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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-19 · Heft 3 (19.1.1894) · p. Seite 27

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 3 (19.1.1894)
Date
1894-01-19
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
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27 Wenn wir uns nach Gebieten umsehen, ans denen der Jude noch nichts leistet, so ist es der Ackerbau, der uns zuerst in die Angen springt. Er gestattet ganz besonders die Entwickelung des dem jüdischen Naturell angeborenen und überall stark ausgebildeten Strebens nach Selbstständigkeit, nach eigenem Besitz, eines Strebens, das im wirthschaftlichen Ringen dem Kämpfer sehr zu Statten kommt. Gerade hier wird sür große Massen die Möglichkeit des eigenen Besitzthums erschlossen; die nach Unabhängigkeit lechzende jüdische Natur ist wohl befähigt, auch im Ackerbau die Konkurrenz auszuhalten. Die geistigen Fähigkeiten, die Zähigkeit, Nüchternheit, Mäßigkeit und Sparsamkeit sind weltbekannte jüdische Eigenschaften, die die geringere körperliche Qualität, die bei der ersten Generation ein wenig entmuthigen würde, reichlich wieder ausgleichen. Wir hätten also alle Ursache, hier neue Bahnen zu ebnen und für eine dauernde, planmäßige Entwickelung in dieser Richtung zn arbeiten. Noch ist es nicht zu spät, noch hat die Erde Raum für Alle, wer weiß, ob nach hundert Jahren die verdreifachte oder vervierfachte Menschheit überhaupt noch Erörterungen dieser Art zulassen wird, ob nicht der Genuß des werthvollsten Eigenthuins, des Grund und Bodens, den Juden allein von seinen Wohlthaten ewig ausgeschlossen hat, das mögen Diejenigen erwägen, die die allgemeinen Interessen des Judenthums zu fördern sich berufen fühlen und in leitenden Stellungen sich befinden, die ihnen das allgemeine Vertrauen übertragen hat. Die Aufgabe ist groß, das Werk ist schwer. Diejenigen, die sich ihm widmen wollen, müssen, durchglüht von heißer Liebe für ihren Stamm, auf reellem Boden stehen und mit nüchternen Blicken alles prüfen können. Mögen besonders die amerikanischen Philanthropen die Sache aufnehmen und sie der praktischen Lösung zuführen, sie sind am meisten dazu berufen, denn sie geht es meistens an. Me Woche. Berlin, 16. Januar. fie uralte menschliche Schwäche, den Splitter in des Nächsten und nicht den Balken in den eigenen Augen zu sehen, ist den Herren Antisemiten besonders eigen. Sie sind alle scharfsichtig nnd hellsehend, um die kleinsten Fehler und Flecken bei den Juden zu enthüllen, kurzsichtig und geblendet aber, wo sie ihre eigenen Gebrechen sehen sollen. — „Kauft nicht bei Juden" lautet die Parole ihrer Apostel, die in ihrem fanatischen Haß erst kürzlich in einer Versammlung die That eines Magdeburger Kollegen, der aus Ingrimm darüber, daß seine Frau bei einem Juden Stoff zu einem Kleide gekauft, den Stoff ins Feuer geworfen, als ein lobens- und nachahmnngswerthes Brapourstück proklamirt haben. Die jüdischen Kaufleute sind „Schwindler und Betrüger", und als Hanptbeweis dafür wird immer die angebliche Thatsache angeführt, daß „so viele" Juden in Konkurs gerathen. Daß dieses Unglück indessen vor der Konfession nicht Halt macht, ja, daß es sogar in bitterer Ironie Antisemiten vom reinsten Wasser zu Schicksalsgenossen „so vieler" Juden macht, beweist die soeben erfolgte Zahlungseinstellung des sogenannten „christlich-deutschen Bazars" am Spittelmarkt 2. Mit derselben Unverfrorenheit, mit welcher diese Hochburg des Geschäftsantisemitismus bisher seine Maaren und seinen unverfälschten Rassenhaß dem Publikum zu bieten gewagt hat, offerirt es jetzt — seinen Gläubigern einen Akkord von 25 Prozent. Ein Cirkular stellt nämlich die Gläubiger vor die angenehme Wahl, entweder sich mit einem Viertel ihrer Forderungen zu begnügen, oder gegen den „christlichdeutschen Bazar" die Eröffnung des Konkursverfahrens zu beantragen. Diese Naivität dürfte denn doch selbst den antisemitischen Kreditoren über den Spaß gehen. * Wie berechtigt der Mahnruf „Schützet die Kinder" gewesen, zeigt eine antisemitische Hetzschrift: „Das Volk und seine Treiber" von O. Glaubrecht. Dieselbe ist, wie die „Preuß. Lehrerzeitung" mittheilt, von der königlichen Regierung zu Bromberg an Schulen ihres Bezirks für die Schülerbibliotheken vertheilt worden Was für Geistesnahrung diese famose „Juqendschrift" enthält, wird man aus folgenden Sätzen zur Genüge ersehen. In der Einleitung heißt es: „Und noch eins, mein lieber Leser, es giebt noch eine Wunde im Volksleben, über die klagt alle Welt, und nur Wenige suchen sie zu heilen. — Das Hebel ist, daß ich es kurz sage, die Judenkrankheit, schlimmer als Hiobs Aussatz, und ins deutsche Volk gekommen durch den Schlangenstich. Die Schlange aber, das fremde Gewürm, ist das Judenvolk." Am Schluß sagt der pietistische hessische Pfarrer: „Und die Moral von der Geschichte? Der deutsche Bauer ist der glücklichste Mensch auf Erden, wenn er Gott fürchtet, die Sünde meidet und den Juden aus dem Wege geht." Die Kraftworte des Buches unterscheiden sich in nichts von den Ausdrücken in den ärgsten antisemitischen Schmähschriften. („So ein Jude ist wie ein hungriger Hund, er geht nicht." — „Hungriges Raubthier" rc.) Wir nehmen an, daß das Buch aus Versehen in die Bibliotheken gekommen ist, und daß die Regierung nunmehr für Entfernung desselben Sorge tragen wird. In der Abweisung solcher „Jugendschriften" sind sicher auch diejenigen Schulaufsichtsbeainten mit uns einig, die es im Uebrigen sich angelegen sein lassen, antisemitische Hetzblätter wie die sogenannte „Deutsche Lehrerzeitung" unter die Lehrer zu bringen. * Herr Böckel ist müde! Das Organ Böckels, der „Reichsherold", schreibt beiläufig, sein Chef habe „vielleicht die längste Zeit dem öffentlichen Leben aiigehört; denn einen fortwährenden Kampf mit Jntriguen, Gemeinheiten, Chikanen und Niederträchtigkeiten im eigenen Lager zu führen, widert einen gebildeten Mann an." Diese Mittheilnng wirft ein Licht auf die feine Gesellschaft, die den Antisemitismus zum Geschäft gemacht hat. ebenso die Bemerkung, die das Stöckersche „Volk" dazu macht, wenn es schreibt: „Ist diese Auslassung nicht blos thörichtes Geschwätz, so steht der Rücktritt des Herrn Böckel vom politischen Leben nahe bevor. Das wäre das Nützlichste, was Herr Böckel in seinem ganzen Leben für den Antisemitismus gethan hat." Der deutsche Reichsschatzsekretür, Graf Posadowsky, bemerkte in der Sounabend-Reichstagssitzung auf die Anzapfungen Böckels: Der Vorredner sagt, wir sollten die Agitation nicht fürchten. Wenn er meine Aeußerung Nachlesen würde, so würde er finden, daß ich im Gegentheil gesagt habe, die verbündeten Regierungen ließen sich durch die Agitation nicht bange machen. Ich kann versichern, daß die Richtung der Agitation, die er vertritt, am wenigsten geeignet ist, uns Furcht einzuflößen. Die Agitation des Herrn Böckel ist bereits auf einem todten Geleise. (Zustimmung links.) * Ein heißblütiger Magyare hat das tiefste Geheimniß des Antisemitismus verrathen. Man schreibt darüber aus Budapest: Allgemeine Entrüstung herrscht über die gefährliche Drohung des „Magyar Main", falls die sozialistischen Arbeiter gegen den Katholikentag

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