Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1894)
- Date
- 1894-01-19
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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tüchtiger Pädagoge wohl bekannt, der sich durch die gewissenhafte Revision der Religionsschulen seines Bezirks den Gemeindebund zu Dank verpflichtet hat; ein geschätzter Mitarbeiter unseres Blattes. K. Thorn, 31. Dezember. *) Noch vor Schluß des Kalenderjahres bin ich in der Lage, über den neu gegründeten „Litteratur- und Kultur-Verein" zu berichten. Die erste Versammlung, — in ihrem letzten Theile zugleich Generalversammlung — zu welcher sämmll^che Mitglieder unserer Gemeinde brieflich aufgefordert waren, fand Sonnabend, den 30. d. M., in der Aula unseres Gemeindehauses statt Es fanden sich 140 Mitglieder ein, so daß die Aula bis auf den letzten Platz gefüllt war. Herr Rabbiner Dr. Rosenberg eröffnete die Versammlung, sprach zunächst über die dieser Versammlung vorangegangenen Berathungen und wies mit beredten Worten auf die Zwecke und Ziele des Vereins hin. Hierauf nahm Herr Gymnasial - Oberlehrer Dr. Horowitz das Wort und ergänzte den Vortrag des Herrn Dr. Rosenberg, indem er insbesondere erörterte, weshalb der Verein zugleich „Kultur-Verein" heiße. In der dem Redner eigenen, mit zündenden Worten auf die Zuhörer wirkenden Weise wies derselbe darauf hin, daß es in heutiger ernster Zeit nicht allein genüge, geistiges Wissen gewissermaßen theoretisch sich anzueignen, sondern daß es sich vor Allem auch darum handele, praktisch zu bethätigen, unsere, wenn auch unverschuldet uns anhaftenden Eigenthümlichkeiten abzulegen und insbesondere uns mehr dem Handwerk zu widmen. — Die Versammlung erklärte sich mit den Ausführungen der Herren Redner einverstanden, wenn auch bei der nun folgenden Generaldebatte einzelne Mitglieder gegen die Vereinigung beider Namen des Vereins sich aussprachen. Hierauf wurde das von 20 Mitgliedern aller Berufsarten in den Vorberathungen entworfene Stalut, dessen wichtigste Punkte zur Verlesung kamen, en bloa angenommen, und in der nun eintretenden Pause bedeckten sich die Listen mit zahlreichen Eintragungen als Mitglieder des Vereins, so daß der Vorsitzende vor dem eigentlichen Beginn der Generalversammlung die für den Anfang stattliche Zahl von 130 Mitgliedern mittheilen konnte. Es folgte dann die Vorstandswahl, und wurden als Mitglieder des Vorstandes gewählt: die Herren Rabbiner Dr. Rosenberg (1. Vorsitzender), Dr. Horowitz (2. Vorsitzender), Kaufmann Adolf Jacob (Schatzmeister), Rechtsanwalt Dr. Stein (1. Schriftführer und Bibliothekar), Kaufmann Adolf Sultan jun (2. Schriftführer), Photograph Alex. Jacoby und Bäckermeister Herm. Levinsohn als Beisitzer. — Sonntag, den 14. Januar, findet der erste Vortragsabend statt. Aus der Provinz Posen, 8. Januar. Am 25. vorigen Monats fand in Buk im Grätz'schen Saale ein vom jüdischen Wohlthätigkeitsverein veranstaltetes Festessen statt. Ter Vorsitzende, Herr Lehrer Spiel doch, begrüßte die Festversammlung im Namen des Vorstandes und gedachte der im verflossenen Jahre verstorbenen Vereinsmitglieder. Bei der Tafel galt das erste Hoch dem Kaiser, in welches die Anwesenden begeistert einstimmten. In einer Ansprache wies der Vorsitzende auf die löblichen Tendenzen des Vereins hin, dessen Mitglieder es sich zur Pflicht gemacht haben, bei erkrankten Mitgliedern Nachtwachen zu halten, Leichen zu bestatten und bedürftigen Mitgliedern zinsfreie Darlehen zu gewähren. In gehobener Stimmung blieben die Festtheilnehmer bis Mitternacht zusammen. Bemerkt sei, daß im Anschluß an diesen Verein in Buk seit 2 Jahren ein jüdischer Frauenverein besteht. — Am 2. Weihnachtsfeiertage beging der Händler Hei mann Joske mit seiner Ehefrau in Birnbaum das Fest der goldenen Hochzeit. — Am 25. v. Mts. feierte die in der jüdischen Gemeinde zu Kriewen bestehende „Chewra Kadischa" das Fest ihl^es 25jährigen Bestehens. Am Abend fand ein Festessen statt. — Nachdem der Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Rawitsch, Herr Dr. Löb, bereits vor den Weihnachtsfeiertagen in der Aula des dortigen Realgymnasiums vor dem Lehrerkollegium und den Schülern der genannten Anstalt und kurz darauf in der Synagoge von der zahlreich versammelten Gemeinde feierlichen und herzlichen Abschied genommen hatte, hat derselbe nunmehr mit seiner Familie die Stadt verlassen, um mit dem neuen Jahre seine Stelle als Landesrabbiner von Emden anzutreten. Die Stadt verliert in ihm einen Mann von Thatkraft und ausgezeichneter Gelehrsamkeit. — In der letzten Stadtverordnetensitzung in Ostrowo wurde Justizrath Meyer zum Stadtverordneten-Vorsteher und Mühlenbesttzer Fabian Fränkel zum Schriftführer gewählt. — Am verflossenen Sonnabend Abend hielt der Abgeordnete Liebermann *) Unlieb verspätet. von Sonnenberg in Aargenau einen 3stündigen Vortrag über das Thema: „Das deutsch-soziale Programm — ein Weg zur Rettung unseres Mittelstandes." Am Schlüsse wurde dem Redner vom dortigen Reform- Verein ein Lorbeerkranz überreicht. Es machte übrigens einen wohlthuenden Eindruck, als der Redner speziell die Deutsch-Sozialen aufs Schärfste warnte, einen Israeliten zu beleidigen oder zu verhöhnen. Es sei das ungesetzlich und unvereinbar mit den Zielen des Deutsch-Sozialismus, der vom Radauantisemitismus nichts wissen wolle. — Im „israelitischen Krankenverein" zu Wreschen fand dieser Tage unter Leitung des Kaufmanns Hermann Ziegel eine Generalversammlung statt. Das Vermögen betrug 879.08 Mark, die Ausgaben 304.10 Mark, sodaß ein Bestand von 574.98 Mark verbleibt. Die Herren Ziegel, Kantorowicz, Zlotnicky und Türk wurden wieder-, Kaufmann Pollack neugewählt. Im Hanse des Kaufmanns Ziegel tagte auch der Beerdigungs-;Verein, dessen Einnahmen 135.50 Mark und dessen Ausgaben 24 Mark waren. X Rawitsch, 8. Januar. Einen schweren, unersetzlichen Verlust hat unsere Glaubens- und Stadtgemeinde, wie die gesammte Judenheit, in den ersten Tagen des neuen Kalenderjahres erlitten. Dienstag, den 2. Januar, hat ein Herz voll edler Menschenliebe zu schlagen aufgehört. Der frühere Kaufmann und Rittergutsbesitzer Louis Still mann wurde aus diesem Leben in ein besseres Jenseits abberufen. Seiner Familie ist das heißgeliebte Oberhaupt, der hiesigen jüdischen Gemeinde ihr Führer und Vorsteher, ihre Zierde und Krone, der Kommune der Mann, der „für ihr Wohl lange Jahre als Stadtverordneter in Liebe gearbeitet hat", dem Judenthum ein treuer Bekenner entrissen worden. Der Verblichene war ein Sohn unserer Stadt und wurde schon verhältnißmäßig frühzeitig zu den höchsten Ehren berufen. Bereits in jugendlichem Alter wurde er in den Vorstand der jüdischen Gemeinde gewählt, dem er ununterbrochen über 40 Jahre angehörte, und dessen Vorsitz er fast dieselbe Zeit hindurch führte. Mit Allem, was in dieser Zeit in der Gemeinde gewirkt und geschaffen wurde, ist sein Name eng verknüpft. Durch seine Opfermüthigkeit und seine Anstrengung gelang es, den Bau eines neuen, würdigen Gotteshauses zu ermöglichen. In Anerkennung seiner Verdienste überhaupt, speziell aber beim Bau der Synagoge, ernannten ihn die Gemeindekörperschaften zum immerwährenden Gemeindemitgliede. Aber nicht nur bei seinen Glaubensgenossen, sondern auch in der ganzen Stadt erfreute er sich der größten Hochachtung; war er doch, wie der Magistrat der hiesigen Stadt in seinem Nachrufe schreibt, „liebreich und freundlich gegen Jedermann, ein väterlicher Freund, Berather und Versorger der Armen unserer Stadt, und hat doch der unvergeßliche Wohlthäter in der reich dotirten Kaufmann Louis Stillmann-Stiftung, welche er zum Andenken an die glorreichen, letzten Kriege errichtete, viele Thränen trocknend und Segen spendend, sich selbst das schönste Denkmal in den Herzen der Rawitscher Bürgerschaft erbaut." Sein König zeichnete ihn für solches Thun durch Verleihung hoher Orden aus. Von der Achtung, die der Verstorbene genoß, legte sein Leichenbegängniß das beste Zeugniß ab. Unter Voranschreiten der Schüler der hebräischen Unterrichtsanstalt bewegte sich der lange Leichenkondukt, in dem wir die Spitzen der königlichen und städtischen Behörden bemerkten, vom Trauerhause nach der Synagoge, woselbst auf einstimmigen Beschluß des Gesammtvorstandes dein edlen Todten eine Ehrung zu Theil wurde, wie sie in unserer Gemeinde bisher noch keinem Verblichenen widerfahren ist. Die Trauerrede hielt im Namen der Familie der intime Freund des Verstorbenen, Herr Rabbiner Dr. Ungerleider-Berlin. In beredten Worten und bekannter Meisterschaft schilderte der Redner in herzergreifender Weise das Leben Louis Stillmann's und den Segen, den der Verklärte nach allen Seiten hin spendete. Er dankte ihm im Namen der Gattin, der Familie, der Freunde, der Gemeinde, der Stadt, der Gesammtheit für alles Gute, das er geschaffen. Dann betrat Herr Rabbiner Dr Bäck-Lissa im Namen der Gemeinde die schwarz drapirte Kanzel und verglich den Verstorbenen mit einer alten Ceder des Libanon, von der die Sage geht, daß sie, wenn gefällt, niemals mehr zu ersetzen ist. In von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Worten pries er Louis Stillmann als Führer seiner Gemeinde, als Bürger, Wohlthäter, Patriot und Jude. Von der Synagoge bewegte sich der Zug nach dem Friedhofe, wo nach einem Gebete des Herrn Dr. Ungerleider die Beisetzung erfolgte. Unvergessen wird der Name Louis Stillmann bei all denen sein, die mit ihm in Berührung zu kommen Gelegenheit hatten. Er ruhe in Frieden!