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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-12 · Heft 2 (12.1.1894) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 2 (12.1.1894)
Date
1894-01-12
Page
Seite 23 (sequence 11)
Language
German
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23 ich und im Grunde — wie viele Künstler — ei» großes verzogenes Kind." - ' „Ist er vorurthcilsfrei?" „Ja—a," stammelte Holger, der ahnte, was Rachel mit dieser Frage meinte, „was ich mich übrigens selbst zu sein schmeichele." „Sie sprechen ein großes Wort gelasten aus. In der Theorie sind wir Alle vorurtheilsfrei, aber mit der Praxis ist es eine andere Sache." Nach einer Pause fragte sie ernsthaft: „Würden Sie sich z. B. mit einem bürgerlichen Mädchen von niederer Herkunft verheirathen können?" „Ja, weshalb nicht?" lachte er, indem er das linke Auge schelmisch zusammenkniff, „wenn mir die Dame sonst gefiele." Durch die halb geschlossenen Augen, deren lange, dunkle Wimpern ihre Augen beschatteten, sah sie ihn einen Augenblick prüfend an. Eine alte, traurige Erinnerung schien in ihr zu erwachen. „Das ist verteufelt gut gemacht!" rief Anders Holger zu, indem er, ohne Rachel zu beachten, auf das Portrait zeigte. „Solche Meisterwerke sieht man nicht alle Tage." Holger, durch des Freundes Formlosigkeit verletzt, antwortete nicht. Rachel betrachtete den großen breitschultrigen, bärtigen Künstler, dem das Selbstgefühl aus den Augen sah, mit einer Sympathie, die mit einer leichten Geringschätzung gemischt war. Der große krause Vollbart paßte nicht recht zu seinem jugendlichen, blühenden Gesicht mit den vollen, runden Wangen. Rachel mußte an ein griechisches Reliefbild denken, welches sie einmal gesehen hatte und ans welchem sich ein Kind eine tragische Maske vorhält. Rachels Schwester Judith, ein hübsches achtzehnjähriges, etwas kränklich aussehendes Mädchen, näherte sich jetzt .und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Mit einer graziösen Neigung des Kopfes gegen beide Herren verließ Rachel das Boudoir und stellte sich im Salon an den Flügel. Lautlose Stille trat ein. Judith setzte sich ans Piano, um den Gesang der Schwester zu begleiten. Während Rachel einige Lieder von Schubert vortrug, hatte Holger Muße, ihr Aeußeres genau zu betrachten. Das helle Licht des Kronleuchters fiel voll auf ihre schlanke Gestalt. Sie trug ein Kleid von purpurrother Seide, welches in losen Falten herabfiel und in der Taille durch einen goldenen Gürtel zusammengehalten wurde, und diese ebenso einfache, wie originelle Toilette harmonirte vorzüglich mit ihrer orientalischen Schönheit. Ihr Gesicht mit seinem regelmäßigen Profil hatte jenen weichen, malte», warmen Glanz, den man in Italien Morbidezza nennt und der an sonnverbrannten Marmor erinnert, und aus diesem bleichen Gesicht leuchteten ein Paar wunderbare seelenvolle, nachtschwarze Augen und ein rother Mund mit vollen, breiten Lippen. Das krause, blauschwarze Haar umgab in Wellen die schöne, niedrige Stirn und war im Nacken zu einem dicken Knoten verschlungen. Sie sang weiter, und Holgers Blick wich nicht von ihr. Er bewunderte vor Allem ihre ungekünstelte vornehme Ruhe. Still, bleich, fast unbeweglich, mit der keuschen Anmuth, welche den Jüdinnen eigen ist, stand sie da mitten im Saal, mit einem schwarzen Fächer in der Hand, als hätte sie weder ein Bewußtsein von dem Publikum noch dessen Beifall. Weder die poetische» Worte noch die bezaubernden Töne vermochten einen Funken von Wärme in ihr zu entzünden. Wie eine Statue stand sie da. Dennoch aber ahnte Holger, als in diesem Augenblick ihr Blick plötzlich dem seinigen begegnete, daß unter dieser kalten Oberfläche ein Feuer glühe, welches fähig sei, in hellen Flammen empor zu schlagen. Rauschender Beifall folgte dem Gesang. Rachel sang schließlich noch das von einem modernen deutschen Komponisten in Musik gesetzte Gedicht von Heine, in welchem er die Tragödie des jüdischen Volks schreibt und den tausendjährigen Schmerz schildert, der sich in den Jordan ergießt. Brich aus in lauten Klagen, Du düst'res Marlyrlied, Das ich so lang getragen Im flainmenstillen Gemiith! Es dringt in alle Ohren Und durch die Ohren ins Herz Ich habe gewaltig beschworen Den tausendjährigen Schmerz. Es weinen die Großen und Kleinen, Sogar die kalten Herrn, Die Frauen und Blumen weinen. Es weinen am Himmel die Stern'. Und alle die Thronen fließen Nach Süden im stillen Verein, Sie fließen und ergießen Sich all' in den Jordan hinein. Wie verändert war Rachel plötzlich! Holger traute kaum seinen eigenen Augen. Die Statue war belebt, die Stimme zitterte, als schilderte sie einen Schmerz, der persönlich gefühlt und erlebt wäre, ihr Blick war thränenfeucht, und in diesem Glanze doppelt bezaubernd. Und alle die Thronen fließen Nach Süden im stillen Verein — wiederholte sie mit schwermüthiger, tiefer Innigkeit. Ein seltsames zärtliches Mitleid ergriff ihn für dieses bleiche, fremde, unverstandene Mädchen dort am Piano, und während er ihren klagenden Tönen lauschte, tauchte in seinem Gedächtniß eine Erinnerung aus seiner Schulzeit ans, die rührende Elegie des alten Testaments: „Wir saßen an den Wassern Babylons und weinten." <Fortsetzung folgt.) Raphael Goldschmrdt. Eine Erzählung aus Oberhessen von Ferdinand Runkel. (Fortsetzung.) nd die Geschichte mit dem Direktor?" „Das ist Alles in der Ordnung, das hat den Anstoß gegeben. Anna will mit keinem Schüler verkehren... Der Herr Hofmetzger..." „Mit dem Christian leidet's der Alte?" „Das nicht, aber er weiß ja nichts davon." „Sie meinen, Anna liebt mich nicht mehr." „Es scheint so, aber. .. Gott... man kann da nicht viel sagen. Die Anna... Gott... sie hat ja Recht, wer ihr gefällt, mit dem geht sie." „Wollen Sie mir noch einen Gefallen thun, Recha?" „Warum nicht, gern!" „Ich möchte Anna noch einmal sprechen. Versuchen Sie doch, ob es nicht geht. Sie wird es gewiß thun, und ich will Ihnen ewig dankbar sein. Ich komme morgen Abend wieder hierher und hole mir Antwort... Nicht wahr?" „Ach Gott, nein, das geht nicht, was müßten denn die Leute denken, wenn man uns so sähe... und der Raphael... ich bi» doch seine Braut." „Unsinn, ich habe ja nichts mit Ihnen." Während er das so leicht hinsagte, kam ihm der Gedanke: D» könntest aber etwas mit ihr haben. So übel ist sie nicht. Wenn es mit der Anna zu Ende geht, warum nicht mit ihr anfangen..

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