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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-12 · Heft 2 (12.1.1894) · p. Seite 24

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 2 (12.1.1894)
Date
1894-01-12
Page
Seite 24 (sequence 12)
Language
German
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24 Aber eine Jüdin, ... ein echter deutscher Mann mag keinen Juden leiden, doch ihre Weiber küßt er gern. „Kommen Sie lieber morgen gegen vier Uhr in den Laden," unterbrach Recha seine Gedanken, „da bin ich ganz allein zu Hause, die Andern sind Kornschneiden, da können wir in Raphaels Stube gemüthlich plaudern, vielleicht bringe ich die Anna gleich mit herüber." „Ja, ich komme." Er küßte Recha's Hand und drückte sie fest in seiner, dann zog er das Mädchen schnell näher und küßte sie auf den Mund. Ein Kuß ist auf dem Lande kein Verbrechen. Recha konnte also nichts Schlimmes dabei finden. Als Bodenbender aber gegangen war, dachte sie bei sich, er ist doch ein hübscher Mensch und riesig nett. Ich glaube, Raphael will ihn nur von mir fern halten aus Eifersucht. Recha schlief diese Nacht unruhig. Immer war es ihr, als ob sie mit Bodeubender plauderte .... ach, war das schön . . . . Sie konnte am andern Tage die Zeit nicht erwarten, bis Bodenbender kam. Vor Tisch war sie zu Anna hinübergegangen und hatte für ihn gesprochen, aber sie stieß auf unerwarteten heftigen Widerstand. Anna war eine gehorsame Tochter, besonders da, wo sich der Befehl des Vaters mit ihren Wünschen deckte. Sie antwortete Recha erst gar nicht, dann, als diese in sie drang, sagte sie schnippisch: „Der Bodenbender?! Nun, er hat doch gesehen, daß es der Vater nicht leiden will, er soll bleiben, wo er will, und poussiren, wen er will, mit uns ist's aus." Recha sprach ihr Bedauern aus. Im Innern aber freute sie sich, daß Anna so abstoßend war. Sie wußte nicht, warum . . . . liebte sie denn den Gymnasiasten? Ach wo! Nur,... er war so flott und warum sollte sie nicht ein bischen mit ihm charmireu. Der Raphael wußte ja nichts davon, und wenn auch, er nahm sie doch! Schließlich blieb ihr ja auch noch der Ephraim Hirsch. Dieser vernachlässigte sie zwar, denn die Reichstagsersatzwahl war vor der Thür und er agitirte mächtig für den Deutschfreisinn. Aber ihm konnte sie bald wieder den Kopf verdrehen. Er war ja „narrisch", wie die Mutter sagte, das Gehlchen, der Landschamer. Endlich hatte Recha lange genug auf der Wartburg gesessen, endlich kam Bodenbender. Er hatte sich mächtig sein gemacht... er „spannte sich" sowieso ein bischen. Recha mußte sich sagen, ein schöner Junge war er, und groß und stattlich, ein ganz anderer Kerl als Raphael. Wenn er sie heirathen möchte, aber daran war nicht zu denken. Sie hätte ihn auch nicht nehmen dürfen, weil er ein Christ war. Das Alles schoß ihr durch den Kopf, während sie ihn ansah. Und er sah sie auch so an, so ganz seltsam. Dann fragte er: „Keine guten Nachrichten, nicht wahr, ich sehe es Ihnen schon am Gesicht an? Nun, es ist mir auch recht. Ich habe mich getröstet. Anna hat es mir ja leicht gemacht." „Lasten Sie mich doch erst erzählen..." „Wozu noch erzählen. Ich kann mir Alles denken. Sie Hut nicht mehr mögen, weil der Vater dagegen ist." „Es steckt wohl auch etwas tiefer," meinte Recha. „Es ist ihr nicht so recht ernst mehr gewesen mit der Liebe, seitdem ihr früherer Schatz von Gießen wieder da ist.... Gott, sehen Sie, alte Liebe rostet nicht." „Ist mir auch gleichgiltig. Jetzt habe ich überhaupt Niemand mehr, außer Ihnen. Wollen Sie mir eine gute Freundin bleiben?" Seine Stimme hatte einen weichen, schmeichelnden Klang angenommen. Er sah sie mit verlangenden Augen an, so daß sie nicht wußte, wohin sie blicken sollte. Da trat sie ans Fenster und deutete hinaus: „Sehen Sie nur, Herr Bodeubender, was der Birnbaum für eine Menge Früchte trägt. Lauter feine echte Mollenbusch." Bodenbender trat näher zum Fenster. Sanft legte er seinen Arm um des Mädchens Schulter und fragte dringlich: „Recha, wollen Sie mir eine gute Freundin bleiben? Antworten Sie doch!" Und leise zog er sie näher zu sich. „Warum nicht!" sagte sie kokett lächelnd und schaute ihm schelmisch in die Augen. Da faßte er sie mit beiden Händen am Kopf und küßte ihr den verlangenden Mund. Raphael war um seine Liebe betrogen. VII. Die Ferien waren zu Ende. Raphael war wieder ans seiner Heimath eingetroffen, aber er fand das Haus des Feist Wolf nicht mehr so heimathlich, so traut. Die Herzlichkeit fehlte. Zuerst fiel ihm Rechas Wesen auf. Sie war kühl und unwirsch. Seine Liebe duldete sie zwar, aber keine Erwiederung beglückte ihn. „Was hast Du nur?" fragte er erstaunt. „Nichts.. .., nur ..." „Nur? Was ist?" „Gott, ein Mal muß es ja doch heraus. Aus uns Beiden kann nie im Leben etwas werden." Raphael wurde bleich wie der Tod, ihm war, als bliebe ihm das Herz stehe». „Nichts werden," stieß er keuchend heraus... „Und warum nicht? Was habe ich Dir gethan?" „Nichts, aber ich liebe einen Andern." Indem trat Feist Wolf ins Zimmer. Er hatte die letzten Worte noch gehört. „Liebst en Andern. Geh her, es werd mer schwach, ein Andern. Raphael, cs hat sich hier was geändert, aber sei uor ruhig, es kömmt noch Alles ins Blei. Liebt en Andern, hat mer schon so was erlebt. Du liebst den Manu, wo Du heirathst und kan andern. Das wär mer e tow Geschicht." „Vater, thu mer de ahnzige Gefalle un misch der net in meine Sache." „So ne Chuzpe!" „Ich sag Der, ich thu, was ich will, und wann mich der Bodenbender heirathen will, werd ich Christin, laß ich mich schmadde." - „Nix läßte, die Posse läßte, un en brave, junge Mann net unglücklich machste." „Aber mich mach ich unglücklich!" „Also der Bodeubender!" weiter konnte Raphael nichts Hervorbringen. „Ganz netter Mensch," sagte jetzt Recha kokett. „Der Antisemit, also mit dem. Herr Wolf, ich Hab lange Jahre bei Euch in Frieden gewohnt. Jetzt ist das vorbei, ich zieh aus." „Nix ziehste, da bleibste. Mer werde doch dem Schäfche noch die Woll kämme könne. Ich sprech e Machtwort. Hörste mich, Recha. Entwedder de nemmst de Raphael oder drauß ist Dein." „Gut is. Drauß is mein, geh' ich nach Frankfort und such mer e Stell." Damit verließ sie die Wohnstube und ging in ihr Schlafzimmer hinauf. „Laß se in Ruh," sagte Feist nach einer Weile zu Raphael, „se werd sich besinne." Der arme Junge aber stand am Fenster und redete kein Wort. Nu» war Alles zu Ende, was hatte er noch auf der Welt. Nichts, nichts.... (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwih in Berlin.

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