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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-12 · Heft 2 (12.1.1894) · p. Seite 19

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 2 (12.1.1894)
Date
1894-01-12
Page
Seite 19 (sequence 7)
Language
German
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19 Johann zur Besichtigung desselben und zeichnete Jellinek durch eine längere Unterhaltung aus, wobei er sich als Bewunderer der Jellinek'schen Reden erklärte. Als der Prediger im Jahre 1857, nachdem er zwölf Jahre der Leipziger Gemeinde vorgestanden, nach Wien berufen wurde, äußerte der König Johann zum Bankdirektor Popper: „Er wundere sich sehr, daß die Leipziger Gemeinde einen Mann wie Jellinek fortziehen lasse." Die Worte des Königs wurden bekannt, und man versuchte, Jellinek zurückzuhalten. Aber seine Wahl in Wien war bereits vollzogen und nicht mehr rückgängig zu machen. Das Glück, nicht nur bei seinen Glaubensgenossen, sondern auch bei allen Menschen allgemeine Achtung und Beliebtheit zu gewinnen, wurde Jellinek auch in Wien zu Theil. Auch hier blieb er seiner Toleranz treu, und in ihrem Geiste predigte er volle 50 Jahre. Jeder Mann Hai seine Zeit und jede Zeit hat ihren Mann — dies war der Text der ersten Predigt, welche Jellinek in Wien hielt. Es war die Zeit des Konkordats. Aber das hinderte ihn nicht, auch hier kühn und frei z» sprechen; am kühnsten und freiesten aber redete er am Ostertage 1859, da er der Einzige in ganz Wien war, welcher Klinkowströins bekannte Rede gegen Nichtkatholiken in scharfer Weise öffentlich verdonnerte. Diese kühne Abfertigung erregte in der ganzen Welt Aufsehen, und da bei den damaligen Verhältniffen die Meinung sich verbreiten konnte, als wäre Jellinek seines muthigen Auftretens wegen in Wien nicht mehr seiner Stellung und seiner Freiheit sicher, kam ihm aus Amerika eine glänzende Berufung zu. Er aber blieb in Wien. Der Polizeinünister Kempen war ein liberaler und liebenswürdiger Herr, welcher über Jellineks Rede vielleicht — gleich vielen Anderen — eine geheime Freude hatte. Nur der Form wegen sandte er fortan, sobald Jellinek predigte, Leute in den Tempel, welche gleichsam als Polizeikommiffäre die Rede zu überwachen hatten. Jellinek umfaßt in seinen Predigten, von denen mehr als zweihundert gedruckt sind, alle Fragen der Zeit, der Religion, die gesammte menschliche Thätigkeit. Er spricht über Gott und Gottesdienst, über Thora, Gesetz und Talmud, über Priester und Propheten, über die alte Geschichte des Judenthums, über die Ereignisse des Tages, über den Menschen, seine Seele, seinen Geist, über Bildung, Aufklärung, Fortschritt, Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit, über Liebe, Ehe und Familie. In klaren Sätzen hat er das Wesen des Judenthnms erläutert: „Nie hat das Judenthum", sagt er, „die übrigen Völker aus der Nähe Gottes verdrängt, aus der Reihe der Kinder Gottes ausgestoßen, ihnen Heil und Gottseligkeit abgesprochen. Nein, der Gott, der vom Sinai kam, das flammende Gesetz in seiner Rechten, liebt alle Stämme, trägt alle seine Heiligen in seiner Hand . . ." Die israelitische Religion ist keine Religion des Todes, sondern eine Religio» des Lebens, ihr Symbol ist nicht wie in Aegypten das aus Stein gehauene Grabmal, sondern der Felsen, der zum Brunnen wird; welcher erquickt, stärkt und belebt, eineReligion, deren Ursprung göttliches Leben in den Höhen, und deren Ziel reines, lauteres, heiliges Leben auf Erden ist . . . Frei von den Fesseln der Nationalität, ist das Judenthnm auch keine Priesterreligion. Es kennt keine religiösen Mysterien oder Geheimnisse, welche in abgeschlossenen Räumen gefeiert und von Priestern gedeutet werden. Es enthält keine einzige Wahrheit, deren Zugänge nur den Priestern und nicht dem ganzen Volke geöffnet sind. Es hat kein Buch, das vor den Priestern allein und nicht vor jedem Menschen, der zu lesen vermag, a»fgeschlagen liegt. ... Es ist nur Verleumdung, nichts als böswillige Verleumdung, wenn die Ansicht verbreitet wird, das Judenthum nähre Haß, lehre Spott, begehre Verachtung gegen fremde Religionen und Nationen. Sein Ursprung ist die Liebe Gottes zu den Menschen, und sein letztes Ziel ist die Liebe der Menschen in Gott... Noch heute werden Israel seine Bußgebete und Klagelieder zun: Vorwurfe gemacht, weist man auf sie hin als auf die Ausbrüche jüdischer Rachsucht. Allein, wenn ihr jene Gebete verstehen wollt, so zählet die Seufzer jüdischer Väter, zählet die Thränen jüdischer Mütter, zählet das Röcheln jüdischer Kinder, zählet die Wehklagen jüdischer Greise, die gebrochenen Hoffnungen der Jünglinge, das zerstörte Lebensglück der Familien, den Spott und den Hohn, die Qualen und die Martern, die Bedrückungen und Verfolgungen, denen Israel seit zweitausend Jahren preisgegeben war, o zählet, zählet sie doch, wenn ihr es könnt!" ... Wenig bekannt ist, daß Jellinek auch als politischer Redner debütirte, und zwar als Landtagskandidat in der Leopoldstadt. Das war Anfangs der sechziger Jahre. In einer mit vielem Beifall aufgenommenen Rede stellte er damals den Ausgleich mit Ungarn als das Erste hin, das bei der staatlichen Neugestaltung Oesterreichs die vollste Berücksichtigung erheischte. Jellinek, dem Prediger und Redner, steht Jellinek der Gelehrte ebenbürtig zur Seite. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten vereinigt er die Tiefe und Gründlichkeit eines Deutschen mit dem Scharfsinn eines jüdischen Gelehrten, wozu die Vielseitigkeit seines Wissens hinzutritt, die von seinen Schriften jede beengende Pedanterie fern hält. Auf dem Gebiete der hebräischen Philologie, Geschichte und Philosophie, und besonders in der Geschichte der Kabbala hat er bahnbrechend gewirkt und Werke voll bleibendem Werthe geschaffen. Hohes Verdienst erwarb er sich auch durch Herausgabe alter, meist im 4. bis 12. Jahrhundert entstandener Forschungen und Schrifterklärungen, Midraschim. In den Bibliotheken zu München, Paris und Oxford verfertigte er Kopien von den werthvollsten Handschriften, die auf jüdische Geschichte und Litteratur, namentlich der midraschischen, Bezug hatten, und die er bei Herausgabe seines 1853 bis 1857 erschienenen, 60 kleinere Midraschim enthaltenden „Beth-ha-Midrasch" mit vielem Geschick benutzte. Nun hat dieser große unermüdliche Geist Ruhe gefunden. ... Voltaire und die Juden. Vortrag, gehalten zmn Besten des Stipendienfonds der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums am 20. Februar 1893. Von Dr. Wilhelm Klemperer, Prediger der Reformgemeinde. (Fortsetzung.) pricht Lessing nur von großer Schelmerei^), „Und kurz und gut Den Grund zu fassen Warum die List Dem Juden nicht gelungen ist. So fällt die Antwort ohngefähr, Herr V. war ein größerer Schelm als er," so drückt sich Friedrich noch viel derber und drastischer aus. Seiner Schwester, der Markgräfin voll Bayreuth, antwortete er am 22. Januar 1751: „Voltaire beluchst die Juden15)." An Voltaire selbst richtet er die prächtige Epistel vom 28. Februar 1751: „Wenn Sie hier- ") Lachmann'sche Ausgabe Bd. 1, S. 32. 15) Vous me demandez, ce que c’est que le proces de Voltaire avec un juif. (Test Faffaire d’un frippon, qui veut tromper un filou. II n’est pas permis qu’un homme de l’esprit de Voltaire en fasse un si indigne abus. (Bd. 37, S. 251.)

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