Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1894)
- Date
- 1894-01-19
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Oberrabbiners Adolf Jellinek bewegte, die Gasflarnmen angezündet worden sein. Der Interpellant fragt, wie der Bürgermeister „diesen Zwiespalt in der Natur (des Gaslichtes)" zu erklären vermöge und ob er geneigt sei, die Kosten der Beleuchtung beim Leichenbegängnisse Doktor Jellinek's von seinen 24,000 fl Gehalt in Abzug bringen zu lassen. Bürgermeister Dr. Prix erwiederte, er habe immer geglaubt, daß wenigstens der Tod versöhne, und sei daher einigermaßen über diese Interpellation erstaunt. Er nehme aber keinen Anstand, dieselbe zu beantworten Auf ein an ihn gestelltes Ersuchen habe er die Anzündung der Gasflammen angeordnet. Was die Kosten hierfür betreffe, habe sich die Gasgesellschaft für die Beleuchtung bei Leichenbegängnissen noch nie einen Kreuzer zahlen lassen. Türkei. tz. Jerusalem, 27. Dezember. Vor Kurzem hat sich hier eine Geschichte ereignet, über die man lachen könnte, wenn sie nicht so traurig wäre. Der Redakteur der hebräischen Zeitung „Haz’bi,‘- Ben Jehuda, brachte zu Chanukah einen Artikel, in welchem er darauf hinwies, daß es Aufgabe der Juden sei, gleich den Makkabäern für ihr Bekenntniß treu einzustehen, „Kraft zu sammeln und vorwärts zu schreiten". Selbstverständlich hatte der Autor mit dieser Phrase nichts Anderes sagen wollen, als daß wir Kraft aus unserem Schriftthum sammeln und in der Verbreitung seiner Kenntnisse vorwärts schreiten sollen; eine Redewendung, die oft angewendet wird. Doch man höre und staune, was aus diesem unschuldigen Satz gemacht wurde. Die Chalukmänner in Jerusalem, denen Ben Jehuda wcgew seines Freisinns, seiner Wahrheitsliebe und seiner eifrigen Propaganda für die Unterstützung der Kolonisten schon lange ein Dorn im Auge war, hatten nichts Eiligeres zu thun, als den türkischen Behörden die Meldung zu machen, daß Ben Jehuda die Juden aufgefordert habe, „ein Heer zu sammeln und nach Osten zu marschieren". Die Folge dieser Denunziation war, daß Ben Jehuda, sowie sein Schwiegervater, der eigentliche Verfasser des Artikels, wegen Aufreizung zur Revolution zu einer Zuchthausstrafe von einem Jahr verurtheilt worden sind, während gleichzeitig das Erscheinen des „Haz’bi“ für immer verboten wurde. Doch mit diesem ihrem Erfolg begnügten sich die Chalukamänner nicht; sie bestürmten vielmehr die Rabbiner Jerusalems, Ben Jehuda und seinen Schwiegervater in den Bann zu thun, was auch geschah. Hierdurch hat sich die Sache her völlig Unschuldigen, wie jeder Kundige auf den ersten Blick sieht, bedeutend verschlimmert, denn dadurch, daß die Rabbiner sie in Bann gethan, muß die türkische Regierung doch erst recht glauben, daß sie schuldig seien. — Das ist die neueste tragische Geschichte aus der heiligen Stadt. Daß die besseren Juden über diesen Schurkenstreich der Chalukamänner, dieser Bettler und Schnorrer, die, um das Heft in Händen zu behalten, auch die verwerflichsten Mittel anzuwenden sich nicht entblöden, im höchsten Grade entrüstet sind, bedarf nicht erst gesagt zu werden. Die Angeklagten haben an das Appellationsgericht in Beyruth (Syrien) appellirt Wir wollen hoffen, daß das Appellationsgericht das Urtheil der ersten Instanz rückgängig machen wird. Von Nah und Fern. Der bekannte Sanitätsrath Dr. E. Friedberg beging am 9. Januar in voller Rüstigkeit seinen achtzigsten Geburtstag. Dr. Friedberg stammt aus einer echten Arztfamilie. Der in den weitesten Kreisen der Berliner Armen bekannt und beliebt gewesene Geheimrath Friedberg, der als ein hoher Achtziger vor einigen Jahren das Zeitliche segnete, war des Jubilars älterer Bruder, der gleichfalls schon verstorbene Breslauer Professor Hermann Friedberg sein jüngerer. -- Süddeutsche Blätter berichten von zwei Selbstmorden. Der Schriftsteller Gustav Salmony aus Hadamar hat in einem hinterlassenen Briefe angegeben, er nehme sich das Leben, weil er mit seinen „dramatischen Arbeiten nirgends landen" könne und daher auf die „schriftstellerische Karriere verzichten" müsse. — In Würzburg hat sich der jüdische Buchhändler Gold stein im Alter von 72 Jahren erschossen. Sein Spezialgeschäft war katholische Theologie. — Am ersten Januar cr. feierte Herr Simon Gradenwitz in Breslau sein 25jähriges Amtsjubiläum als Lehrer an der Synagogen-Gemeinde. Der Jubilar wirkt auch ca 33 Jahre als wissenschaftlicher Lehrer an der Industrieschule für israelitische Mädchen. — Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur zu Cassel sprach jüngst Herr Rabbiner Dr. Rosenthal aus Rogasen über Kohelet, Hamlet und Faust. Der Vortrag wurde mit großem Beifall ausgenommen. — Wien. Zu Marine-Assistenzärzten in der Seewehr wurden ernannt: der Reserve- Assistenzarzt-Stellvertreter Dr. Isidor Stein und der Titular-Eleve erster Klasse in der Reserve Dr. Emil Aufricht. — In Budapest ist Herr Jakob Nasch auer, ein Bruder des ehemaligen Präsidenten der Wiener Getreidebörse Herrn Wilhelm Naschauer, gestorben. — Nach der „Oesterr. Wochenschr." kommt der Name Goetz von Ger Zedek. Der erste Träger dieses Namens war also ein Christ, der zum Judenthum übergetreten und deshalb den Namen „Goetz", Abbreviatur von „Ger Zedek", d. i „gerechter Fremdling" (Proselyt), annahm. Es darf dem Herrn Dr. Rudolf Goetze in Würzburg nicht unangenehm sein. — In Czernowitz ist dieser Tage der angesehene Kaufmann Herr Salomon Mandl plötzlich gestorben. Herr Mandl war eine in allen Kreisen hochgeachtete und beliebte Persönlichkeit. Das Leichenbegängniß fand unter großer Theilnahme statt. — Der Redakteur des antisemitischen Blattes „ Unsere Interessen", Huschet, wurde vom Ausnahmegericht in Prag wegen eines judenfeindlichen Artikels zu einer Woche Gefängniß verurtheilt. — In der Prager Stadtverordnetenversammlung vom 3. Januar führte Brezowsky aus, das Hauptkontingent der deutschen Schulen stellten israelitische Kinder, deshalb werde der Antisemitismus fortdauern, so lange die Juden in den Reihen der Czechenfeinde ständen. So geht es den Juden; Geberden sich einige als Czechen, setzt es Prügel, sind andere wieder Deutsche, bekommen sie auch wieder Prügel. - In Smirzitz bei Königgrätz wurden der Kaufmann Löwy, ein 73jähriger Greis, seine Gattin und zwei Töchter im Alter von 25 und 9 Jahren ermordet und beraubt. Die dritte 17 Jahre alte Tochter wurde schwer verwundet, aber nur betäubt und bezeichnete als Thäter die berüchtigten Vagabunden Brüder Direcky, denen die Gensdarmerie auf der Spur ist. — Herr Dr. .Salomon Fuchs ist einstimmig zum Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Kojetein (Mähren) gewählt worden. Sein Vorgänger war der um die talmudische Wissenschaft hochverdiente R. Jakob Brüll. — Der Gemeinderath der Landeshauptstadt Brünn hat beschlossen, das vom Landes - Rabbinatsverweser Dr. Placzek bei der mährischen Statthalterei gestellte Ansuchen um Bewilligung zur Errichtung einer Lehranstalt für Rabbinats-Kandidaten beim israelitischen Tempel in Brünn konform mit dem Votum des Bezirksschulrathes zu empfehlen. — Am 5. d. Mts. wurde in Kostet der 85jährige Rabbiner Samson Kulke, der Nestor der mährischen Rabbiner, der Vater des Schriftstellers Eduard Kulke, begraben, welcher durch volle 55 Jahre als Seelsorger in der Kosteler Kultusgemeinde gewirkt hatte. Der Pfarrer von Kostet, Herr Dechant Ignaz Konecny, gab dem Verstorbenen bis zum Friedhofe das letzte Geleite, um so, wie er sich zum Sohne des Verstorbenen äußerte, „seinem Amtskollegen" die letzte Ehre zu erweisen. — Im englischen Unterhause wünschte der Radikale Conybeare die Anstellung einiger jüdischer Fabrikinspektoren im Ostende Londons, wo eine zahlreiche jüdische Arbeiterbevölkerung des Englischen nicht mächtig sei, sondern nur „jüdisch" verstehe. Der Minister des Innern hielt das nicht für nöthig, sondern die Anschlagung der Fabrikakte in „jüdischer" Sprache in den betreffenden Werkstätten für ausreichend. — Die Akademie der Wissenschaften in Petersburg wählte den Professor Pringsheim in Berlin zum Ehrenmitgliede. — Die nach dem Tode ihres Redakteurs, A. Zederbaum, nur mit Unterbrechungen erschienene hebräische Tageszeitung „Hameliz" wird nunmehr unter der Redaktion des früheren Mitarbeiters L. Rabbinowitz wieder regelmäßig erscheinen. — David Cah ane in Od essa hat die Werke des Aben Esra gesammelt und herausgegeben. 10 Jahre verwendete er auf diese verdienstvolle litterarische That. - Die israelitische Wohlthätigkeitsgesellschaft in Genua hat soeben ihren Jahresbericht erscheinen lassen und aus Pietät für ihren Gründer und Präsidenten Adolf Bingen den Namen des Vereins in ,8oeiei.a di Beneficenza Israelitica Adolfo Bingen“ umgewandelt. Signor Adolfo Bingen hatte sich mit so viel Liebe und Interesse des Vereins angenommen, ihn so sehr gefördert, daß er diese Ehre wohl verdiente Merkwürdigerweise erlitt er bei einer Sitzung des Vereines einen Schlaganfall und hauchte dort mit einem letzten Segenswunsch für denselben sein Leben aus. — Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.