Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1894)
- Date
- 1894-01-12
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228043--50513-3273324- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
16 gelegensten Ecken hinausträgt. Er ist der einzige Förderer des Judenthums in nahezu 2000 jüdischen Gemeinde», der Seelsorger, der Prediger, der Gelehrte. Der schrecklichen Unwissenheit dieser winzigen Gemeinwesen muß und, kann nur durch den Lehrer gesteliert werden. Hier erwächst dem Lehrer eine neue Aufgabe, die den Borzug hat, in den Rahmen seiner Thätigkeit streng hineinzupassen, ohne, wie so manche andere Dinge, erst gewaltsam hineingepfercht zu werden. Was für eine vornehmere Ausgabe könnte es in der That geben, als die Verbreitung jüdischen Wissens in populärem Gewände? Und wer sollte sie sich angelegen sein lasse», wenn nicht derjenige, in dem sich alles kultuelle und religiöse Wissen in den Zwerggemeinden konzentrirt? Weit entfernt, daß die Ehre seines Amtes darunter leidet, ist im Gegentheil ein wohlthuender Einfluß davon auf die Hebung des Standes zu erwarten. Sein Selbstbewußtsein und sein Ansehen können nur gewinnen, wenn er sich an die Spitze der geistigen und religiösen Interessen seiner Gemeinde stellt und den Mangel des Rabbiners weniger als bisher fühlbar macht. Es kann das nur von heilsamer Wirkung auf die Stellung des Lehrers überhaupt sein. Das religiöse Bedürfniß verlangt immer mehr auch in kleinen Städten so dringend nach Befriedigung, daß auf die Dauer dieselbe ihnen nicht versagt werden darf, ohne daß das Judenthum an empfindlicher Stelle geschädigt wird. Wie Viele genügen ohne weitere Vorbereitung diesen Bedürfnissen, die sich in der Gemeinde mit immer größerer Gewalt geltend gemacht haben. Ein religiöser Vortrag ist für einen Lehrer ein weit ungewohnteres Ding, als die Abhaltung eines Geschichtsvortrages, zu dem das Material in Hülle und Fülle zur Stelle liegt. Und doch versteht es ein nicht unbeträchtlicher Theil der Lehrerschaft, den Geistlichen zu ersetzen, nicht nur die Gemeindejugend zu unterrichten, sondern auch die erwachsenen' Glieder derselben zu erbauen, durch das Wort Gottes zu stärken, zu trösten und zu erheben. Wenn er sich dieser weit schwereren Obliegenheit muthig unterzieht, so wird er auch die Kraft besitzen, die neue Aufgabe, die an ihn herantritt, zum Segen des Judenthums zu bewältigen. Bedürfen doch selbst die großen Gemeinden eines kräftigen Aufrüttelns, ohne das auch dort Alles still und todt bliebe als wie zuvor. Was geschieht aber in diesen ganz kleinen Gemeinden, die nach so vielen Hunderten zählen und wohin sich meist kein Strahl des Lichtes der Erkenntniß verliert? Dorthin verirren sich keine Leuchten der Litteratur, keine berühniten Schriftsteller, um neues Leben anzufachen und statt der todteilähnlichen Stille eine fröhlich-frische Bewegung hervorzurufen. Ja, kämen sie, sie kämen umsonst, ihre schönen Worte würden unverstanden verhallen, ihre Beredtsamkeit wäre nutzlos verschwendet, ihre Begeisterung riefe keine Theilnahme hervor. Hier ist er, sonst der Meister der Rede, nicht am richtigen Platze. Nur wer die schlichte Sprache des Volkes zu rede» versteht, wird ein kräftiges Echo erwecken, hier kann nur der Lehrer, der das Bildungsniveau seiner Gemeinde kennt, sich Geltung verschaffen. Er weiß, wieviel er bieten darf, er kennt ihren Gesichtskreis und wird sich daher hüten, über ihn hinauszutreffcn. . . . Der Lehrer muß die Organisirung der Litteraturvereine da in die Hand nehmen, wo er der einzige und höchste Vertreter der jüdischen Wissenschaft ist, und das ist er hier in 9/io aller Gemeinden. Da in dem stillen Winkel verfällt der Lehrer, dessen Brust von den höchsten Idealen so leicht geschwellt wird, nur zu bald in den Schlaf der Gleichgiltigkeit und geistigen Stumpfheit, die Intelligenz, die in ihm steckt, wird nicht genügend zum Gedeihen des Judenthums und seiner Gemeinde ausgebeutet. Die Abgeschlossenheit von den großen Centren der geistigen Welt läßt seine Schwingen erlahmen. Von den Litteraturvereine» kann er da die geistigen Anstöße erhalten, die seine inner» Kräfte in höheren Schwung und energischere Thätigkeit versetzen. Von da sollen die feinen Drähte ausgehen, überallhin die elektrische Triebkraft der religiös-wissenschaftlichen Erkenntniß zu leiten. Ganz anders freilich würden dort die Vereine aussehen, als in den großen Städten; der Verein darf nicht mit dem Bezirk des Städtchens seine Grenze finden, sonst würden Gebilde von lächerlicher Lebensunfähigkeit, und Kleinheit entstehen, ein Gewirre, in dein kein Mensch aus noch ein wüßte. Ich denke mir einen Verein, den eine dev größeren Gemeinden mit einem ganzen Schwarm von ganz kleinen zusammen bildet. Eine derartige Veranstaltung wird auch sonst von den wohlthätigsten Folgen für alle sein, ihre Bedürfnisse werden in solchem Zusammenschluß eher befriedigt werden, manche Einrichtung, mif die die einzelne Gemeinde wegen ihrer Kostspieligkeit verzichten muß, werden die gemeinsamen Schultern wohl zu tragen vermögen, und nicht zuletzt ist der geselligen Annäherung zu gedenken, die solchergestalt bewirkt und ihren weiteren Werth für das Zusammcngehörigkeitsbewußtsein der Juden haben wird. Jüdische Bibliotheken werden mit Leichtigkeit von mehreren Gemeinden zusammen gegründet werden können, wenn es der einzelnen zu schwer fällt. Ueberall aber steht der Lehrer im Vordergründe des Treffens, er muß die dumpfe Masse für höheres geistiges Leben gewinnen, er muß die Vereine gründen, er muß sie leiten, und er muß die Vorträge halten. Wer soll das denn sonst, wenn nicht der Lehrer? Der Lehrer ist aber vor Allem der Lehrer der Jugend, er kann die heilsame Saat schon in die Herzen der Kinder streuen. Unterricht in der jüdischen Geschichte thnt vor Allem noth. Die heutige jüdische Welt kennt nicht einmal die oberflächlichsten Daten der jüdischen Geschichte und das ist eine der Hanptursachen der beklagenswerthen Erscheinungen innerhalb des Judenthums. Die Geschichte in der Periode der Zerstreuung, die inhaltsreiche Vergangenheit von zwei Jahrtausenden kennt das heutige Geschlecht auch nicht in den dürftigsten Grundzügen, und so lange diese Unwissenheit in den einfachsten historischen Dingen andauert, so lange ist an eine Gesundung der Zustände nicht zu denken. Die Kenntniß der jüdischen Geschichte muß schon in die jugendlichen Seelen gepflanzt werden, die Litteratur ist doch die Geschichte des inneren Lebens eines Volkes, und das kann nur aus dem Gang seiner Geschichte heraus begriffen werden. Für die Litteraturvereine bleibt dann noch Arbeit genug. Also muthig ans Werk! Br. Adolf IMnek. Von Bernhard Stern. u Anfang unseres Jahrhunderts lebte in dem mährischen Dorfe Drslowitz ein jüdisches Ehepaar, Namens Isaak Löb und Sara Jellinek. Sie waren die einzigen Juden im Orte, befanden sich jedoch in völliger Harmonie mit ihren christlichen Mitbürgern; denn damals wehte noch ein leiser Hauch josefinischen Geistes durch die österreichischen Lande. Einstmals hatte Frau Sara einen seltsamen Traum. Sie hielt in ihren Armen ein Kind, von welchem ein Meer von Licht über Israel fluthete. MÜH