheiligung aller Bevölkerungsklassen statt, die ein beredtes Zeugniß von dem Ansehen und der Beliebtheit des Verstorbenen ablegte. Die Trauerfeier im Sterbezimmer begann um 2 Uhr. Kostbare Blumenspenden bedeckten die Bahre. In der stattlichen Trauerversammlüng bemerkten wir Oberst von Hagen, den Land- und Geh. Regierungsrath Pohl, den Landschaftsdirektor von Dietrich, den Landrath des Kreises Kosel, Spiller von Hauenschild, den Landtagsabgeordneten von Gilgenheimb, den herzogl. Kammerdirektor von Gehren, fast alle Ratiborer Aerzte mit ihren Damen, sowie zahlreiche andere Persönlichkeiten aus Stadt und Kreis. Die Rede des Herrn Rabbiner Dr. Blumenthal zeichnete ein Lebens- und Charakterbild des Enlschlafenen. In ergreifenden Worten pries derselbe die Pflichttreue des Dahingeschiedenen im Dienste der Wissenschaft, seine hingebende Liebe im Kreise seiner Familie, seine heilbringende Thätigkeit am Lager des Kranken. Der Weg des Heimgegangenen habe nicht nur an das Bett, sondern auch an das Herz des Kranken geführt. Arbeit war die Lebensfreude des Verstorbenen, Arbeit der Jungbrunnen, aus dem er Kraft schöpfte. Ob der Graf im Schlosse oder die Bäuerin in der einsamen Dorfhütte ihn rief, immer war er zu helfen bereit, und da das Vaterland ihn rief, zog er freudig mit hinaus gegen den Feind. Der also pflichtbewußte Mann vergaß auch nie seine Pflichten gegen seinen Gott. Er war ein treuer Sohn seines Bekenntnisses. Er verschmähte es nicht, an heiliger Stätte zu seinem Gotte zu beten. Seine reinsten Freuden aber genoß er im häuslichen Kreise. Mit Worten des Trostes schloß der ausgezeichnete Redner. — Dann setzte sich der fast endlose Zug in Bewegung. An der Spitze schritt der Kriegerverein mit umflorter Fahne, dem Leichenwagen wurden die Ordenszeichen des Verstorbenen vorangetragen, dichte Menschenmassen bildeten Spalier. An der offenen Gruft folgten noch eine Ansprache und ein Gebet, und mit dem letzten Strahl der niedergehenden Jahressonne sanken die sterblichen Ueberreste des Mannes in die Gruft, dessen Namen allezeit in Ehren genannt werden wird in Stadt und Kreis. — Wie wir erfahren, ist die herrliche Rede des Rabbiners auf vielfachen Wunsch dem Druck übergeben worden und im Verlag von Eugen Simmich erschienen. Der Preis des Exemplars beträgt 25 Pfennige. Der Reinertrag ist für die Armen der Stadt Ratibor ohne Unterschied des Bekenntnisses bestimmt. Jedenfalls wird die Rede den zahlreichen Verehrern und Freunden des Verstorbenen ein willkommenes Gedenkblatt sein. XE Rosenberg (O.-Schles.), 15. Januar. Am 4. d. Mts. ist der Kantor, Prediger und Religionslehrer unserer Gemeinde Herr Josef Blumenfeld, nach 13jähriger segensreicher Thätigkeit, infolge eines Schlaganfalles entschlafen. Der Dahingeschiedeue amtirte früher in Frankenstein eine Reihe von Jahren. Seine Pflichttreue, Frömmigkeit und Zuverlässigkeit sichern ihm ein treues Andenken in den Herzen der hiesigen Gemeindemitglieder. Wie beliebt und angesehen der Verstorbene in allen Kreisen der Bevölkerung gewesen, zeigte die zahlreiche Begleitung der Hülle des Verstorbenen nach dem Tempel, woselbst die Trauerseier durch den Rabbiner Dr. Friedmann-Lublinitz in erhebender Weise begangen worden ist. Der Tempel war überfüllt von einer ernsten, bewegten Trauerversammlung, es waren darunter hohe Beamte, der Lehrkörper des Königl. kathol. Seminars, sowie sämmtliche Stadt-Lehrer anwesend. Letzteres zeigt auch von der Toleranz der hiesigen Bürger, die wahrhaft wohlthuend wirkt, im Gegensatz der Gepflogenheit in andern Gegenden. F. Lublinitz, 12. Januar. In Rosenberg O.-S. wurde am 7. d. M. der Kultusbeamte Herr Josef Blumenfeld zu Grabe getragen. Die Trauerfeier wurde unter großer Betheiligung der Gemeinde und der gesammten Bürgerklassen in der Synagoge abgehalten und vom Rabbiner Herrn Dr. Friedenau aus Lublinitz geleitet, welcher in der Rede ganz besonders die Religiosität und Gewissenhaftigkeit des leider so frühzeitig Verstorbenen hervorhob, sowie seine Beliebtheit bei allen Konfessionen der Bürgerschaft. * Hamburg, 4. Januar. Ein eigenthümlicher Kauz hatte sich dieser Tage in der Person des mehrfach wegen Diebstahls, zuletzt mit vier Jahren Zuchthaus bestraften Dieners Joachim Detlef Ludwig Rath vor der Strafkammer des Landgerichts zu verantworten. Rath ist nämlich nicht nur Einbrecher von Profession, sondern er ist auch, wie aus den in seinem Besitz Vorgefundenen Papieren ersichtlich, Mitglied und eifriger Agitator des antisemitischen Wahlvereins. Man . dürste nun eigentlich wohl erwarten, daß Rath sich in letzterer Eigenschaft hauptsächlich Semiten zu Opfern seiner diebischen Gelüste auswähten würde; der Angeklagte bewies jedoch in Bezug auf Diebstähle eine außerordentliche Toleranz, indem er besonders gute Deutsche bevorzugte. Besonders charakteristisch ist ein bei einem Kaufmann am Alsterglacis ausgeführter Einbruch, woselbst dem Rath Silberfachen im Werthe von 500 Mark in die Hände fielen. Hier fühlte er sich bewogen, neben der Thätigkeit eines Einbrechers auch die eines antisemitischen Agitators zu entwickeln. Beim Verlassen des Feldes seiner verbrecherischen Thätigkeit drückte er nämlich mit einem Stempel die Worte „Hütet Euch vor Juden" an die Hausthür des Kaufmanns. Die Strafkanuner erachtete Rath sechs schwerer Diebstähle für schuldig und verurtheilte ihn zu einer Zuchthausstrafe von sieben Jahren, Ehrverlust auf gleiche Dauer und Zulässigkeit der Polizeiaufsicht. M. A. 0. Hildesheim, 8. Januar. Am jüngsten Neujahrstage feierte Herr E. Stern das 25jährige Jubiläum als Lehrer und Vorbeter der hiesigen Synagogengemeinde. Herr Landrabbiner Dr. Lewinsky, im Verein mit dem Gesamnltvorstande, überbrachte dem Jubilar die herzlichsten Glückwünsche der Gemeinde, außerdem ein namhaftes Geldgeschenk nebst werthvollem Andenken, bestehend aus einer goldenen Uhr und Kette. Auch wurde von den ehemaligen und jetzigen Schülern und Schülerinnen dem Jubilar, begleitet mit festlichen Ansprachen, eine Dore'sche Prachtbibel nebst einem Pokal gewidmet. Tief bewegt dankte Herr Stern für die Anerkennung seiner Thätigkeit, gelobte feierlich, so lange ihm die Kraft von Gott beschieden sei, auch ferner wie bisher treu und gewissenhaft seines ihm lieb gewordenen Amtes zu walten. ** Gießen, 12. Januar. Am 3. d. Mts. ist unser, seit 3 Jahren in Pension getretener, in letzter Zeit bei seinem Sohn in Frankfurt lebender Lehrer und Vorbeter Herr Salomon Mayer verschieden. Wäre der Tag seiner Beerdigung nicht ein kurzer Freitag bei großer Kälte gewesen, mein hohes Alter würde mich nicht abgehalten haben, ihn zur letzten Ruhe zu begleiten und ihm den wohlverdienten ehrenden Nachruf zu widmen. Denn Niemand wäre berufener dazu gewesen, als ich, unter dessen Augen er nahezu 50 Jahre das Doppelamt des Religionslehrers und Vorbeters in würdigster Weise und treuester Gewissenhaftigkeit bekleidet hat. Er war ein Lehrer und Vorbeter, der mit seminaristischer Bildung genügendes rabbinisches Wissen verband, um das Rabbinat in Verhinderungsfällen zu vertreten. Er war der Freund und Berother von Alt und Jung der Gemeinde; und Alt und Jung achteten ihn hoch und waren ihm mit dankbarer Verehrung und Liebe ergeben. Ganz besonders aber freut es mich, sagen zu können, was grade nicht überall der Fall ist, daß zwischen ihm und dem Rabbinate stets das beste freundschaftliche Verhältniß bestanden hat und niemals ein Schatten von Mißverständniß zwischen beiden aufgetaucht ist. Und so wird sein Angedenken bei mir, wie bei der gesammten Gemeinde in gesegneter Erinnerung bleiben. Rabbiner D r. Le v i. Oesterreich - Ungarn» □ Wien, 15. Januar. Das Leichenbegängnis des Dr. Jellinek gestaltete sich zu einer imposanten Trauerseier, an der alle Kreise der Bevölkerung Antheil nahmen Einige Tage später aber hat das ent'anv terrible der gemeinderäthlichen Antisemitenfraktion Herr G r e g o r i g, eine Interpellation eingebracht, um die ihn keiner seiner Gesinnungsgenossen zu beneiden Ursache hat. Gregorig fand in der Thatsache, daß bei km Leichenbegängnisse des Oberrabbiners Dr. Jellinek in einigen Straßen welche der Leichenzug passirte, das Gas in den Laternen angezündet war einen Anstoß. Es war dem Vorsitzenden leicht, diese wenig taktvolle Interpellation in einer Weise zu beantworten, daß Herr Gregorig alle Lacher gegen sich hatte und er überdies die Anerkennung der Generosität der Gasgesellschaft vernehmen mußte, was Herrn Gregorig unangenehm genug gewesen sein mag. Ter Zwischenfall nahm folgenden Verlauf: In einer Interpellation weist GR. Gregorig darauf hin, daß bei den Leichenbegängnissen des Prälaten Doktor Sebastian Brunner und des Gemeinderathes Ferdinand Mayer die Straßen, welche die Leichenkondukte passirten, nur „von der guten Mutter Sonne beleuchtet" gewesen seien, während in allen Straßen, durch welche sich der Leichenzug des