Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1894)
- Date
- 1894-01-19
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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31 Pochen müsse. Die Stärkung des praktisch-religiösen Lebens ist aber jetzt ein um so dringenderes Bedürfniß, wie sie es früher kaum jemals gewesen, und da wäre es denn eine vollständige Verkennung der tief eingerissenen religiösen Schäden, wenn man über der Theorie, nach welcher eine gottesdienstliche Versammlung nicht unter zehn Personen heißt, die gegenwärtigen Verhältnisse, die eine besondere Berücksichtigung gebieterisch fordern, außer Acht ließe. Die religiös-metaphysische Bedeutung,- der Zehnzahl ist dem großen Publikum im Judenthum niemals zum Bewußtsein gedrungen, dasselbe würde auch nichts vermissen, wenn man die geforderte Zehnzahl auf sieben reduziren würde. Die Siebenzahl gilt ja im Judenthum ganz allgemein als eine heilige Zahl. Das bedarf keiner weiteren Erörterung. Denn sie tritt in, religiös-ceremonialen Leben als Symbol der Weihe und Heiligkeit vielfach in Erscheinung: die Sabbathruhe am siebenten Tag der Woche, die sieben Wochen vom Peßach- bis zum Schabuoth - Feste, Neujahr und Versöhnungstag am siebenten Tag des Jahres, die sieben Umzüge mit den Palmen und den Thorarollcn um den Altar am Laubhüttenfeste, die sieben Personen, die am Sabbath zur Thora aufgerufen werden — der siebente der Aufgerufenen könnte zugleich der Maftir sein, — das siebente Brach- und Erlaßjahr, die sieben Jahrwochen, auf die das Jobeljahr folgt, der siebenarmige goldene Leuchter im ehemaligen Tempel zu Jerusalem, — das sind Verhältnisse, die Jedem, als im heiligen Charakter der Siebenzahl dargesteüt, bekannt sind. Der Kundige weiß sehr wohl, daß cs im Judenthum noch viele andere Verhältnisse ideeller und konkreter Natur giebt, denen die Siebenzahl als eine heilige zu Grunde liegt. Denn nicht blos in Fällen der Freude und der Trailer kommt die Siebenzahl zur Anwendung, wie die sieben Hochzeits- und die sieben Trauertage, sondern ebenso gut gilt die Siebenzahl der Personen als die Repräsentation einer Gesammtheit. Samuel Edels schaut die sieben Hirten, von denen der Prophet Micha spricht, unter dem Bilde der sieben Planeten an. Im Buch Esra wird berichtet, daß der König Artaxerxes von sieben Räthen umgeben war. Esra selbst hatte bei der feierlichen Verlesung der Thora je sieben Vertrauensmänner zu beiden Seiten; Secharia spricht von den sieben Augen, die auf jeden einzelnen Stein des Tempels gerichtet sind, und Micha redet von den „sieben Hirten", die den Feinden des Weltfriedens dereinst entgegengestellt würden — welche sieben Hirten der Talmud als die Vertreter der auf Recht und Frieden und Gottesfurcht gegründeten Menschheit bezeichnet, als die sieben Vorbilder: Adam, Seth, Methusalem, Abraham, Jakob, Moses, David. So war es auch in der Zeit des Talmud bis tief ins Mittelalter hinein üblich, zur Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten, also zur Vertretung der Gemeinde, sieben Vertrauensmänner (,n"D"V) zu bestellen. ' Wenn daher der Zehnzahl in gottesdienstlichen Verhältnissen einerseits das religiös-metaphysische Element, anderseits der Begriff der Voükommenheit zu Grunde liegt, so ist dies nach alten Vorstellungen nicht minder auch bei der Siebenzahl der Fall. Von dem Tage an nun, an welchem allgemein autoritativ die Bestimmung getroffen werden möchte, daß im Nothfalle eine Anzahl von sieben Personen als ein volles Minjan gelten sollte, würden die traurigen gottesdienstlichen Zustände in den kleineren Gemeinden sich bedeutend bessern. Usltmre und die Juden. Vortrag, gehalten zum Besten des Stipendienfonds der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums am 20. Februar 1893. Von Dr. Wilhelm Klemperer, Prediger der Reformgemeinde. - (Schluß.) t nter der Regierung Ludwigs XV. hielt es nicht schwer, die Bestätigung dieses Statuts zu erlangen, und so geschah das Unerhörte, daß Juden, und obendrein solche, die sich für die Edelsten des Volkes hielten, ihre eigenen Brüder dem Elende Preisgaben. Es konnte nicht ausbleiben, daß diese Herzlosigkeit den Portugiesen nicht nur bitteren Tadel zuzog, sondern ihre eigene Stellung gefährdete; denn die Frage lag nahe, warum denn portugiesische Juden geduldet werden sollten, wenn Inden nicht in Frankreich weilen durften? Um sich in der öffentlichen Meinung zu rehabilitiren, sollte de Pinto. der aus Bordeaux stammte, und sich schriftstellerisch bereits versucht hatte, die Superiorität der portugiesischen und die Inferiorität aller übrigen Juden darthun. Dieser Aufgabe entledigte er sich in de» „Reflexions“23), die er an die Voltaire'schcn Verungliinpfuiigen anknüpfte. Kein Hochmuth wirkt aber abstoßender und verletzender als der Rassenhochinuth. Darum stammen wir ja nach einem Worte unserer Weisen von einem Menschenpaare, damit Keiner zum Anderen soll sagen können: „mein Vater war größer, als der deine"u). Dieser Dünkel verleidet uns auch solche Stellen der im Ganzen wenig bedeutenden Schrift, die uns sonst wohl gefallen könnten, so gleich die Bemerkung am Eingänge, daß die Verleumdung das allerschwärzeste Verbrechen sei, gegen das Voltaire mit vielem Eifer zu Felde gezogen. Es sei aber eine gräßliche Verleumdung, wenn mau ein ganzes Volk der Mitschuld an dem Verbrechen Einzelner anklagt, und noch mehr, wenn man sämmtliche Juden sür häßliche Thaten Einzelner solidarisch verantwortlich machen wollte. Zerstreut unter so viele Nationen, haben die Juden in jedem Lande nach einer gewissen Zeit den Charakter der Einwohner angenommen. Ein Jude von London gleicht so wenig einem von Konstantiuopel, wie dieser einem chinesischen Mandarinen. Ei» portugiesischer Jude von Bordeaux und ein deutscher Jude von Metz scheinen zwei ganz verschiedene Wesen zu sein, der Jude ist ein Chamäleon, das überall die Farben von den verschiedenen Ländern ainiimmt, die er bewohnt, von den verschiedenen Völkern, mit denen er umgeht, von den verschiedenen Regierungsformen, unter denen er lebt. Nichts desto weniger hat sie Voltaire in Bausch und Bogen zusammengeworfen und von ihnen ein ebenso schreckliches wie unähnliches Gemälde entworfen. Wie konnte Voltaire, der geschaffen ist, das Universum zu erleuchten, die Wolken der Volksvorurtheile, die man auf die Anhänger dieser Religion zur Schande der Menschheit aufhäuft, noch mehr verdichten, gegen Vernunft und Wahrheit? Man soll die Juden nicht verbrennen, schließt Voltaire; aber ein großer Theil derjenigen, die er so grausam behandelt hat, würden lieber verbrannt werden, als die glücklicherweise leeren Anschuldigungen verdienen. Wollte er den Gegenstand genau untersuchen, so würde er finden, daß er den Juden, der Wahrheit, seiner Zeit und besonders der Nachwelt eine Ehrenerklärung schulde." Nur einen Satz hebe ich noch hier heraus, weil er Schäden aufdeckt, deren Beseitigung auch uns so angelegentlich beschäftigt: „Wollte man — sagt Pinto — Tadel an ihnen (der: portugiesischen Juden) finden, so würde er auf 28) Reflexions critiques sur le Premier chapitre du tome VII des Oeuvres de M. de Voltaire (1762). 24) Sanh. 37a: nVOn ’JBD) •: '“TTT CHR “pS*? TOKÖ bm TTSrf? DIR “IÄ8’1