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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-19 · Heft 3 (19.1.1894) · p. Seite 32

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 3 (19.1.1894)
Date
1894-01-19
Page
Seite 32 (sequence 8)
Language
German
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32 der entgegengesetzten Seite liegen, als da, wo ihn Voltaire gesucht hat: „nämlich im übertriebenen Luxus, in der Verschwendungssucht, in Eitelkeit, in Passionen für das schöne Geschlecht." Hat Pinto mit seiner Schrift auf Voltaire selbst wenig gewirkt, so erwies sie sich wirksam insofern, als sie nicht blos französische und englische Publizisten, sondern auch Fachgelehrte veranlaßte, .für die Juden gegen Voltaire Stellung zu nehmen. So hat der Bibliothekar und Professor an der Sorbonne, Ladvocat, dem Pinto sein Buch überreicht hatte, in einem kurzen Briefe die Unhaltbarkeit und Unwahrheit der Voltaire'schen Darstellung aufgewiesen^). „Nichts ist ungerechter als die Verachtung, die man gegen die Juden hegt. Diese Verachtung ist bei dem niederen Volke verdammenswerth, um so mehr bei einem denkenden Menschen von Ehre... Die Unwissenheit und die Barbarei, die Voltaire den alten und den zeitgenössischen Juden vorwirft, ist selbst die Wirkung seiner Unwissenheit oder der Unkenntniß ihrer Sprache und Litteratur. Man sollte nicht aus barbarischen und sklavischen Uebersetzungen über Originalschriften urtheilen. Hiob, Mose, David, Salomon. Jesaias und die Mehrzahl der hebräischen Dichter stehen in nichts den griechischen, lateinischen oder französischen Dichtern nach, selbst Voltaire nicht ausgenommen. Die Hoheit und Majestät der Bilder und Bezeichnungen, die Erhabenheit der Gedanken und andere Züge, die das Genie und die großen Dichter charakterisiren, überragen in der hebräischen Litteratur die Poesie aller anderen Völker. Nicht blos Maimonides, sondern auch Jbu Esra, Abarbanel, Kimchi und mehrere andere hebräische Schriftsteller, waren den Schriftstellern der Nationen ihrer Zeit ebenbürtig. Raschi war der beste Kommentator seiner Zeit, und wir könnten auch moderne hebräische Dichter Anfuhren, von denen Voltaire Nutzen ziehen könnte, wenn er überhaupt im Stande wäre, sie zu verstehen. Was er von den Schelmereien der kleinen jüdischen Kaufleute und Händler sagt, hat nichts an sich, das sie nicht gemein mit den Leuten des Kleinhandels anderer Völker hätten; wenigstens lassen sich die Juden nicht durch Diebstahl hängen, oder es kommt selten vor. Ich bin Zeuge, daß seit 30 Jahren, seitdem ich in Paris wohne, nicht drei Juden wegen Diebstahls oder anderer Verbrechen verurtheilt worden sind. Im Allgemeinen sind die Juden von Seiten der Sitten mindestens ebensoviel werth wie die Leute von demselben Stande. Scheinbar war auch die bewegliche Apostrophe, die Pinto in sehr ehrerbietiger Form 26) an das größte Genie deS Jahrhunderts" gerichtet, nicht völlig wirkungslos. Die Antwort wenigstens, mit der Voltaire Pinto den Empfang seiner Schrift bescheinigt, läßt auf eine solche Sinnesänderung schließen. Da heißt es: „Die Zeilen, über die Sie sich beklagen, sind heftig und ungerecht. Es zixbt unter Ihnen unterrichtete und achtbare Männer. Ihr Brief hat mich davon überzeugt. Ich werde Sorge tragen, in der neuen Ausgabe einen Verbesserungs-Karton zu machen. Wenn man W) Veröffentlicht von Carmoly im 3. Bande der „Revue Orientale“, Seite 197. 26) In dem Briefe, mit dem Pinto B. seine Schrift übersandte, heißt es: II s'agit de vous faire parvenir une critique d’un endroit de vos immortels ouvrages; moi qui Ies admire le plus, moi qui ne suis fait que pour les lire en silence, pour les etudier et poür me taire. Mais comme je respecte encore plus l’auteur que je n’admire ces ouvrages, je le crois assez grand homme pour me pardonner eette critique en faveur de la verite, qui lui est si chere et qui ne lui est peut-fitre echappee que dans cette occasion.je me suis instruit dans vos ouvrages, qui ont de tout temps fait mes delices, ils m’ont enseigne ä vous combattre; ils ont fait plus, ils m’ont inspire le courage de vous en faire l’aveu. Unrecht hat, muß man es wieder gut machen, und ich habe Unrecht gehabt, einer ganzen Nation die Laster mehrerer Einzelner beizulegen^)." Einzelne Aeußerungen, die er später seinen früheren. Auslassungen über die Juden im Dictionaire hinzugefügt, sind auch in mancher Beziehung judenfreundlicher gehalten. Hat er früher die vielbestaunte Erhaltung der Juden, auch hierin treu seiner Methode: die größten Ereignisse der Weltgeschichte auf kleine Trieb, federn zurückzuführen, lediglich mit der Schmach zu erklären versucht, als die bei den Juden Unfruchtbarkeit stets gegolten —, „Die Juden", sagte er, „erkennen nur zwei Pflichten an: Geld und Kinder zu haben" —, so findet er jetzt schöne und warme Worte für das bewundernswerthe Märtyrerthum, mit dem die Juden an ihrer Religion stets fest gehalten, ja, er thut in diesem Zusammenhänge einen Ausspruch, den wir heut nicht ohne die schmerzlichste Wehmuth lesen können. „Das Judenthum ist jetzt unter allen Religionen diejenige, welche am wenigsten abgeschworen .wird2b)." Sonst aber bleibt Ton und Inhalt auch seiner letzten Expektorationen über die Juden derselbe cynische, frivole und, wo er Thatsächliches vorbringt, derselbe aller Wahrheit völlig ermangelnde^). Wie nun stehen wir zu diesem humanistischen 27) Vgl. Oeuvres, Bd. 42 S. 180. Les lignes, dont vous vous plaighez, monsieur, sont violentes et injustes.Quand on a un tort, il faut le reparer, et j’ai eu tort d’attribuer ä toute une nation, les vices de plusieurs particuliers. Es ist meines Wissens noch nicht angemerkt worden, daß Goethe eine Stelle aus der Antwort Voltaires in seinem Brief des Pastors zu*** an den neuen Pastor in*** citirt (Bd.3,S.64). „Man hält einen Aal am Schwänze fester, als einen Lacher mit Gründen. Es geschah dem portugiesischen Juden recht, der den Spötter von Ferney Vernunft hören machen wollte; seine Gründe mußten einer Sottise weichen, und statt seinen Gegner überführt zu sehen, fertigte ihn dieser sehr tolerant ab und sagte: „Bleibt denn Jude, weil ihr es einmal seyd"! Bleibt denn Philosoph weil ihr's einmal seyd, und Gott habe Mitleid mit euch! So pstege ich zu sagen, wenn ich mit so einem zu thun habe." 2«) Oeuvres Bd. 19 S. 524. Le judaisrne est maintenant de toutes les religions du monde celle, qui est la plus rarement abjuree 29) Vgl. Schlossers Geschichte des 18. Jahrhundert (3. Aufl. 1843) 2. Bd. S. 471. „Eigentliche Geschichte wird Niemand bei Voltaire suchen; er geht mit den Thatsachen um, wie mit den Menschen. . . . Leider war er selbst ein Sophist und gebrauchte auch die Geschichte für seine und seiner Schule Zwecke. . . . Jede historische Arbeit, die aus Voltaires Feder hervorging, hat einen berechneten Zweck; wenn man dies weiß und also die gewöhnliche historische Treue und Genauigkeit nicht mehr sucht, wird man seine Bücher mit großem Nutzen lesen." Wie zutreffend diese Bemerkungen von Schlosser sind, will ich an einem schlagenden Beispiele darlegen. Unter den Verunglimpfungen, die er uns zugefügt, könnte keine uns ruhiger lassen, als der von ihm uns angedichtete „Geiz". Wer uns Juden nicht blos vom Hörensagen oder aus den Schilderungen unserer Feinde, sondern aus eigener Erfahrung kennt, wird uns sicherlich nicht eitler Selbstberühmung zeihen, wenn wir als das Schibolet, daran man den Juden durchschnittlich erkennt, mit den alten Weisen die „opferfreudige Bereitwilligkeit zu jeglichem Wohlthun", hinstellen. OiraK arm« Sir um rriNV rrra nrnsn bis oman bz Beza 32b) Voltaire aber sagt wörtlich: „II rebätit la forteresse, qui entourait ce temple si eher aux juifs, qu’il eonstruisit aussi de nouveau, mais qu'il ne put achever: l’argent et les ouvriers lui manquerent. G’est une preuve qu’apres tout Herode n’etait pas riebe, et que les juifs, qui aimaient leur temple, aimaient encore plus leur argent comptant.“ Bd. 19, S. 517. „Ein Beweis, daß die Juden mehr noch als ihr Heiligthum, ihr Geld lieben, sei der nicht zu Stande gekommene Tempelbau des Herodes." Nun lese man die ausführliche Schilderung in den jüdischen Alterthümern des Josephus, unserer Hauptquelle für die Geschichte von Herodes, diesem herzlosen Wütherich, von dem Augustus, der ihm wohlwollte, das bezeichnende Wort gebraucht haben soll, „besser ein

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