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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-12 · Heft 2 (12.1.1894) · p. Seite 17

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 2 (12.1.1894)
Date
1894-01-12
Page
Seite 17 (sequence 5)
Language
German
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7WTTT*Pna*** -- 17 - Kurze Zeit darauf, am 26. Juni 1821, genas sie eines Knaben, der den Namen Aaron oder Adolf erhielt. Leider starb Fran Sara, als ihr Söhnlein erst das fünfte Lebensjahr erreicht hatte. Der kleine Adolf wurde deshalb von seiner Großmutter Rebekka Bak nach Ungarisch-Brod genommen und dort mit unvergleichlicher Sorgfalt und Liebe erzogen. Mit 13 Jahren wurde Adolf nach Proßnitz gebracht, um dort die talmudische Schule zu besuchen. Proßnitz war ein durch Jahrhunderte berühmter Ort für hebräisches Studiuin und zu den Rabbinen, welche dort lehrten, kamen nicht blos Jünger aus Böhmen, Mähren, Ungarn und Oesterreich, sondern auch wissensdurstige Schüler aus Polen und Deutschland. Zur Zeit, als Adolf Jellinek nach Proßnitz kam, hatte die dortige Talmudschule den Höhepunkt ihres Ruhmes erreicht. An ihrer Spitze stand der berühmte Rabbi Moses Katz Wannefried, welcher ungleich seinen Vorgängern nicht blos den Talmud lehrte, sondern seinen Schülern erlaubte, sich auch mit anderen Disziplinen zu beschäftigen. Nahe bei dem Hause des Rabbi wohnte ferner der Arzt Gideon Brecher, welcher die Talmudschüler ermunterte, sich auch modernen Wissenschaften zuzuwenden. In seinem Hause kamen denn die Knaben und halbreifen Jünglinge zusammen und lasen Philippsons „Inden-Zeitung" und Geigers Zeitschrift, und betrieben das Studiuin der alten und neuen Sprachen. In diese Kreise trat 1834 der dreizehnjährige Adolf Jellinek. Ein Mitschüler, der jetzige Direktor Moritz Eisler, hat uns das erste Erscheinen und Auftreten des Knaben geschildert. Rabbi Moses Katz Wannefried begann eben einen Vortrag. Ihm zunächst saßen seine beiden Söhnchen und der genannte Moritz Eisler. Der Lehrer warf eine Frage hin. Ans solche pflegten nur erwachsene und tüchtig vorgeschrittene Schüler zu antworten. Diesmal war die Frage gar schwierig, lind selbst die vorgeschrittensten „Bachnrim" getraiiten'sich nicht, Antwort zu geben. Da plötzlich hörte man aus der fernsten Ecke des Zimmers ein leises, leises Stimmchen, das klare und richtige Auskunft ertheilte. Alle Blicke richteten sich nach dem Sprechenden. Der Rabbi aber ging zu dem Kleinen, führte ihn aus seiner bescheidenen Ecke und setzte ihn an den ersten Platz. Seitdem war „Aaronle" das Wunderkind der „Jeschiwa", der Talmudschnle des Rabbi Moses Katz Wannefried. So oft der Lehrer eine Frage hinwarf, wußte das Wunderkind eine Antwort. Stellte der Rabbi einen Satz als apodiktisch hin, wußte der Wunderknabe daran zu rüttel«. So konnte Rabbi Moses schon nach einem Monat von Aaron sagen: „Da ist ein kleines Bachurl gekommen. Wenn der Junge im Talmudstudium verharrt, wird aus ihm ein neuer Rabbi Jonathan Eibenschütz, wird aus ihm ein Pele, ein wahres Wunder." Wenn dieses Wunderkind nicht Talmud lernte, fand es sich im Hause Gideon Brechers ein und studirte dort französisch und italienisch, und zwar so gründlich, daß Jellinek später in beiden Sprachen sogar Reden halten konnte. Von Proßnitz kam er ans Gymnasium in Prag und von hier ging er an die Leipziger Universität. Damals war aber das Ueberschreiten der deutschen Grenze nicht so leicht wie heutzutage, und da der junge wissensdurstige Herr keiiien Paß für's Ausland hatte, wurde er — polizeilich nach Leipzig expedirt. Dort gab man ihn allerdings frei, als es sich hcrausstellte, daß er wirklich studiren wollte. In Leipzig lebte bereits ein Bruder Jellineks, Hermann, welcher bekanntlich 1848 für die Sache der Freiheit fiel. Die Stadt Leipzig war damals der Zufluchtsort aller großen freien Geister, welche in Oesterreich unter dem schweren Druck der Metternichatmosphäre nicht leben konnten. Ignaz Knranda, der nachmalige Reichstagsabgeordnete, die Dichter Moriz Hartmann, Kaufmann, Eduard Mauthner und viele Andere harrten dort der Dinge, die in kurzer Zeit die Welt erschüttern sollten. Archer den Genannten wurden Max Müller, Delitzsch, Dieterici und Spiegel Jellineks Freunde und Kollegen bei dem Philosophen Weiße, dem Orientalisten Fleischer, dem Historiker Wachsmuth. Mit allen diesen und vielen anderen berühmten Männern seiner Zeit stand Jellinek in lebhaftem Briefwechsel. Leider hat er die meisten Briefe nicht aufbewahrt. Vor Jahren suchte ich Einiges zusammen — auch das Wenige bietet indessen genug des Interessanten. Neben seinen Studien trieb Jellinek schon damals ein Bischen Journalistik und Schriftstellerei. Der „Orient", von Professor Julius Fürst redigirt, hatte an ihm einen thätigen und geistreichen Mitarbeiter. Bei der Gründung der deutschen morgenländischen Gesellschaft wirkte er mit und trat in das erste Redaktionskomitee, der von dieser Gesellschaft herausgegebenen Zeitschrift. 1844 begründete er selbst eine Wochenschrift, die jedoch nur durch drei Jahre erschienen ist. Eine Zeitlang war Jellinek von Kuranda mit der Leitung der „Grenzboten" betraut worden. Seine litterarische Thätigkeit war damals ebenso wie später eine universelle. Neben Studien zur Geschichte der Philosophie, der Kabbala und der Midraschlitteratur gingen historische, litterarische und bibliographische Aufsätze, aber auch rein journalistische Tagesartikel, welche Zeitfragen und Zeitereignisse behandelten. So hatte er, der als armer Schlucker nach Leipzig gekommen war, sich durch eigene Kraft aus den engsten Verhältniffen bereits in wenigen Jahren zu bedeutender Stellung emporgerungen. Und als er 1845, erst 24 Jahre alt, Prediger der israelitischen Gemeinde zu Leipzig ward, hatte sein Name längst einen gute» Klang. Er predigte die erste Zeit nur während der Messen zu Ostern und Michaeli. Die Leipziger israelitische Gemeinde bestand aus blos wenigen Familien, da die Niederlassung von Inden in Sachsen damals äußerst erschwert war. Aber zu den Messen kamen viele Fremde herbei, und bei denen wurde Jellinek bald so beliebt, daß der kleine Tempel, der bis dahin vollkommen genügt hatte, die Vielen, welche den berühmten Prediger zu hören herbeiströmten, nicht mehr fassen konnte. Dies gab den Anstoß zum Bau des neuen prachtvollen Gotteshauses, welches noch heute eine architektonische Zier Leipzigs bildet. Dadurch, daß Jellinek fast stets vor einem Publikum sprach, welches aus allen Weltgegenden zusammengewürfelt war, sah er sich von allem Anfang darauf hingewiesen, in seinen Predigten von lokalen Momenten sich loszulösen und weltumfassende Themen zu behandeln. Diese Art und Weise ward seine Eigenthnmlichkeit. Er vertiefte sich nie in kleine Verhältnisse, er umfaßte mit seinen Ideen die ganze Welt, er war ein Kosmopolit im edelsten Wortsinn. Der Umgang mit den großen Gelehrten und Dichtern wirkte ebenfalls auf ihn. Er lernte soviel als möglich den Kampfeston zu meiden, er vertrat das Judenthum nach außen durch eine lichte, klare Darstellung der Religion und ihrer Lehren, er war tolerant gegen Andersgläubige, und nach innen suchte er dem gemäßigten, besonnenen Fortschritt zum Sieg zu verhelfen, und seine These war: „Im Judenthum giebt es keine Orthodoxie!" Jellinek, in seiner Eigenschaft als Prediger, kann wohl mit den kühnen Propheten des alten Testaments verglichen werden, welche durch die mächtige Kraft ihrer Rede auf die Gemüther der Zuhörer drohend und tröstend, erschütternd und erbauend, demüthigend und anfrichtend einwirkten. Diese Propheten waren, wie Jellinek selbst gesagt hat, im Dienste der höchsten Wahrheit stehende Männer, welche sie mit feuriger Zunge und mit hinreißender Begeisterung verkündeten und vor den Großen und Mächtigen ohne Furcht und

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