Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1894)
- Date
- 1894-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228044--50539-3273351- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
58. Jahrgang. Nr. 3. Berlin, 19. Januar 1894. Der Gerneiridebote. WeiLage zur „Akkgemeinen Zeitung des IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. A Berlin, 12. Januar. Am 6. Januar hielt Herr Rabbiner Dr. Stier in der Alten Synagoge, anknüpsend an den Bibeltext: „Dein Bruder Aron wird sprechen für dich" eine Gedächtnißrede auf den unvergeßlichen Dr. Adolf Jellinek. Er gedachte in weihevollen Worten des Dahingeschiedenen, schilderte seine Wege auf wissenschaftlichem Gebiete, seine epochemachende Bedeutung für die jüdische Kanzelberedtsamkeit. Er sei Dichter und Denker zu gleicher Zeit gewesen; er habe vom Dichter die Form, vom Denker die Tiefe gehabt Besonders hob der Redner den muthigen Zug in Jellineks Charakterbild hervor. Denn unbekümmert um das Gefallen der Mächtigen habe er zu Zeiten der Reaktion und auch späterhin für die Freiheit des Gedankens und Wortes gesprochen und gekämpft. Jellinek war nicht, wie es bei den meisten Kanzelrednern der Fall ist, von Zagen ergriffen, wenn er die Juden mit den Nichtjuden vergleichend die Vorzüge der ersteren schildern sollte. Er kündete mit glühender Liebe die guten Seiten seines Stammes, dem er zugethan war, wie kaum einer der heute Lebenden. Sein liebevolles Herz und sein stets hilfreiches Wesen sichert ihm auch als Menschen ein unvergängliches Andenken in ganz Israel. Die tief ergriffene Gemeinde gab durch Erheben von ihren Plätzen kund, daß sie den großen Todten zu ehren wisse. E 8. Berlin, 15. Januar. Der Verein der Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums veranstaltete gestern in der Aula der jüdischen Knabenschule am ersten „Jahrzeitstage" eine Gedenkfeier für Dr. David Cassel. Wer dieser Feier beigewohnt hat, der wird den Eindruck empfangen haben, daß der Verewigte, der in den Herzen seiner Schüler sich ein dauerndes Denkmal errichtet auch eine große Anzahl wahrer Freunde und Verehrer besessen hat Die große Aula der jüdischen Knabenschule war bis auf den letzten Platz von Teilnehmern gefüllt. Unter den Erschienenen bemerkten wir außer dem Lehrerkollegium, dem Kuratorium und der Hörerschaft der Lehranstalt auch die Dozenten und Schüler des Hildesheimerschen Seminars, wie viele andere hervorragende Männer unserer Gemeinde. Der Schwiegersohn des Verewigten war aus Dresden zur Feier herbeigeeilt. Die ehrwürdige Wittwe mußte derselben auf dringendes Anrathen des Arztes fernbleiben. — Eingeleitet wurde die Feier durch einen Chorgesang. Hierauf begrüßte der zeitige Vereinsvorsitzende die Erschienenen und wies auf die Veranlassung und den Zweck der Feier hin. Die Schüler des Verewigten hätten dieselbe aus eigenem Antriebe veranstaltet, weil sie es für eine heilige Pflicht hielten, das Andenken ihres shochverehrten Lehrers bei der ersten Wiederkehr seines Sterbetages zu ehren Er dankte sodann allen denen, die sich besonders um das Zustandekommen der Feier verdient gemacht haben, dem Vorstande der jüdischen Gemelnde für die freundliche Ueberlaffung der Aula, Herrn Direktor Dr. Holzmann für dessen liebenswürdiges Entgegenkommen und dem Chore des jüdischen Lehrerseminars für die Uebernahme des gesanglichen Theiles. — Die eigentliche Gedenkrede hielt Herr Dr. S. Samuel, der unter den gegenwärtigen Hörern der Lehranstalt am längsten zu Cassels Füßen gesessen. Er entrollte nicht nur ein Lebensbild des Verewigten, sondern gab auch einen Ueberblick über das immense geistige Schaffen des großen Meisters der jüdischen Wissenschaft, der sich durch seine sorgfältigen Arbeiten ^und^sgediegenen Werke weit über Europas Grenzen hinaus einen klangvollen Namen erworben habe. Seinen Schülern sei er stets mehr als ein Lehrer gewesen; ihr Fortkommen habe ihm am Herzen gelegen wie einem Vater. Er gleiche der Sonne, die, wenn sie auch unseren Augen entschwunden, dennoch immer fortleuchte. — Abermaliger Chorgesang beschloß die Feier, die wohl auf jeden Theilnehmer einen erhebenden nachhaltigen Eindruck gemacht und das Andenken an David Cassel in allen Herzen neu belebt hat. F. Berlin, 14. Januar. Die hochherzige Spende des Manheimer'schen Ehepaares zur Errichtung eines neuen Hospitals lenkt die Aufmerksamkeit zurück auf die früher schon von Herrn Moritz Manheimer und Frau Bertha Manheimer begründete Stiftung der neuen Altersversorgungsanstalt in der Schönhauser-Allee 22, eine Ergänzung zu der jetzt 65 Jahre bestehenden Anstalt auf dem Grundstück Große Hamburgerstr. 26. In diesen beiden Anstalten werden im Durchschnitt 140 Hospitaliten verpflegt, an denen hier das Psalmwort (71, 9) seine Kraft bewährt: :\3=wn bx TD HJpl ni?S ha »Verwirf mich nicht zur Zeit des Alters, wenn meine Kräfte schwinden, verlasse mich nicht." Herr Moritz Manheimer und Gemahlin errichteten am Tage ihrer silbernen Hochzeit im Jahre 1880 die neue Anstalt, schenkten die Einrichtung und schufen einen Anbau an die neue Anstalt. Zum Andenken an seinen verstorbenen Bruder errichtete Herr Moritz Manheimer eine Spezialstiftung unter der Bezeichnung: David und Friederike Manheimer-Stiftung. Der tiefsittliche Gedanke, wie er in der sinnigen Fürsorge des Judenthums für das hilfsbedürftige Alter in Erscheinung tritt, hat auch andere Wohlthäter zu namhaften Stiftungen angeregt und so das Wort des seligen Rabbiners Dr. Frankl bei der Einweihung der neuen Anstalt in Erfüllung gehen lassen: „O, daß Alle, die an diesem Hause vorüberziehen werden, nachdem sie in der nachbarlichen Umgebung des Todes siegreiche Gewalt erkannt, hier dazu beitrügen, durch die siegreichere Macht der Liebe angesichts des Todes ihm seine vorzeitigen Opfer zu entreißen, — fällt doch in Israel ein Widerschein von des Patriarchen Hoheit auf jedes in Ehren ergraute Haupt zurück. Gerade daß keine Gegenleistung zu erwarten ist, macht dieses Liebeswort zum blD "Tön- Und wie oft mag es in Wirklichkeit nur äußeres Ungemach verschuldet haben, daß, die dort ein Asyl, eine Heimstätte gefunden, nicht im eigenen glanzvollen Heim gefeiert dastehen." Zu einer solchen neuen Heimstätte hat das edelfinnige Stifterpaar, das der erwähnten Einweihung fern blieb und an seinen: Ehrentage am Geburtsorte des Stifters weilte, jetzt auf's Neue die Grundlage geschaffen. Möge auch dieses Haus bald erstehen, eine stillberedte Widerlegung der Widersacher des Judenthums, eine siegreiche Abwehr des Unglimpfs gegen unseren Namen. Vor Freund und Feind lege sie Zeugniß ab, wie Israel, ob es auch an allen gemeinnützigen Strebungen der Menschheit, des Vaterlandes in Staat und Stadt Antheil nimmt mit Herz und mit Hand, dennoch durch erhöhte und gesteigerte Opfersreudigkeit auch noch den besonderen Pflichten als Religionsgemeinschaft zu genügen suche, allein aus eigener Kraft, aus dem Edelsinn der Einzelnen, wie aus dem Zusammenschluß der Kräfte im gemeindlichen Verbände! 2. Berlin, 18. Januar. Die auch von uns in der Wochenschau dieser Nummer reproduzirte Meldung der Preuß. Lehrerzeitung über die Vertheilung von antisemitischen Jugendschriften an die Schülerbibliotheken seitens der königlichen Regierung zu Bromberg hat die Regierung, wie die Ostd. Pr. inzwischen berichtet, bereits zu Erhebungen über den Fall veranlaßt. * Berlin, 15. Januar. Der Staatsanwalt des Landgerichts I hat nunmehr gegen den bekannten Antisemiten Schwennhagen, gegen Ahlwardt und dessen Freund, den sogenannten Schriftsteller Black- Podgorcky, Anklage wegen Beleidigung des Finanzministers Miquel erhoben. Es handelt sich um drei gesonderte Strafsachen, die aber wegen des gleichartigen Charakters zu einem Strafverfahren vereinigt find. Ahlwardt und Schwennhagen sollen die Beleidigungen in den Versammlungen begangen haben, über die seiner Zeit berichtet wurde, Black in der bekannten, auf Grund des sogenannten Ahlwardt'schen Aktenmaterials ausgearbeiteten Broschüre. Ahlwardt fitzt in Strafhaft; die beiden Anderen befinden sich in Untersuchungshaft. * Berlin, 15. Januar. Wir erfahren von zuverläjfiger Seite, daß der in Nr. 52 des vorigen Jahres dieser Zeitung S. 619 in dem Aufsatz von Prof. Steinthal, Anmerkung 2 erwähnte Rabbiner, Enkel des Rabbi Josua Falk, der Herr Dr. Falk Cohn, Rabbiner in Bonn, ist, als