Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1894)
- Date
- 1894-01-19
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
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28 Kundgebungen veranstalteten, würde man die Regierung und die Juden verantwortlich machen. Ein Angriff werde als Zeichen gelten, daß am Vorabend des Vincenztages am 20. Januar in jedem Dorfe auf einmal Kundgebungen gegen die Juden beginnen würden, welche die einzige Ursache des heutigen Religionskrieges seien. „Stattder Kirchenpolitik", schreibt Magyar Allam, „gelangt die Judenfrage aufs Tapet. Dies ist unser Ultimatum." Also, was auch immer Passire, der Jude wird verbrannt! Reform der hebräischen Fibeln. Von Leopold Katz, Lehrer in Ratibor. ie man über ein solches Thema noch schreiben kann, mag Manchem aus den ersten Blick unerklärlich erscheinen. Bei Licht betrachtet, ist die Sache doch nicht ganz so einfach, wie man anziinehmen versucht ist. Die Fibel ist des Kindes erstes Lesebuch. Und gerade von dem Werthe dieser hängt, neben dem pädagogischen Geschick des Lehrers, zumeist die Lust und Liebe für das Buch ab, das ihr folgt. Bedingt ja auch der Anfangsunterricht irgend eines anderen Unterrichtszweiges, sozusagen die Grundlage: das spätere Können. Vergleichsweise sei daran erinnert, wie bei dem ersten Unterricht im Deutschen die bis zu Anfang des Jahrhunderts herrschende Buchstabirmethode verdrängt wurde von der Lautirmethode (1804), die wiederum eine Schreiblese- (1820) und eine Normalwörtermethode (1865) zu Tage gefördert hat. Vergegenwärtige ich mir den Kampf, der zwischen den Anhängern der beiden letztgenannten Methoden entbrannt war, und der deshalb noch besteht, weil eben beide Methoden noch im Gebrauche sind, dann darf mich die Vermuthnng, daß über das nunmehr zu Sagende eine Gegnerschaft hervortreten könnte, nicht entmuthigen, das für richtig Erkannte zu verfechten. Des Kindes erstes Lesebuch ist, wie bereits gesagt, die Fibel. Durch sie soll es erstens mechanisch lesen lernen und daneben, oder wenn dies erreicht ist, Verständniß des Gelesenen erlangen. Wenn letzteres schon mit der deutschen Fibel angestrebt wird, um wieviel mehr muß das mit der hebräischen geschehen. Kann nämlich das Kind die deutschen Wörter lesen, dann versteht es auch einen großen Theil, weil es die Gegenstände oder Begriffe in jahrelangem Umgänge mit Erwachsenen und auf dem Wege der Anschauung kennen gelernt hat. Von den hebräischen Wörtern kann man dies keineswegs behaupten, und so muß denn die hebräische Fibel nicht nnr ein Buch sein, durch das man lesen lernt, sondern gleichzeitig eine Vorstufe zum Gebet- oder Uebersetzungsbnch. Unsere Fibeln kranken daran, daß sie zu den einzelnen Buchstaben Silben bringen, die sinnlos (?) und weder im Siddur noch im Machsor zu finden sind.') Daneben peinigen sie das Kind mit so langathmigen Uebungen dieser Art, uin ein Jahr lang Stoff für's Lesen zu haben, — daß die Fibel dem Kinde nicht ein Buch ist, zu dem es gern greift, sondern ein Buch, das langweilt und für die heilige Sache schon in frühester Jugend abstumpft. Ein weiterer Fehler ist's, daß manche Fibeln eine beträchtliche Zahl von Blättern dem „Jüdisch-Deutschen" widmen. Das geschieht nicht selten auf Kosten der Quadratschrift, die fort und fort geübt sein muß, wenn man auf befriedigende Lesefestigkeit rechnen will. Ein dritter Fehler ist es, die oft im Anhänge beigegebenen Gebete erstens ohne Angabe der Zeit, in der sie verrichtet werde», und zweitens ohne Uebersetzung hinzustellen. Will ich nur lesen und schnell lesen lehren, dann kann ich mir auch ohne Fibel helfen, und vielleicht noch.bester, wenn ich vor der Lesestunde die Wandtafel beschreibe, theils im Chore, theils von Einzelnen lesen und das Gelesene auf die Schiefertafel nachmalen laste. Eine Fibel soll aber das Kind deshalb besitzen, damit es das in der Schule Durchgenommene zu Hause übe, auch ohne Hilfe übe, letzteres um der zu erziehenden Selbständigkeit willen. Eine Fibel, die auf die gegenwärtigen Zeitverhältnisse Bedacht nimmt, denke ich mir nach folgenden Grundsätzen gearbeitet. Sie besteht aus zwei Theilen: 1. aus Leseübungen, 2. aus Gebetsstücken zum Uebersetzen. Auf ein Halbjahr entfällt ein Theil. Zn jedem Buchstaben hat man, bei den 22 Konsonanten des hebräischen Alphabetes und 20 Schulwochen, etwa eine Woche Uebungszeit. Sie reicht hin, um dem Kinde a) den Buchstaben und seinen Namen, — den man zur Unterscheidung gleichlautender Wörter verwerthet — b) die Verbindungen mit vorangegangenen nnd c) eine Anzahl Wörter mit ihrer Uebersetzung einzuprägen. Unter jedem neuen Buchstaben stehen etwa zwei bis drei Reihen Wörter als Lesestoff (das ist auch bei den Gebetsstücke» innegehalten), und um das Verständniß zu erschließen, sind dieselben Wörter, die dem Gebetbuche, vornehmlich den Gebetsstücken des zweiten Theiles der Fibel entnommen sind, übersetzt. Meiner Erfahrung nach lesen die Kinder nach dieser Methode mit regem Eifer, der sich steigert, wenn ich ihnen sage, daß dieses oder jenes Wort dem einen oder dem anderen Gebete des Siddnrs entstamnit. Ani Schluffe des ersten Halbjahres kennt der Schüler 1. sämmtliche Buchstaben und ihre Namen sicher, hat 2. einen Begriff vom Schwa, sowie vom Dagesch (bei den Buchstaben 71S32) und 3. einen angemeffenen Wortschatz, der dem zweiten Theile der Fibel, dem Uebersetzen der Gebetsstücke, sehr zu statten kommt. Die Gebete sind kurz und nach methodischer Stufenfolge geordnet und tragen die Zeit, in der sie verrichtet werden, als Ueberschrift. Die einzelnen Wörter stehen untereinander und haben nur, wenn sie noch nicht vorhanden waren, die Uebersetzung, im anderen Falle statt dieser einen Strich. In Anbetracht der betrübenden Thatsache, daß heute nur ein geringer Theil der Glaubensgenoffen kaum genügend die hebräische Quadratschrift lesen kann, ist meiner Meinung nach die Pflege der Kursivschrift in die Oberstufe, bei günstigen Schulverhültnissen auch in die Mittelstufe zu verlegen. Die Anlage meines Planes setzt voraus, daß mau das hebräische Lesen mit dem zweiten Schuljahre beginnt. Aber selbst eingedenk der Zugeständniste, die man in Konferenzen wiederholt gemacht hat, schon in der zweiten Hälfte des ersten Schuljahres anzufangen, darf ich wohl behaupten, daß man auf diese Weise mehr erreicht, als durch das bloße Lesen, dessen Unterricht nach den seitherigen Grundsätzen — bis zum Schluffe des ersten Jahres — meist nur geringe Erfolge mit sich brachte. ') Die Horwitz'sche Fibel trifft dieser Vorwurf nicht. Diese ist noch immer als ein Werk, das den Meister lobt, zu empfehlen. Die Redaktion.