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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-05 · Heft 1 (5.1.1894) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 1 (5.1.1894)
Date
1894-01-05
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Geist und die Schätze unseres erhabenen Schriftthums zu fördern. Herr > Kommerzienrath Meyer, Vorsteher der hiesigen Gemeinde, begann den! Reigen mit einem Bortrage über die jüdische Moral, nachdem Herr Dr. Seligkowitz über den Zweck eines solchen Vereins gesprochen hatte. Der Vortrag wurde von den zahlreich versammelten Mitgliedern unserer Gemeinde mit großem Beifall ausgenommen. Auch die anderen intelligenten Mitglieder unserer Gemeinde übernahmen mit Freuden die Pflicht, derartige Vorträge öfter zu halten. Zi Hannover, 28. Dezember. Am 26. dieses Monats fand hier in Falkas Hotel eine Konferenz der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur statt. Dieselbe wurde, da die Herren Delegirten Vormittags die Ackerbauschule und das Erziehungshaus des Herrn Konsul A. M. Simon in Ahlem besuchten, Nachmittags um 4 Uhr von dem Vorsitzenden des hannöverschen Lokal Komitees, Herrn Emil L. Meyer, eröffnet. Sodann begrüßten Herr Landrabbiner Tr. Gronemaun und der Vorsitzende der Gemeinde, Herr Julius Kaufmann, im Namen der jüdischen Gemeinde zu Hannover die Versammlung. Hierauf wurde das Büreau gewählt, und zwar die Herren Dr. Karpeles, Dr. Frank, Dr. Fink, Dr. Prager und Emil L. Meyer Der Vorsitzende eröffnete die Verhandlungen mit Verlesung der Präsenz-Liste. Es waren vertreten die Vereine Berlin, Köln, Frankfurt a. M, Hamburg, Braunschweig, Bochum, Leipzig, Cassel, Königsberg, Sulz a. E., Osterode, Hannover, Magdeburg, Elberfeld, Birnbaum, Militsch, Hörde, Neisse, Dortmund, Liffa, Stettin, Landsberg a. W., Hanau, Friedeberg i. H., Homburg v. d. H., Rogasen, Wongrowitz, Marburg und Gelnhausen. Sodann wurde der Vorschlag gemacht, an der H.md eines den Vereinen bereits vorgelegten Statuten-Entwurfs die Verhandlungen zu führen. Dieser Vorschlag wurde nach kurzer Erörterung angenommen. Eine lebhafte Debatte riefen blos die § 2 und 7 hervor. § 2, der die Ziele betrifft, präzisirr dieselben folgendermaßen. 1. Einrichtung eines Vortrags-Verbandes. 2. Gemeinschaftliche Publikationen. 3. Errichtung eines Sekretariats. 4. Gemeinschaftliche Propaganda zur Begründung weiterer Vereine und Förderung derselben namentlich auch durch Wanderredner. § 7 betrifft den Beitrag und lautet: Der Beitrag ist dem Belieben jedes Vereins überlassen, muß aber mindestens 0,60 Mk betragen. Bei der hierauf erfolgten Konstiluirung des Verbandes wurden gewählt: Dr. Gustav Karpeles, Berlin, zum 1. Vorsitzenden, Rabb. Dr. Frank, Köln, zum 2. Vorsitzenden, Dr. Hirsch Hildesheimer, Berlin, zum Schriftführer, Julius Jsaae, Berlin, zum Kassirer, die Herren Dr med. Fink, Hamburg, ' Dr. Adolf Brüll, Frankfurt a M., Emil L. Meyer, Hannover, Nabb. Dr Rosenthal, Rogasen, und S. Freund, Dortmund, zu Beisitzern. Hierauf wurden die Verhandlungen etwa um 9 Uhr beendigt. Es folgte ein Festessen, welches durch geistvolle Toaste der Herren Rabb. Dr. Frank, Gronemann, Krouer, Nosenthal, Rülf, Porges, Elsaß und Lewinski, sowie der Herren I. Kaufmann, B. Meyersfeld, Alphons Jacobson, I. Goldfrecht, S. Freund, M. Hühnlein und Max Minkowski gewürzt war. Zum Schluß sprach Herr Rabb. Tr. Gronemann das Tischgebet. Mit den besten Wünschen für das Gedeihen des Verbandes trennte sich die Versammlung, welche von hervorragenden Männern aus allen Theilen Deutschlands beschickt war, in später Nachtstunde. * Kempen a. Rh., 26. Dezember Nur wenig fehlte, und die berüchtigten Lantener Tage des Ritualmord-Märchens hätten vor Kurzem hier ihre Auferstehung gefeiert Der jüdische Metzger Lambertz erwartete einen Jungen aus Neukerk, der eine größere Quantität bestellten Fleisches bei ihm abholen sollte. Lambertz traf auf dem Heimwege einen Jungen aus Neukerk, und da dieser mit einem Tragkorbe ausgerüstet war, hielt er ihn für den erwarteten Boten und forderte ihn auf, mit in seine Wohnung zu kommen. Als Beide in die Wohnstube traten, saßen, so erzählt die Frankfurter Zeitung, in derselben zwei ältere Männer, wie bald klargestellt wurde, christliche Metzger aus St. Hubert und Hüls, und der eine fragte Lambertz: „Wo hast Du das große Fleischtuch?" Da wurde es dem Jungen unheimlich. Er entfernte sich unter dem Vorgeben, erst noch eine Bestellung in einem Nachbarhause allsrichten zu müssen, und verbreitete alsbald itii Orte die Schauermär, Lanibertz habe ihn in fein Haus gelockt, um ihn abzuschlachten. Einige alte Juden (die christlichen Metzger) hätten dort bereits auf ihn gewartet. Natürlich! fand sich schnell ein gerngläubiger, angriffslustiger Pöbelhaufe zusammen. Der Bürgermeister beschied alsbald Lambertz zu sich, ließ sich den Hergang erzählen und hielt, ihn so lange fest, bis auch die Ehefrau verhört war. deren Bekundungen mit denen ihres Gatten vollständig übereinstimmten Trotz der von Seiten des Bürgermeisters gegebenen Aufklärung glaubt der Junge ganz fest, man habe ihn schlachten wollen, und die Menge glaubt es ihm nach, oder giebt sich wenigstens den Anschein, es zu glauben. Da die Juden keinen Moment sicher sind, daß nicht ähnliche Märchen auftauchen, hat sich ihrer eine erklärliche Beunruhigung bemächtigt. Wer mag wohl die Schuld daran tragen, daß sich solche abscheuliche Vorstellungen in den Gedankenkreis der Jugend eingeschlichen haben? Oesterreich - Ungarn. Q Wien,^1. Januar. Unsere Gemeinde steht unter dem erschütternden Eindruck eines Trauerfalles; mit dem Prediger Dr. Adolf Jellinek ist am letzten Donnerstag eine Persönlichkeit von hoher Bedeutung aus dem Leben geschieden. Anr verflossenen Freitag Abends erschien Dr. Jellinek noch in Ausübung seines Amtes im Tempel der inneren Stadt und an demselben Abend hielt er seine letzte Predigt. Das Thema derselben war die Erzählung vom Krankenlager und vom Tode des Patriarchen, der seine letzten Augenblicke im Kreise seiner Söhne verbrachte. Der Redner befand sich in voller geistiger Rüstigkeit und Frische und doch berührte es die Zuhörer wehmüthig, ihn, gleichwie von einer Ahnung ergriffen, das Thema lange und in ungewöhnlich weichen Tönen ausspinneu zu sehen. Samstag noch war Dr. Jellinek ganz wohl; erst am Sonntag klagte er über Uebelbefinden, das sich nun von Tag zu Tag steigerte, bis nach Verlauf weiterer 48 Stunden die Aerzte Dr. Hertzka und Dr. Breuer eine Bauchfall- und Darmentzündung konstatirten. Nun wurden Professor Oser und, da man zuletzt noch eine Operation wagen wollte, Dr. Gersuny beigezogen, doch war inzwischen der Schwächezustand des Patienten ein so bedenklicher geworden, daß sich schließlich die Operation als undurchführbar erwies. Indessen sah Niemand einen so rapiden Verlauf der Krankheit voraus, und auch Dr. Jellinek ahnte noch nicht die Todesnähe. Er war bei ungetrübtem Bewußtsein und trank gestern noch um halb 5 Uhr Nachmittags seinen Kaffee. Mehreremale hatte er geäußert, es sei ihm bange um seine Kinder, insbesondere um seinen jüngsten Sohn Max, der sonst im Elternhause weilte und nur jetzt seit einigen Tagen auf einer Ferienreise sich befindet, doch war es ihm nicht vergönnt, von seinen Söhnen umgeben, zu sterben. Um 6 Uhr noch — es weilte gerade Rabbiner Dr. Güdemann bei dem Patienten — wurde im Tempel ein Gebet für seine Wiederherstellung gesprochen. Jellinek erkannte noch seinen Amtskollegen, doch verfiel er plötzlich in eine so große Schwäche, daß er nicht mehr zu sprechen vermochte. Er gerieth in einen schlummerhasten Zustand, und um 7 Uhr Abends, als eben die Tempelfunktionäre von dem Gebet zurückkehrten und an den Lehnsessel traten, in welchem er lag, entschlummerte er sanft unter den Todtengebeten, die Oberkantor Singer verrichtete. — Dr. Adolf Jellinek war in Duslowitz in Mähren geboren; er stammt mütterlicherseits von einer berühmten Gelehrtenfamilie ab. Als Knabe schon erregte er durch seine geistigen Fähigkeiten, insbesondere sein seltenes Gedächtniß, große Aufmerksamkeit. Während er in Prag das Gyninasium, sowie talmudische Vorlesungen besuchte, betrieb er zugleich aufs Eifrigste das Studium fremder Sprachen und ertheilte bereits frühzeitig, namentlich im Französischen und Italienischen, in welchen Sprachen er geradezu Meister war. Unterricht. 1842 legte er in Leipzig die Maturitätsprüfung ab und ließ sich an der dortigen Universität immatrikuliren. Hier hörte er klassische und orientalische Sprachen, Philosophie und Geschichte und trat dann bald, mit vorzüglicher Gelehrteubildung ausgerüstet, als Prediger und Schriftsteller in den Vordergrund. Im Herbst 1856 wurde Dr. Jellinek als Prediger an den neuerbauten Leopoldstädter Tempel in Wien berufen und nach dem Tode Mannheimer's, 1864, wurde er Prediger im Hause in der Seitenstettengasse, so daß er diesem alten Tempel also durch nahezu 30 Jahre Vorstand. Zahlreiche seiner Schriften schmücken die hebräische Litteratur, und als Redner wirkte er durch die Schönheit seiner Sprache sowohl wie durch eine gewisse angenehme Logik, die ihre dialektischen Schärfen oft anmuthig zu verbergen wußte. Seit mehr als zehn Jahren redigirte er die Wochenschrift „Die Neuzeit" unentgeltlich, um der Wittwe und den Kindern des früheren Eigenthümers derselben, Szanto, die Existenz zu ermöglichen. Am verflossenen Donnerstag schrieb er noch für diese Zeitschrift den Artikel: „Die Nächstenliebe des Fürsten Alois Liechtenstein". Seit dem Jahre 1850 verheirathet, seit anderthalb Jahren verwittwet, hinterläßt er drei Söhne: Dr. Georg Jellinek, Professor des Staatsrechtes in

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