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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-19 · Heft 3 (19.1.1894) · p. Seite 26

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 3 (19.1.1894)
Date
1894-01-19
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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26 würde. Wir glauben, unsere Hausirer wären unaussprechlich glücklich, wenn sie mit den selbstständigen Bauern tauschen könnte», die im bescheidenen Genüsse eines kleinen aber sicheren Besitzes ein ruhiges, zufriedenes und von Nervenabspannungen freies Leben führen. Leider ist in Deutschland die Ueberführung größerer Bevölkerungsgruppen in den Dienst agrikultureller Aufgaben nicht gut möglich, und wenn möglich, so doch dem Juden unmöglich. Man kann sicher sein, daß derartige Unternehmungen nur unter weiterer Aufwühlung judenfeindlicher Instinkte versucht werden könnten. Wir würden gewiß mit Lamentationen über jüdische Vordringlichkeit und plairmäßige Verwirklichung unserer Weltherrschaftsgelüste betäubt werden. Die Landwirthschaft, die jetzt als so unergiebig verschrieen wird, daß damit angeblich kein Jude was zu thun haben tvill, würde auf einmal zur alleinigen Domäne des Christenlind arisch reinen Germanenthnms proklamirt werden, wie es jetzt schon mit manchen Handwerken geschieht, obwohl früher die Borwürfe, daß die Juden keinen körperanstrengenden Beruf erwählten, hageldicht vom Himmel des Judenhasses herabregneten. In Deutschland ließe die Unduldsamkeit, die jetzt allerorten einreißt, in dieser Richtung nichts aufkommen, selbst wenn der Anbau noch viel erhöhter Steigerung fähig wäre. Die Juden Rußlands gehören zum größten Theil dem Handwerkerstande au, ja in vielen, sehr vielen Städten giebt es nur jüdische Handwerker, was mit den statistischen Feststellungen, die gewiß nicht zu Gunsten der Inden gefälscht sein werden, im vollsten Einklänge steht. Die Statistik weist einen weit höheren Prozentsatz jüdischer Handwerker auf als christlicher, und doch können die Anklagen, die Juden leben nur von leichtem Gewinn, auch dort nicht verstummen. Die bittere Armnth der russischen Juden ist zum Theil den einseitigen Erwerbsarten, auf die sie beschränkt sind, znzuschreiben. Namentlich im Westen sind die Städte gefüllt mit jüdischen Arbeitern und Handwerkern; die landbauliche Arbeit, auf die die kleinen Städte nirgends nebenher verzichten können, ist ihnen gänzlich untersagt, und so leiden die westlichen Gonvernements an einer Ueberfüllung von Handwerkern, die von ihrer Hände Werk allein nicht existiren können. Das einzige Heil läge auch hier m dem Landbau, der »ach gesetzlichen Bestimmungen dem Juden gänzlich versperrt ist. So nothwendig uns die Beschäftigung des Juden mit Ackerbau und Viehzucht erscheint, so wenig lassen sich dahingehende Wünsche in Europa realisiren. Um so mehr müssen wir unsere Aufmerksamkeit Am erika zuwenden und am meisten natürlich denjenigen Theilen, die zur Verlvirklichung dieser Aufgabe keiner besonderen Transporte von Zuwanderern bedürfen, sondern bereits zahlreiche jüdische Elemente in sich bergen. Das ist in allererster Linie Nordamerika. Ebensowenig könnte gegen Mexiko Einspruch erhoben werden, wenn jüdische Bevölkerungstheile in dessen Nähe anzutreffen sein sollten. Die Bodenfruchtbarkeit und der sonnige Himmel, vielleicht auch das noch billig zu habende Land, wie die unmittelbare Nähe Nordamerikas mit seinen starken städtischen Ansiedelungen jüdischen Stammes, würden diesen glücklichen Strich besonders vortheilhaft erscheinen lassen, wenn nicht Nachklänge spanischer Unduldsamkeit zu befürchten stünden, was bei einem Staate, der noch immer auf die Proklamirung voller Gleichberechtigung aller Konfessionen warten läßt, immerhin in Erwägung gezogen werden muß. Nordamerika muß mit der Jnswerksetzung von Kolonien alsbald Vorgehen, ehe auch dort das „Zu spät!" uns entgegenschallt. Und Nordamerika hat mindestens dieselben Ursachen, die es dazu nöthigen sollten, wie Europa, blos daß in Europa diese Frage nicht der Lösung entgegengesnhrt werden kann, während das erstere auch hierin volle Bewegungsfreiheit genießt. Die wirthschaftliche Lage der Juden erfährt insofern eine Schwächung, als sie ans durchaus selbstständigen Gewerbetreibenden, die sie der Mehrzahl nach sind, zu abhängigen Maschinenlohnarbeitern werden, eine Entwickelung, die aufs Lebhafteste zu bedauern wäre und der blos durch eine Hinleitung zum Ackerbau vorgebeugt werden kann. Amerika erhält mit der Zeit einen starken jüdischen Volkstheil und muß, um ähnliche Mißverhältnisse wie in Europa zu verhüten, ei» Bruchstück auf die Bodenarbeit hinlenken. Die großen Städte haben eine sehr beträchtliche jüdische Beimischung, die in großem Elend lebt, und werden daher gern Bruchtheile an andere Gebiete abaeben, wo das Menschenmaterial nutzbringender und produktiver angelegt werden kann. Der Hausirhandel, der lange Zeit als recht einträglich galt, ist jetzt auch dort derartig überschwemmt, daß er seinen Mann nur noch kümmerlich nährt und damit auch an Ansehen immer mehr verliert, so daß er in kurzer Zeit vielleicht dieselbe Stufe der Verachtung erreicht haben wird, wie im lieben deutschen Vaterlande. Amerika ist der einzige Erdtheil, der der hier befürworteten Richtung eine volksthümliche Entwickelung noch zuläßt. Versäumt man auch da den richtigen Zeitpunkt, dann wird es wohl für alle Zeit zu spät sein, und wir werden wirklich und endgiltig die Theilung der Erde leichtsinniger Weise verschlafen haben. Statt mit nationalen Phrasen unerreichbaren Phantomen nachzujagen, thäte man gescheidter, eine Bewegung hervorzurufen, die solche greifbaren Ziele verfolgt und die im höchsten Grade erhaltend auf das Judenthum zurückwirken müßte. Die innerste Volksseele muß mit diesem Gedanken beschäftigt und vertraut werden. So ganz ohne alle Vermittelung und Vorbereitung käme er nicht. Es geht wie ein Sehnen durch die Gemüther vieler galizischer und russischer Juden, ihr Loos dem der beneideten und mit Recht beneidenswerthen Landleute gleichzumachen. Dieser Zug muß genährt werde»; der Sinn für Landbau muß, wo er nicht vorhanden ist, angeregt, und wo er ist, gepflegt und gefördert werden. Wenn erst die Gedanken des Volkes mehr darauf gerichtet sind, wird die Verwirklichung weniger Zeit erfordern und eher zu bewerkstelligen sein. Volksthümlich gehaltene Schriften in Form von Erzählungen und Novellen, welche die glücklichen Seiten des Landlebens in warmen Farbentönen schildern, könnten viel zur Kräftigung einer solchen Volksbewegung beitragen, und darum sollte dieser Litieraturzweig, der durch Kompert, namentlich aber Sacher-Masoch u. A. vertreten wird, liebevoll gepflegt werden. Nicht nur in Rußland, sondern auch in Galizien, wo die Juden wenigstens in rechtlicher Beziehung keinen Ausnahmen unterstehen, ist die Armnth eine so drückende, eine so allgemeine und traurige, daß damit die Lage kaum irgend eines Bcvölkernngstheils verglichen werden kann. Die Auswanderung soll aus diesen Kreisen eine sehr beträchtliche sein, Galizien ist ein agrikulturell ungemein stark ausgebeutetes Land und gewiß rücht in der Lage, neuen Volksklaffen Brod und eine zufriedenstellende Lebenshaltung zu verschaffen, sonst müßte das Land, das einen so hervorragenden jüdischen Prozentsatz enthält, die Lösung dieser Frage seinerseits zuerst in die Hand nehmen. Allein Galizien dürfte in der Ackerbewirthschaftnng und Ausnutzung auf der denkbar höchsten Stufe anzutreffen sein, die überhaupt zu erreichen ist, auf keinem sonstigen Gebiete Europas leben so viele Menschen auf gleichem Flächenraum, ohne Beihilfe stark entwickelter Industrien. Der Versuch, der planmäßige Versuch, zu geordneter Ackerwirthschast nberzugchen, würde auch dort mit einem Lavaerguß antisemitischer Eruptionen beantwortet werden.

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