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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-19 · Heft 3 (19.1.1894) · p. Seite 35

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 3 (19.1.1894)
Date
1894-01-19
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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35 Endlich bekamen sie das bestellte Sodawasser mit Cognac und konnten nun in Ruhe über die Erlebnisse des Abends sprechen. „Hast Du Dich amüsirt?" fragte Holger. „Nein!" gähnte der Maler, indem er seine langen Glieder streckte daß der Stuhl unter seinem Gewicht ächzte. „Du weißt ja, daß ich nur Deinetwegen dahin ging. Ich kann diese schwarze Raffe nun einmal in den Tod nicht leiden." „Dein Aufenthalt in Berlin scheint Dich ja zu einem vollständigen Judenfreffer gemacht zu haben. — Kennst Du vielleicht Herrn Stöcker persönlich?" fragteHolger mitJronie, welche Anders jedoch nicht verstand. „Leider nicht. — Das ist ein Mann, vor dem nian seinen Hut abnehmen kann. — Weißt Du, daß man in Berlin schon soweit in der Kultur ist, daß man in mehreren der besseren Cafäs schon die Inschrift an der Thür findet: „Juden haben keinen Zutritt." Sie haben doch Charakter, diese Deutschen!" „Gott bewahre uns vor solchem — Charakter!" sagte Holger, einen Schluck aus seinem Glase nehmend. „Und das nennst Du Kultur! Da glaubt man sich ja ins Mittelalter zurückversetzt — es ist ein grenzenloser Mangel an Humanität, den man mit dem sonst so hochgepriesenen Gerechtigkeitsgefühl der Deutschen für unvereinbar halten sollte. — Wir wollen aber heute Abend alle antisemitischen Fragen ruhen lassen. Du bist ungenießbar, lieber Anders, wenn Du auf dies Thema geräthst." Nach einer Pause, in welcher er einige lange Züge an seiner Cigarre gcthan, fragte Holger dann: „Jedenfalls mußt Du mir aber einräumen, daß Fräulein Rachel wunderschön ist. Sie ist den übrigen Hauptstädterinnen durchaus unähnlich." „Hm!" — Wunderschön? — Nun ja, warum nicht . . . Man könnte sie als Modell zu einer Königin Esther oder der Sulamith nehmen, wie sie das Hohelied schildert — eine dunkeläugige Sulamith, die von der Sonne gebräunt, zwischen den Weinbergen umherirrt und ihren Geliebten sucht . . . Sie versteht es, sich zu kleiden ... ein raffinirter Geschmack ... Die purpurfarbene Seide und der goldene Gürtel kontrastirten wunderbar mit dem dunklen Haar und den schwarzen Augen." „Nicht wahr!" rief Holger lebhaft, und wie vornehm sie ist. Diese aristokratische Ruhe, diese sanfte Anmuth in allen ihren Bewegungen! — Unsere Komtessen und Baroneffen auf dem Lande kommen mir unbedeutend und bäurisch neben ihr vor!" „Man sollte fast glauben, Du wärst bis über die Ohren in Fräulein Joachim verliebt." Der Maler lachte gutmüthig — Holger erröthete leicht und drehte verlegen seinen blonden Schnurrbart. „Leider kannst Du sie nicht heirathen," fuhr der Maler neckend fort, „sie ist ja eine Jüdin." „Unsinn!" unterbrach Holger ihn. — Rachels eigenthümliche Frage kam ihm wieder in den Sinn. Was meinte sie eigentlich? „Ich höre schon Deine hochwohlgeborene Mama über die Mesalliance jammern. Das blaue Blut in ihr kocht vor Entrüstung. Ein Sprößling der Brock sich mit einer — Jüdin verheirathen!" „Höre nun endlich mit diesem Scherz auf," bat Holger ernsthaft. „Deine Gesundheit!" rief er darauf in einem andern Ton. „Ich trinke darauf, daß Du bald Dein letztes großes Bild verkaufst." „Danke, mein Junge! — Du kannst es ja selbst kaufen, wenn es Dir gefällt. — Das Geld dazu hast Du ja." Holger lachte gutmüthig. „Nein, Du weißt, daß meine Mutter solche Art Familien-Galerie nicht liebt. Wir haben ja schon zehn Bilder von Dir in Rosengaard." Der Maler lachte. „Du wirst ja beinahe witzig," sagte er und sie stießen kameradschaftlich an. (Fortsetzung folgt.) Naphael Goldschmrdt. Eine Erzählung aus Oberhessen von Ferdinand Runkel. (Fortsetzung.) n diesem Tage rief der Feist die jungen Leute vergeblich zum Essen, denn weder Raphael noch Rccha erschien, diese kramte unter ihren Sachen, jener hatte das Haus verlassen und war in den Wald gelaufen, um sich auszuweinen. Am liebsten wäre er sofort nach Hause zurückgekehrt. Er hatte doch jetzt Niemanden mehr als seine alten Eltern, denen er sein Leid klagen konnte. Er war jetzt ganz allein. Langsam stieg er vom Thiergartenteich den Ramsberg hinauf. Der Wald färbte sich schon bunt und die Moose auf den Gesteinen begannen zu vertrocknen. Immer höher eilte er hinauf, immer dichter wurde der Wald, immer einsamer die Gegend. Das gerade war ihm recht, er wollte keine Menschen sehen. Die Natur, die schweigende Dulderin allein konnte seinen brennenden Schmerz lindern. Manchmal blieb er stehen und jammerte laut: „Warum muß ich gerade so unglücklich sein." Da bemerkte er, in einen Hochschlag tretend, dicht vor sich, seinen Direktor. Der alte Schulmann hatte die Botanisirtrommel auf dem Rücken und suchte Pflanzen. Raphael wollte sich schnell zurückziehen, aber der Direktor hatte sich bei dem Rascheln der Tritt umgewandt und seinen Lieblingsschüler gesehen. „Ei grüß Gott, auch wieder im Land, die Ferien glücklich verbracht, lieber Goldschmidt? .... Aber um Gotteswillen, wie sehen Sie denn aus. Ist Ihnen etwas Unangenehmes passirt?" „Ach, Herr Direktor, ich bin sehr unglücklich! Aber das siud Dinge, die ich vor den Ohren meines Lehrers nicht laut werden laffen darf!" „Warum denn nicht? Ihr Lehrer ist Ihr bester Freund Herzenssachen nicht wahr, die kleine filia hospitalis, Hab' mir schon lange so was gedacht. Vertrauen Sie sich mir ruhig an. Sie haben keinen aufrichtigeren Freund. Denken Sie, ich sei Ihr Vater. Haben Sie Vertrauen zu mir!" Und Raphael erzählte dem Direktor den ganzen Hergang. „Laffen Sie sich das nicht nahe gehen. Sehen Sie, Sie sind ja noch so jung, die Welt-tzsieht Ihnen noch offen. Und glauben Sie mir, sie wären mit der Kleinen auch nicht glücklich geworden. Ein solches Mädchen dürfen Sie gar nicht heirathen. Das lähmt Ihre Erfolge. Sie werden doch einmal Professor der Mathematik werden „Dahin bringe ich es nie! Herr Doktor Ramsbcck wird schon dafür sorgen, daß ich nicht einmal durch's Gymnasium komme." „Der hat ausgesorgt. Ich habe ihm für das neue Semester das Ordinariat von Sexta anvertraut, damit er mir in der Prima nicht mehr Propaganda für die antisemitische Partei macht. Also haben Sie frischen Muth. Laffen Sie die Weiber. Umarmen Sie ihre Formeln. Mir ist es in meiner Jugend auch so gegangen. In drei Wochen, ja in vierzehn Tagen haben Sie Alles vergessen und lachen sich selber aus, daß Sie so dumm'gewesen sind, zu trauern." Der freundliche Direktor bewies, daß er nicht nur Kenner der Wissenschaften, sondern auch des menschlichen Herzens war. Sein Trost war der richtige, und indem er sofort den Geist des armen Gymnasiasten auf etwas Anderes lenkte, brachte er ihm Vergessen. Wohl zwei Stunden gingen sie plaudernd im Walde spazieren. Und als sie ihre Schritte nach Hause wandten, war es in Raphaels Innern merkwürdig ruhig geworden. Der weise Lehrer hatte ihm vorgestellt, wie unwerth Recha seiner Liebe sei, da sie ihn um eines Laffen, wie Bodenbender, hatte aufgeben können.

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