Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1894)
- Date
- 1894-01-19
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
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30 Instrument verwendet, und es scheint, dciß damit der höchste Grad frommer Begeisterung zum Ausdruck gebracht werden sollte, wie es im 144. Psalm heißt: „OGott, ein neuesLied will ich dir singen, auf zehnsaitiger Harfe dir spielen." Die Zehnzahl wird auch zur Bezeichnung einer unbestimmten Menge gebraucht. Aber auch in den Fällen, wo die Zehnzahl, und nicht, wie das auch mehrfach geschieht, die Siebenzahl dazu verwandt wird, ist mit derselben so zu sagen ein Appelliren an Gott oder eine Erleuchtung durch Gott, immer aber ein Fingerzeig Gottes gemeint. „Er hat meinen Lohn zehnmal verwechselt," klagt Jakob über Laban. „Sie haben mich zehnmal versucht," spricht Gott gegen Israel in der Wüstenwanderung.—Sacharin weissagt: „In selbiger Zeit werden zehn Männer den Kleidzipfel eines jüdischen Mannes ergreifen, sprechend: Mit euch wollen wir gehen, denn wir haben vernommen, Gott ist mit euch." Aber auch im negativen Sinne als Zeichen des göttlichen Strafgerichts wird die Zehnzahl gebraucht, wie die zehn Plagen, die über die Aegypter hereingebrochen, und die zehnte Plage war es gerade, die der Aegypter Halsstarrigkeit gebrochen unb sie die höhere Gotteswaltnng ahnen ließ. Der Prophet will Israel auf das höhere Gottesgericht Hinweisen, das es um der Sünden willen mit Hungersnoth heimsuchen werde, und er droht in seiner Rede: „Es werden zehn Weiber in einem Ofen backen." Und ferner: „So spricht der Herr, der Ewige: Die Stadt, die mit Tausend auszieht, behält nur Hundert, und die mit Hundert auszieht, behält nur Zehn dem Hause Israel." In allen diesen Fällen wird die Zehnzahl, wie bereits bemerkt, als ein auf die göttliche Weltordnung hinweisendes Zeichen hingestellt. Der Talmud macht unter dem gleichen Gesichtspunkt von der Zehnzahl einen ausgiebigen Gebrauch. Zunächst stellt er fest, daß die Schöpfung durch zehn göttliche Aussprüche entstanden ist. Da sich aber blos neun Aussprüche im Schöpfungsbericht ausdrücklich finden, so zählt der Talmud, um die Zehn voll zu machen, den ersten Satz: „Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde" gleichfalls als einen Ausspruch, was mit den Religionsphilosophen dahin zu verstehen ist, daß durch den ersten Ausspruch die Schöpfung der allgemeinen Materie von Himmel und Erde erfolgte und durch' die weiteren Aussprüche die in die Materie gelegten Keime zur Entwickelung gelangten. Er zählt ferner zehn Geschlechter von Adam bis Noah, ebenso auch zehn Geschlechter von Noah bis Abraham. In den Lebensereignissen des Letzteren findet er zehn Versuchungen, die an ihn herangetreteu, und die er alle bestanden. So erwähnt der Talmud auch die Sitte, nach welcher man dem Bräutigam am Hochzeitstage zehn Becher Wein, sowie dem um einen Todten Trauernden am Begräbnißtage gleichfalls zehn Becher zugetrunken. Er unterscheidet zehn Grade von Unreinheit und zehn Grade von Heiligkeit. Pinchas ben Jai'r giebt eine Stufenleiter an, auf deren zehnter und höchster Stufe man des heiligen Geistes theilhaftig wird. Dieselbe führt von der Tugend der Bedachtsamkeit als Grundstufe über die humane und religiöse Willfährigkeit, äußere und innere Reinheit, Enthaltsamkeit, Keuschheit, Sündenscheu, Bescheidenheit, demüthige Frömmigkeit zum Erwerb des heiligen Geistes. Endlich zieht er, Traktat Sucka 4d, aus der Thatsache, daß die heilige Lade mit dem Deckel zusammen zehn Handbreiten in der Höhe maß:- die Schlußfolgerung, daß darüber hinaus eine höhere Region beginnt. Auch in außerjüdischen Kreisen, besonders bei den Griechen, wurde der Zehnzahl eine besondere Bedeutung beigelegt. In der Zahlentheorie des Pythagoras wird der Zehnzahl eine besondere schöpferische Rolle zugefchrieben. Aristoteles stellt auf Grund dieser besonderen' Bedeutung der Zehnzahl in seiner Dialektik zehn Kategorien ans, und diese entsprechen, wie Maimonides feststellt, den zehn Sphären, welche die selbständigen Verstandeskräfte hervorbringen, die wieder in der Weltanschauung der Kabbala als die zehn Sephiroth oder geistige Potenzen erscheinen. Auf Grund der im jüdischen Alterthum der Zehnzahl beigelegten religiös-metaphysischen Bedeutung hat der Talmud, Traktat Megilla 23s, für öffentliche, religiöse Funktionen, wie den öffentlichen Gottesdienst, die Anwesenheit von zehn erwachsenen Personen bestimmt. Die Mischnah überliefert nämlich die alte Sitte im Judenthum, nach welcher die öffentliche Wiederholung der Enlogien vor dem Sch'ma- Bekenntniß, der öffentliche Vortrag der Gebete überhaupt, die Segensertheilung seitens der Priester, das Vorlesen aus der Thora nicht ohne die Anwesenheit von zehn erwachsenen Personen erfolgen dürfe. In Bezug der Wiederholung der Eulogien vor dem Sch'ma-Bekenntniß waltet zwischen Raschi und Jakob Tam eine Meinungsverschiedenheit ob. Nach Letzterem ist auf Grund eines im Traktat Sopherim erwähnten Gebrauchs eine freiere Praxis zulässig, so daß schon wegen sieben, oder sechs, oder gar noch weniger neu hinzugekommenen Personen die betreffenden Eulogien wiederholt werden dürfen. Das Ganze setzt Zeiten, Verhältniffe und Anschauungen voraus, da in Israel noch ein reges, religiöses Leben geherrscht und das Bedürfniß nach gottesdienstlicher Erbauung ganz allgemein war. Es war nur selten ein Jude anzutreffen, der es nicht als seine heilige Pflicht betrachtet hätte, in Gemeinschaft mit Glaubensgenoffen zu beten. Der täglich zwei-. oder dreimalige Besuch des Gotteshauses war für Jeden eine religiöse Lebensbedingung. Das ist nun schon seit Langem anders geworden. Der innere religiöse Antrieb ist bedeutend herabgeschwächt, das Pflichtgefühl, täglich oder doch nur allsabbathlich zum Gottesdienste zu erscheinen, findet sich nur bei sehr wenigen Personen in der Gemeinde, und dieser Mangel an innerem Antrieb und regem Pflichtgefühl ist besonders in kleineren Gemeinden geradezu zur Kalamität geworden. In solchen Gemeinden sind es meist nur einige wenige Personen, die aus freiem Antrieb die Synagoge besuchen, zur Vervollständigung der zehn Personen (Minjan) werden nur mühsam Andere herbeigeholt. Meistentheils gelingt das aber auch nicht, und in diesem Falle kann der Gottesdienst nicht mit dem öffentlichen Charakter eines Minjan, also nicht mit Kaddisch und Bor'chu, nicht mit Keduscha und K'riath-ha- Thora abgehalten werden, es betet dann Jeder „für sich". Mißmuthig gehen die wenigen Personen nach Hause, sie gewöhnen sich allmählich vom Besuch des Gotteshauses ab, und so bleibt daffelbe die ganze Woche über geschloffen. In kleinen Jischnbim mit sechs oder sieben Familien findet infolge dessen das ganze Jahr kein gemeinsamer Gottesdienst statt, und wenn sie einen solchen an hohen Festtagen veranstalten wollen, dann müffen sie von außerhalb sich einige Personen verschreiben, um sich zu einem Minjan zu vervollständigen. Verfasser dieses kennt kleinere Gemeinden und Jischubim, die infolge solcher Zustände religiös sehr heruntergekommen sind. Und die Jugend! — die Jugend, die in solchen Kreisen fast das ganze Jahr hindurch keine Gelegenheit hat, einem öffentlichen, gemeinsamen Gottesdienste beizuwohnen, was kann religiös aus dieser Jugend werden? Was kanst man von dieser zur Stärkung des Judenthums erwarten? Wenn diese Jugend in die Welt hinauszieht, wird sie zumeist eine leichte Beute des religiösen Cynismus, der sich über alles Religiöse lustig macht, ein Raub des Materialismus, dem alles Heilige ein Unsinn ist. Die Talmudweisen haben schon längst den Psalm-Vers: -"ib DWVb flP so ausgelegt, daß man, wenn es sich um das prattisch-religiöse Bedürfniß handelt, auf die Theorie nicht so sehr