Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1894)
- Date
- 1894-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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58. Jahrgang. Nr. 3. Allgemeine Berlin, 19. Jannar 1894. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements^Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippson-Äonn. Vertags-Crpedition: Äertin, Jerulatemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums*. Berlui SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. InhE. Leitartikel r Eine wichtige Frage. — Die Woche. — Reform der hebräischen Fibeln. Von Leopold Katz. — Die Salzburger und die Juden in Amerika. Von Dr. M. KaVierling. — Der Einfluß der Zchnzahl und der Siebenzahl auf das Jildenthum. Von Dr. Ludwig Pick. — Voltaire und die Juden- Von Dr. WilhelmKlemperer (Schluß). — Feuilleton: Die Jüdin. Erzählung von John Paulsen. — Raphael Goldschmidt. Eine Erzählung aus Oberhesfen- Von Ferdinand Runkel. (Fortsetzung.) — Sprechsaar. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin. Thorn. Aus der Provinz Posen. Rawitsch. Ratibor.Mosenberg. Lublinitz. Hamburg. Hildesheim, Gießen. Wien, Jerusalem. — Dorr Nah und Fern. — Miseellen. — Geschäftliche Notizen. Eine wichtige Frage. f Berlin, 17. Januar. er Zugang zum Ackerbau, der Urbeschästigung des israelitischen Volkes, ist durch geschichtliche Gewaltakte dem Juden leider völlig abgeschnitten. In der alten europäischen Heimath kann sich der Jude die Pforte zum Landbau nicht erschließen, der Gründe hierfür sind mannigfache vorhanden. Zunächst befindet sich der Jude in der eigenthümlichen Lage des Poeten im Schillerschen Gedichte. Die Welt ist iveggegeben, der „irdische" Besitz ist vertheilt und Europa bietet — wenigstens im Westen — keinen Raum mehr für etwaige Ansprüche, die eins der ältesten Kulturvölker an den Boden erheben könnte. Der Eine oder Andere mag ja hie und da mit Pflug und Sense dem Humus seinen Lebensunterhalt entlocken, solche Fälle werden nicht allzu selten sein, aber im Vergleich zur Gesammtmasse des Judenthums sind das doch vereinzelt auftretende Erscheinungen. In Delitschland sowohl wie in Oesterreich-Ungarn ist eine geringe Antheilnahme für Bodenbearbeitung sicher vorhanden, indeß sind einer weiteren Entwickelung auf diesem Gebiete, die so wünschens- und erstrebenswerth wäre, die beengendsten Schranken von vornherein gezogen. Die ungeheure Dichtigkeit der Bevölkerung des westlichen Europas läßt eine Ausdehnung bodenwirthschaftlicher Thätigkeit durch die Juden thatsächlich nicht zu. Ist doch die Auswanderung aus den Reihen der Landleute größer als die aus irgend einem anderen Bevölkerungstheil, wenden sich doch mit jedem Frühjahr immer riesiger anschwellende Schaaren, besonders aus Deutschland, dem westlichen Erdtheil zu, um zunieist die fremde Erde anzubauen. Die'drückende Enge und die winzigen Aussichten der heimathtichen Verhältnisse haben diesen kräftigen Bauerntruppen den Wanderstab in die Hand gedrückt. Die Möglichkeit zu bethätigender Ausbreitung regt die Kräfte an und spornt zu frischem Fleiß und kühnen Unternehmungen an. Die Unmöglichkeit, das frisch pulsirende Blut in Thätigkeit zu versetzen, treibt so viele.arbeitslustige Menschen aus den väterlichen Hütten fort. So ist es erklärlich, daß Deutschland eine Viertelmillion seiner produktivsten, zähesten Bürger an Amerika in einzelnen Jahren abgiebt. Freilich in Rußland, wo guter und ertragkräftiger Boden in gewaltigen Flächen noch der Bewirthschaftung harrt, wäre ja Raum genug, um die Juden dem langentwöhnten Landbau wieder zuriickzuführen, ein Streben, das unter den russischen Juden ja viel Anklang gefunden hat und der Verwirklichung entgegengebracht werden sollte. Aber die neueren drakonische», die Juden für vogelfrei erklärenden Maßregeln haben sich wie ein tödtlicher Reif auf diese jungen und zarten Keime gelegt, und die wenigen Kolonien, die als ein vielverheißender Anfang angesehen wurde», werde» wohl unter der russischen Barbarei und den Ehikanen der niederen und höheren Beamten vom Erdboden verschwinden. Was nn Westen der Mangel an Platz verhindert, das thut hier asiatische Zerstörungssucht. Wir halten es für dringend erforderlich, einen großen Kern des Judenthums, — wie in der Urväter Tagen — an die Scholle zu fesseln. Der aufmerksame Beobachter der sich jetzt entwickelnden Zustände muß um die materielle Zukunft der Juden besorgt werden. Trotz des so viel verschrieenen angeblichen Reichthnms der Juden scheint uns die Wohlfahrt derselben auf ziemlich wankenden Füßen zu stehen. Es giebt vielleicht nicht wenige Inden, die dieses von unseren Feinden fortwährend mit Posaunenschall ausgestoßene Geschrei von den Reichthümern der Juden selbst für wahr halten, nichtsdestoweniger ist diese Fabel — eben eine Fabel, nur mit dem Unterschied, daß diese nicht wie gewöhnlich einem edlen, sondern bösen und verwerflichen Zwecken dienen soll. Der Jude ist namentlich an mobilem Besitz betheiligt, dessen Werth kein absoluter, sondern ein zu sehr von politischen und wirthschaftlichen Stimmungen abhängiger ist. Irgend eine Unglücksmär, die Sache an sich braucht gar nicht weiter tragisch zu sei», beraubt oft genug den reichen Juden seines mühsam zusammengebrachten Vermögens; der Mangel an Grundbesitz ist ein sehr schwerwiegender wirthschaftlicher Nachtheil, der mit der Zeit seine schwächenden Rückwirkungen schon äußern wird. Die Gesetzgebung ist ohnehin den nichtindustriellen und bodenwirthschaftlichen Erwerbszweigen nicht sehr günstig, namentlich diejenigen Gewerbe, die Inden hauptsächlich treiben oder seit jeher zu treiben gezwungen waren, werden allerhand Beschränkungen und Schmälerungen unterworfen. Die Schwankungen, die der Besitz erfährt, haben die Tendenz, dem Grund und Boden zu Gute zu kommen. Ob der Antisemitismus bewußt oder unbewußt eine Rolle dabei spielt, ist nicht ausgemacht. Die Rückkehr zur Agrikultur ist das Einzige, was Tausenden und Zehntausenden von Inden ein erträglicheres Dasein verschaffen