Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-19 · Heft 3 (19.1.1894) · p. Seite 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 3 (19.1.1894)
Date
1894-01-19
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228044--50531-3273343
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

29 Me Salzburger und die Juden in Amerika. Von Dr. M. Kayserling. je Salzburger Protestanten, welche ihres Glaubens wegen aus ihrer Hcimath vertrieben wurden, fanden, wie bekannt, Zuflucht bei dem protestantischen Könige von Preußen, der ihnen i» Ostpreußen Wohnsitze auwies. Weniger bekannt aber ist, daß ein Theil dieser Vertriebenen nach Amerika auswanderte; sie erhielten freie Fahrt nach Dover und schifften sich nach Savannah ein. Nicht weit von Springsfield, Georgia, siedelten sie sich an. Den ersten Auswanderern folgten im Jahre 1736 achtzig andere vertriebene Protestanten unter der Führung des Barons von Reck und des Hauptmauns Hermsdorf, welche sich auf einem Bergrücken nahe dem Flusse Savannah, dem sie den Namen „Neu Ebenezer" beilegten, häuslich niederließen. Wie in Deutschland, so nahmen sich auch in Amerika die Juden der Flüchtigen an. In Savannah wohnten in jener Zeit ungefähr zwölf jüdische Familien, welche, gleich den Salzburgern, des Glaubens wegen verfolgt, aus Spanien und Portugal eingewandert waren. Einer von ihnen lud die müden Wanderer zu einem Frühstück ein und erwies ihnen sonst viele Freundlichkeiten. Von einem anderen Juden, dessen Name nicht auf uns gekommen ist, und seinem Weibe berichtet der Geistliche Bolzius, der die Salzburger begleitete, in seinem Tagebuche: „Die Juden erweisen uns und den Salzburgern so bereitwillig Dienste, daß wir darüber ganz erstaunt sind, sic sind so ehrlich und so tren, daß ihresgleichen kaum gefunden werden dürfte. Des Juden Weib hatte von einer Salzburgeriu eine Krone für eine halbe Krone an Zahlung angenommen. Als dann am andern Tage der Jude das Geldstück näher hetrachtete und seine Frau ihm mittheilte daß sie dasselbe aus Versehen in der Dunkelheit um den halben Preis empfangen Hütte, eilte er in das Zelt der Salzburger, erkundigte sich nach dem Weibe und gab ihr die halbe Krone mit den Worten: „Gott behüte, daß ich etwas in meinem Hause habe, das nicht mir gehört, ungerechtes Gut bringt keinen Segen." Das machte auf die Salzburger einen tiefen Eindruck." „Diese Juden", bemerkt Bolzius an einer anderen Stelle seines Tagebuches, „zeigen eine große Liebe zu uns und haben versprochen, uns in unserer neuen Ansiedelung zu besuchen." Im Glauben und im Hoffen wird die Welt verschiedener Meinung sein. In der Liebe allein stimmen alle Menschen überein. Mr Ginstuß der Iehnzahl und der Siedenzahi auf dus Iudenthum. Von Rabbiner Dr. Ludwig Pick. m Judenthum herrscht in ethisch-religiöser Beziehung sozusagen eine elementare Gesetzmäßigkeit. Es sind da die menschlichen Gefühle, Gesinnungen. Wünsche und Bestrebungen genau gegen einander abgewogen und heilsam gegen einander abgegrenzt. Gesetz und Recht, Lehre und Mahnung bilden gleichsam die hohen Ufer, innerhalb deren die menschlichen Gefühle und Bestrebungen in heftigem Wellenschlag sich bewegen und die jedes wilde Ueberschwemmen hindern. *) Extract of the Journals of Mr. Von Reck etc. (London 1736), s. Publications of the American Jewish Historical Society No. 1 (1893) p. 9 f. „Eins zum Andern hat Gott geschaffen." „Reich und Arm begegnen sich, beides hat Gott zu einander gemacht." Dieser inneren ethischen Oekonomie entspricht eine äußere, die sich in Maß und Zahl nach Ordnung und Richtschnur vollzieht. In dieser äußeren Oekonomie herrscht zum großen Theil das dekadische Zahlensystem vor. Dasselbe ist zunächst anzutreffen bei der Arche Noahs, bei dem Stiftszelte und dem salomonischen Tempel, in allen diesen Fällen ist die Anwendung der Zehnzahl als Grundzahl vorherrschend. Dieselbe kommt neben der Siebenzahl am meisten in Gebrauch. Aber während die Siebenzahl vorwiegend auf praktisch-religiöse und ethische Verhältniffe sich bezieht, wie den Sabbath als siebenter Tag in der Woche als Zeugniß der Schöpferthätigkeit Gottes; die sieben Sprengungen als Symbol der Entsündigung; den Eid, der nach seiner hebräischen Bezeichnung auf die in eben dieser Weltordnung sich offenbarende Gottesallmacht hinweist, geht die Zehnzahl mehr auf formelle, äußere Umstände ein, ohne deshalb von äußerlicher Bedeutung zu sein, vielmehr in dem Sinne, daß sie die Grenze bildet, die mit einer höheren Ordnung einen Berührungspunkt hat und an das Uebersinnliche streift. Die Zehnzahl schließt die Ordnung der Einer in sich ein, bildet daher das in sich Abgeschlossene und ist zugleich die Grundlage einer höheren Zahlenordnung. Diese doppelte Eigenschaft des in sich Abgeschlossenseins und der Berührung mit einer höheren Ordnung mußte besonders an den Zehngeboten, die die religiös-sittliche Vollkommenheit darstellen, welche mit ihreni Scheitel gleichsam den Himmel berühren, klar hervortreten. Wie daher die Zehnzahl einerseits zu ethisch religiöser Bedeutung geworden, so wurde sie anderseits in ihrer Spitze als Berührungspunkt mit der übersinnlichen Welt, als Anfangsgrenze einer höheren Weltordnung aufgefaßt. Dieser Gesichtspunkt war bei den höchsten Lebensangelegenheiten maßgebend: in der Beziehung zum Göttlichen bei der Festsetzung des allerheiligsten Versöhnungstages auf den zehnten Tag des Monats — an welchem Tage auch Moses vom Berge Sinai mit der Botschaft der Versöhnung heruntergekommen — und zum Menschlichen in der Nächstenliebe bei Bestimmung der Abgabe des Zehnten an die Leviten und die Armen. Obschon der Prophet Jesaia dem Könige Hiskia die Verlängerung seines Lebens um 15 Jahre im Namen Gottes verkündet, so wird zum Zeichen der Bewahrheitung dieser Verkündigung das Zurückgehen des Sonnenzeigers nicht, wie man erwarten sollte, um 15, sondern blos um 10 Grade bewirkt. Die Zchnzahl steht hier deutlich als Zeichen einer unmittelbaren göttlichen Fügung, und ebenso ist die Abgabe des Zehnten in dem Sinne aufzufassen, daß eine solche reichlich bethätigte Nächstenliebe, weil über das Maß des Gewöhnlichen i hinausgehend, den Segen Gottes herbeiführen müsse, wie die Weisen j des Talmuds bemerken: „Gieb hin den Zehnten, daß du empfangest reichen Gottessegen." — Elieser, der Diener Abrahams, der im festen Vertrauen auf die Erfüllung der göttlichen Ehebestimnmng beim Brunnen auf die für seines Herrn Sohn bestimmte Frau harrt, hält für dieselbe Armbänder im Gewicht von zehn Sekel Goldes in Bereitschaft, die er auch der Rebekka, in welcher er die göttliche Fügung erfüllt glaubt, übergiebt. — Bei seiner Fürbitte um Schonung der Sodomiter geht Abraham von den anfänglichen 50 Gerechten, um derentwillen die Stadt geschont werden sollte, auf zehn herab. — Boas nimmt zu seiner Heirath mit Ruth zehn Männer-zu Zeugen. In beiden letzten Fällen galten zehn Männer in ihrer Gesammtheit als Träger und Vertreter der Oeffentlichkeit. Das gleiche Verhältniß waltete auch im Militärwesen ob; über je zehn Mann war ei» Oberer gesetzt. Kohelet preist die Weisheit, die eher die Stadt zu retten vermag als zehn Gewaltige, die in ihr sind. — Beim Gottesdienste im Tempel zu Jerusalem wurde unter Anderem auch ein ze hnsaitiges

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.