Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1894)
- Date
- 1894-01-12
- Page
- Seite 22 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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22 fr. u h t. u f; Schutz einflußreicher Hofpersonen zu verschaffen und ihren Aufenthalt durchzusetzen. Durch die Nachsicht der Behörden hatten sich bereits 152 fremde Juden in Bordeaux augesammelt, von denen einige bei Hof oder in der Stadt beliebt waren. Das war den Portugiesen ein Dorn im Auge, und um dem Zuzug Fremder entgegenzuwirken, vereinbarten sie 1760 ein Gemeindestatut unter einander von der engherzigsten Art gegen ihre anderweitigen Glaubensgenossen. Nach diesem Statut sollte es den portugiesischen Juden oder ihrem Vorstand anheimgestellt bleiben, solche fremde Inden oder „Landstreicher" innerhalb dreier Tage aus der Stadt bringen zu lassen. (Schluß folgt.) II!> - -’g- --II—II Wt 1 U * St FEUILLETON P P *|j W- -i 1—I i -. —- 1 I-1 JMGEMUSx? Wie Jüdin. Erzählung von John P a u l s e n. >) ^^»tatsrath Joachim gab eine seiner musikalischen Soireen in seiner eleganten Wohnung in der Bredgade. Außer den Herren, welche zum Violinquartett gehörten, war nnr ein kleiner Kreis geladen. Ein paar alte würdige Damen, welche die mutterlosen Töchter des Hauses protegirtcn, einige adelige Landjunker, welche gerade in der Stadt waren, um ihren Termin zu besorgen und das königliche Theater zu besuchen, ein näselnder Kammerjunker und mehrere dänische und fremde Künstler. Der Etatsrath war als kunstsinnig und gastfrei bekannt. Es waren keine Glaubensgenossen des Wirthes anwesend. Wie viele moderne Juden verkehrte er ungern mit Seinesgleichen. Er sah es gern, wenn man in seinem reichen, wohlgeordneten Heim vergaß, daß eine Rassenverschiedenheit in der Welt existirte. Unter den Gästen erregten zwei junge Herren besondere Aufmerksamkeit, nämlich der Hofjägermeister von Brock auf Rosengaard und sein Freund und Verwandter, der bekannte Maler Anders Thambs, welche an diesem Abend zum ersten Male beim Etatsrath waren. Spohrs Quartett war zu Ende und lebhafter Beifall wurde gespendet. Der junge Hofjägermeister war einer der begeistertsten Bewunderer des beendigten Stückes. Er war eine musikalische Natur, hatte aber in seinem Heim wenig Nahrung für diese Passion, und er genoß jetzt doppelt den Wohllaut der Töne ... sie wiegten ihn in ein geistiges Wohlbehagen, wie er es lange nicht mehr empfunden hatte. In einem kleinen Boudoir, welches die Reihe der Zimmer beschloß, und welches wie ein kleines Treibhaus mit Blumen und Pflanzen geschmückt war, saß Fräulein Rachel, die älteste Tochter des Hauses. Sie blätterte in einem Notenhefte, denn sie war an der Reihe, zu singen. Während der Maler mit Kennermiene die vielen vorzüglichen Gemälde musterte, welche die Wände bedeckten, ging der Hofjägermeister in das Boudoir, um Fräulein Rachel zu begrüßen. Sic hörte seine Komplimente über die Ausführung des Quartetts mit einem ruhigen, etwas schwerinüthigen Lächeln an. „Sie sind ein Freund der Musik?" ') Aus dem Norwegischen übersetzt von Helmine Fick. „Ja, ich liebe sie sehr, gnädiges Fräulein." „Das freut mich. — Ich werde jetzt gleich einige Romanzen von Schildert singen. — Er ist mein Lieblingskomponist." „Er ist auch der mcinige." „Es scheint, daß wir einen gleichen Geschmack haben," sagte Fräulein Rachel, während sie ihn heimlich musterte. Holger von Brock war ein hoher, kräftiger, breitschulteriger Mann im Beginne der Dreißiger. Er hatte blaue, sanfte, ehrliche Augen, welchen die scharfgezeichneten dunklen Brauen eine eigene Tiefe gaben, sein Haar war hellblond, leicht gekräuselt, von einem seltenen, goldigen Schimmer, der in den Augen Rachels, der Jüdin, das Zeichen einer höheren Rasse war. Seine Züge waren regelmäßig, das Kinn breit, mit einem Grübchen, und der lange Schnurrbart seidenweich, hell und fein wie sein Haar. Seine leicht gebrälinten Hände waren hübsch geformt, und die Zähne schimmerten frisch und weiß durch die rothen, etwas sinnlichen Lippen. Wenn er sprach, kniff er zuweilen das linke Auge zusammen, - was ihm einen eigenen lustigen Ausdruck gab und den Eindruck machte, als habe er gerade eine besonders amüsante Neuigkeit zu erzählen. Auf Rachel machte er den Eindruck einer gesunden, unverdorbenen, liebenswürdigen Natur, die mit der Frische des Landmannes vereinigt war. Mit einer Handbewegung lud sie ihn ein, neben ihr Platz zu nehmen. „Lassen Sie uns ein wenig mit einander plaudern!" sagte sie freundlich mit jener Ueberlegenheit, welche manche Frauen selbst den bedeutendsten Männern gegenüber an den Tag legen. „Erzählen Sie mir von Rosengaard; nian hat mir gesagt, daß es dort wunderschön sein soll." „Ja, besonders im Sommer, wenn die Rosen blühen, dann macht der Hof seinem Namen Ehre . . . Wir haben sehr viele seltene Rosen. — Meine Mutter schwärmt für Blumen." »Ihre Frau Mutter wohut also bei Ihnen?" „Ja. Gott sei Dank — sonst wäre es zu einsam für mich auf dem großen Gute. — Ich habe ja keine Geschwister — ich bin das einzige Kind." „Ihre Frau Mutter ist eine Geborene von B?" nicht wahr?"— Rachel nannte eine der ältesten dänischen Adelsfamilien. „Ganz richtig, und sie ist sehr stolz auf ihren Stammbaum. Die Familie meines Vaters kann neben der ihrigen gar nicht bestehen. Die Brocks sind ja auch nur eiugewanderte Deutsche, die erst unter Friedrich V. ins Land kamen." Der spottende Ton, in dem er von seinem Adel sprach, gefiel ihr. „Apropos, werden Sie morgen den großen Hofball besuchen?" fragte sie. „Nein — ich habe diesmal keine Karte beim Hofmarschall abgegeben — worüber meine Mutter sehr unzufrieden ist. Wenn ich aus Kopenhagen komme, ist ihre erste Frage stets nach Neuigkeiten vom Hofe. Ich lege überhaupt sehr wenig Werth auf das gesellschaftliche Leben, besonders in den adligen Cirkeln. Man muß sich mancherlei Zwang auferlegen und die geistige Ausbeute ist gerade nicht groß. Mir geht die Freiheit über Alles." Anders Thambs war jetzt ebenfalls ins Kabinet getreten, wo ein großes Portrait von Oehlenschläger seine Aufmerksamkeit erregt hatte. „Ich vermuthe, daß Ihr radikaler Freund, der Künstler, Sie beeinflußt." „Das ist möglich — jedenfalls ist sein Einfluß ein günstiger. Er hat viele Reisen gemacht und kennt die Welt. Manchmal muß ich mich aber seiner Erziehung annehmen. Ec ist viel jünger als iäätüü