Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1894)
- Date
- 1894-01-12
- Page
- Seite 18 (sequence 6)
- Language
- German
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18 Zagen vertheidigten. Diese Propheten waren Männer, welche dftu Kenntniß der Natur, der geschichtlichen Entwickelung der Böller, der Zustände der benachbarten Staaten, alles Wifsenswerthe sich zu eigen machten, um die Gegenwart zu begreifen und die Zukunft der Menschheit bestimmen zu können. Sie waren Männer, die weder eines alten Stammbaumes, noch des heiligenden Salböls bedurften, um ein Anrecht auf ihre öffentliche Thätigkeit zu erlangen; Männer, die aus dem Volke hervorgingen, im Volke lebten, für das Volk wirkten. Diese Männer sollten das redende Gewissen Israels sein, die schmetternde Posaune des Gottesgerichtes, wenn Hochmuth, Gewaltthütigkeit und Tyrannei, Heuchelei, Scheinheiligkeit und Frömmelei ihr Unwesen trieben; sie sollten lehren, rathen, ermahnen, warnen, drohen, züchtigen, mit der Schärfe des Wortes bekämpfen und bekriegen Alles, was falsch, lügenhaft, gemein und niedrig, Alles, was die Wahrheit schwächt, die Freiheit untergräbt, die Gerechtigkeit, lähmt .. . Und so, wie er die Propheten schilderte, so war und blieb Jellinek selbst ein Prophet seines Volkes sein ganzes Leben lang. Wenn er in den letzten Jahren scheinbar schon von Alter und Krankheit gebrochen, mit feinem, charakteristischem Kopf, welcher eine verblüffende Aehnlichkeit mit dem Beethoven's hat, auf der Kanzel stand, ging mit ihm eine merkwürdige Wandlung vor. Die Stimme, welche anfangs leise und nur vibrirend erklang, gewann mit jedem Wort an Fülle und Kraft. Und das Säuseln des Windes ward zum Tosen des Orkans, der erschütternd über die Welt dahinbrauste. Ein Hauch Gottes wehte durch den Tempel, und die Erde beugte sich in Demuth vor dem Ewig Einen. Und mitten im tobenden, Sturm stand hoch aufgerichtet der Prophet, mit leuchtenden Augen, erfüllt von jugendlichem Feuer, voll lodernder Begeisterung. . . . Tiefe der Empfindung und logische Anordnung, Gewandtheit im Ausdruck und richtiges Urtheilsvermögen, ausgedehnte Kenntniß der Menschen und der Welt, eine grandiose Bildung, welche alle Gebiete menschlichen Wiffens umfaßte, und unablässiges Streben nach höheren und immer höheren Zielen verbanden sich hier. Da hörten -wir keine Vorwürfe, keine Anklagen, kein Jammern über die bösen Zeiten, keine Moralpredigten. Da wurden uns vielmehr die großen, ewigen Ideen von Freiheit und Menschlichkeit vor Augen gehalten, um uns zu begeistern, zu erheben. Besonders die Freiheit wird immerfort betont, die Freiheit, welche das Jndenthum stets gelehrt: Freiheit bezeichnet seinen Anfang, Freiheit ist sein Ziel, Freiheit will sein Gott, Freiheit schützt sein Gesetz. Nicht zur Knechtschaft ist Israel geboren. Freiheitslieder umrauschten seine Wiege, die an der Grenzscheide Afrikas und Asiens stand, und als kaum ein schwacher Schimmer der Freiheit die asiatischen Despotenreiche beleuchtete, stimmte Israel eine Freiheitshymne an auf den allmächtigen Gott der Freiheit.Und jedes Jahr, wenn der Frühlingsmonat als Herold der Freiheit die Fesseln des Winters sprengt und die Gotteskräfte in der Natur sich zu regen beginnen, da begeht Israel acht Tage ein Fest der Volksfreiheit und singt dem Gotte der Erlösung ein Freiheitslied, das älter ist als die Freiheitslieder aller andern Völker.Das Judenthum ist keine Fürstenreligion, welche die Knechtung der Völker ermuntert oder billigt, sondern eine Religion der Freiheit, ein Lebensbauin, der im Sonnenlichte der Freiheit zu seiner vollen Entfaltung gelangt, wenn auch mancher Zweig in der Gluth der Sonne verdorrt und zu Boden fällt. Darum preisen die Juden jene ausgezeichneten Männer ihres Volkes, welche in den verschiedenen gesetzgebenden Versammlungen Europas für das Recht und die Freiheit ihrer Mitbürger einstehen. Denn sie reden, wirken und handeln im Gottesgeiste des Judenthums und im erleuchteten Sinne der Propheten, und sind treue, gute, und fromme Söhne des jüdischen Volkes. . . Was Wunder, daß ein solcher Prediger nicht nur bei seinen Glaubensgenoffen, sondern auch bei Christen allgemeine Anerkennung fand. Im März 1848 wurde in Leipzig von den Predigern aller Konfessionen eine Versammlung einberufen, um eine Petition für die Gleichstellung aller Konfessionen, daher auch der Juden, zu genehmigen und an das Parlament in Frankfurt zu richten. In dieser für die damaligen Verhältniffe Leipzigs besonders merkwürdigen Versammlung hielt Jellinek eine fulminante Rede, welche die sofortige einstimmige Genehmigung erwirkte. Kurz darauf gründete Dr. Zille, Prediger an der Universitätskirche, einen „kirchlichen Verein für alle Konfessionen zur gegenseitigen Aufklärung", einen Verein, welcher die Tendenz hatte, daß die verschiedenen Konfessionen einander näher kennen lernen, ihre Vorurtheile berichtigen und im Geiste der allgemeinen Gleichstellung wirken sollten. Als das Parlament in Frankfurt eröffnet wurde, wollte dieser Verein in einer Leipziger Kirche ein feierliches Tedeum veranstalten und Jellinek wurde zuni Festredner designirt. Aber der damalige sächsische Kultusminister Freiherr von der Pfordten gestattete die Abhaltung der geplanten Feier nur unter der Bedingung, daß nicht Jellinek der Festredner sei, da ein Jude in der Kirche nicht das Wort führen dürfe. Infolge dieses Verbots traten die Veranstalter des Festes ganz von ihrer Absicht zurück. Unter den Männern nichtjlldischen Bekenntnisses, mit denen Jellinek in Leipzig intimer verkehrte, sind obenan zwei hervorzuheben: Zille und Niner. Der Erstere, Prediger an der Leipziger Uni- .versitätskirche, war ein durch und durch edler, freisinniger, aufgeklärter Mann, der einmal sogar eine Rede gegen die Trinität halten wollte. Sein Freund Jellinek, der jüdische Prediger, aber rieth ihm entschieden ab, indem er ihm sagte: „Ihr Versuch ist unnütz. Das Dogma der Trinität wird bleiben. Ein Dogma, welches das Fundament der Kirche bildet, läßt sich nicht durch eine Rede erschüttern." Der christliche Prediger folgte dem Rath seines jüdischen Freundes und unterließ die Rede gegen die Trinität. Ebenso aufgeklärt wie Zille, ohne jegliches Vorurtheil gegen Juden war auch Professor Niner, Lehrer der Kirchengeschichte an der Universität. Nur Einer trat Jellinek gerade wegen dessen konfessioneller Friedfertigkeit und Versöhnlichkeit entgegen. Dies tvar der Leipziger Superintendent Großman», der viele höchst lehrreiche Arbeiten über Philo herausgab und überhaupt ein sehr begabter Gelehrter war. Großmann haßte Jellinek, weil dieser infolge seiner Toleranz bei Christen und Juden, bei Jung und Alt gleiche Beliebtheit genoß. Aber Jellinek vergalt nicht Haß mit Haß, sondern wo er konnte begegnete er dem Superintendenten mit ausgezeichneter Höflichkeit und Zuvorkommenheit, und als Großmann gestorben war, begleitete Jellinek in seinem Predigerornate die Leiche, ging auch in die Kirche und auf den protestantischen Friedhof mit. Nicht mindere Anerkennung wie bei seinen Mitbürgern fand Jellinek beim sächsischen Königshause. Durch feine Reden hatte Jellinek manches zur Popularisirung des Königs Johann, der bei seinem Regierungsantritt nicht besonders beliebt war, beigetragen. Als Kronprinz halte König Johann einmal einer Sitzung der ersten sächsischen Kammer präsidirt und über die Petition der Dresdener Juden um staatliche Anerkennung referirt. Bei dieser Gelegenheit sprach er die Worte: „Wie schäme ich »sich, einem Staate anzugehören, in dem man um Gleichberechtigung bitten niuß!" Jellinek nahm diese Worte zum Text einer Predigt, und der König bewahrte ihm dafür Dankbarkeit, die er bei mancher Gelegenheit kundgab. Nach der Einweihung des neuen Leipziger Tempels kam König