Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1894)
- Date
- 1894-01-05
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 Heidelberg, Cl:ntil Jellinek, Direktor der französischen Versicherungsgesellschaft L'Aigle, und Dr. Max Hermann Jellinek, Privatdozent an der Wiener Universität, ferner zwei Töchter, Frau Zels und Frau Dr Wechsberg. Im Jahre 1870 hatte Dr. Jellinek in Leipzig sein 25jähriges Predigerjubiläum gefeiert, fünf Jahre später beging er unter großer Theilnahme seine silberne Hochzeit, vor acht Jahren fein 40jähriges Prcdigerjubiläum und vor zwei Jahren seinen 70. Geburtstag, anläßlich dessen er Gegenstand herzlicher Ovationen war. Zu den Schülern Jellineks zählen zahlreiche Rabbiner, die in ihm ihren Meister verehrten. Am Sonntag wurde Dr. Adolf Jellinek zu Grabe getragen. Die Trailerfeier für den Verblichenen beganrl in dem Tempel der Seitenstettengasse. Das Innere des Gotteshauses war der ernsten Feier entsprechend dekorirt. Unter der Leitung des Ober-Kantors Singer wurde der 49. Psalm („Dem Meister ein Psalm") gesungen, wonach Ober-Rabbiner Dr. Güdemann von der Kanzel die Trauerrede hielt. Nach einer rühmenden Schilderung des Dahingeschiedenen sagte er unter Anderm: Am nächsten Sabbath werden es 28 Jahre, daß ich zum ersten Male in dieser Gemeinde an geweihter Stätte das Wort der Belehrung verkünden durfte. Seitdem stand ich an seiner Seite, und wenn auch unsere Meinungen und Ansichten mitunter auseinander gingen, so ist doch während dieser Zeit der Friede in der Gemeinde nicht blos erhalten geblieben, sondern ich glaube sagen zu dürfen, er wurde befestigt, was ich nicht mir, sondern ihm als Verdienst zuschreibe. Denn nichts lag ihm ferner, als auf das Vorrecht des Alters und der Größe zu pochen, sondern gemäß dem schönen Spruche unserer Alten ließ er auch die Meinung des Jüngeren und Geringeren gelten, wenn sie dem Frieden der Gemeinde dienlicher 31t sein schien Dafür danke ich ihm mit jener Aufrichtigkeit, die er, wie ich glaube, nie bezweifelt hat, die das Einzige ist, worin ich mit ihnl zu wetteifern gewagt habe, und die ich auch in der letzten Stunde an dieser Bahre bekennen darf und bekennen will. Es waren 28 Jahre gemeinsamer Arbeit, die ich mit dir durchlebt habe, darunter waren viele Stunden herzlichen, vertraulichen Meinungsaustausches, darunter war auch manche Stunde aufwallender Heftigkeit. Aber wie dem sein mag, wir wuchsen im Laufe der Zeit doch immer fest zusammen; schwer löst sich ein solches Verhältniß, und mit dir geht ein großes Stück meiner eigenen Vergangenheit dahin. Nachdem Dr Güdemann geendet hatte, hoben Mitglieder des Kultusvorstandes den Sarg, trugen ihn vor das Gotteshaus und stellten ihn auf den vierspännigen Trauer wagen, der sich unmittelbar darauf nach der israelitischen Abtheiluug des Centralfriedhofes in Bewegung setzte. In den Gassen, die der Kondukt passirte, brannten die Gasflammen in den Laternen. Als der Sarg, auf dem Friedhofe angekommen, auf die Estrade in der Ceremouienhalle gestellt war, exekutirte Ober-Kantor Goldstein einen Trauerchoral. In der Halle hielt zunächst der Prediger der Wiener Kultusgemeiude von Fünfhaus, Dr. Schmiedl, dem Verblichenen einen Nachruf; ihm folgten als Redner am Sarge Rabbiner Dr. Wolf, der Rektor des israelitischen Seminars, Dr. Schwarz, sowie die Prediger der israelitischen Gemeinden in Budapest und Prag, Dr. Kayserling und Dr. Kisch. An dem Grabe Dr. Jellinek's, welches sich zwischen den Ruhestätten Dr. Adolph Fischhofs und Prof. Sulzers befindet, sprach noch Rabbiner Schor Worte des Abschiedes. Amerika. # Cincinnati, 20. Dezember 1898. Am 17. d. Mts. ist hier der rühmlichst bekannte Dr. Heinr. Zirndorf, Rabbiner der Gemeinde Ahawas Achim, nach kurzem Krankenlager gestorben. Der Verewigte war am 7. Mai 1830 zu Fürth geboren und sollte sich ursprünglich dem Kaufmannsstande widmen Seine wissenschaftlichen Neigungen drängten ihn zum Studium, das er in München anlrat. Ursprünglich als Lehrer und Literat thätig, trat er 1860 eine Predigerstelle in Lipto St. Miklosz an, die er später mit der Stelle des Direktors am Seminar zu Münster vertauschte. Von dort wurde er, nachdem er in der Zwischenzeit in Manchester Lehrer gewesen war, 1876 nach Detroit als Rabbiner berufen, welche Stellung er 1884 mit der eines Professors an der theologischen Lehranstalt in Cincinnati vertauschte, wo er während der letzten drei Jahre an der oben genannten Gemeinde war Seine litterarischen Leistungen verdienen eine eingehende Besprechung. Heinrich Zirndorf war einer der ältesten und besten Mitarbeiter der „Allgemeinen Zeitung des Judenthnms". Ehre seinem Andenken.' Von Nah und Fern. — In der Strafsache gegen den Reichstagsabgeordneten Ahlrvardt wegen Beleidigung der Gesammthe.it der preußischen Beamten, die zur Zeit wegen der Immunität des Angeklagten ruht, ist diesem jetzt der „Post" zufolge das Urtheil des Reichsgerichts zugegangen, wonach das in der Stra'sache von dem Landgericht l zu Berlin gefällte Urtheil (fünf Monate Gefängniß) aufgehoben und die Sache zu nochmaliger Verhandlung an die Vorinstanz zurückverwiesen wird. Die Anerkennung der Revision wird mit einem Verstoß gegen § 255 der Strafprozeßordnung begründet. - Eine Entscheidung des Stadtraths in Zittau spricht sich dahin aus. daß eine von antisemitischer Seite erfolgte Aufforderung, zu Weihnachten nur in christlichen Geschäften zu kaufen, unzulässig sei. Nach Beschluß des Stadtraths fofleu derartige die jüdischen Geschäfte sperrende Anzeigen im Amtsblatt des Stadtraths künftig, keine Aufnahme finden. — Ein Breslauer Telegramm meldet: Aussehen erregt die Verhaftung des eifrigsten Mitgliedes des Görlitz er antisemitischen Vereines, Lieutenants a. D. Winter; dieselbe ist wegen Sittlichkeitsverbrechens erfolgt. — Die Meldung Leipziger Blätter, daß der Antisemit Ingenieur Paasch aus der psychiatrischen Klinik der Universität Leipzig als „nicht gemeingefährlich" entlassen sei, wird von der „Magdeb. Ztg." als unrichtig bezeichnet Paasch werde noch sechs Wochen lang in der Klinik beobachtet werden. — Auch der aus dem Spielerprozeß in Hannover bekannte Herr Abter soll dortigen Blättern zufolge den Entschluß gefaßt haben, *zum Christenthum überzutreten. Einverstanden! — Anläßlich der Verhandlung, über das Budgetprovisorimn im österreichischen Herrenhause gab Fürst Schönburg im Namen der Linken eine Erklärung ab, aus welcher wir folgende Stelle hervorheben: „Mit besonderem Beifalle begrüßen wir den Entschluß der hohen Regierung, Bestrebungen, welche dem Gesammtwohle des Staates abträglich sind, kräftigst entgegenzutreten, und Elemente, welche den Frieden zu stören drohen, energisch abzuwehren." — Der antisemitische Agitator Dr. Paul Förster hat, laut Anzeige der „Unverfälschten", „ohne daß ihm von irgend einer Seite eine Anregung zugegangen wäre," an die Schönerianer die Mittheilung gelangen lassen, „daß er am 20. Dezember gerne in Wien weilen und in einer von den Schönerianern einberufeneil großen Volksversammlung sprechen würde". Sein Anerbieten ist jedoch dankend abgelehnt worden! - In Kolin haben wieder Exzesse gegen die Juden stattgefunden. Dieselben entstanden auf das absurde Gerücht von einem an der Dienstmagd Havlin begangenen Ritualmorde. Wie man von dort berichtet, dauern trotz des militärischen Aufgebots die Beschimpfungen der jüdischen Einwohner fort. Für die Familien der verhafteten Exzedenten werden von den antisemitischen Agitatoren Geldsammlungen eingeleitet. — Nach langem Siechthum ist Oberrabbiner" B. S. Berenstein in Haag im Alter von 85 Jahren gestorben. Der streng fromme und gelehrte Mann waltete 45 Jahre seines Amtes. — Im Verein für Jüdische Litteratur zu Amsterdam wird im Laufe des folgenden Monats Frau Nahida Remy einen Vortrag halten — In Paris ist Madame Jules Beer, die Tochter des Senators L. R. Bischoffsheim, die Gattin eines Neffen Meyerbeers, eine geistvolle und sehr wohlthätige Dame, gestorben. An ihrem Grabe sprach der Grand Rabbin Zadoc Cahn. Der Grand Rabbin von Paris M. Dreyfuß widmet ihr in den ..Archives Israälites“ einen warmen Nachruf. — Lord Teyham interpellirte im englischen Oberhause die Regierung, ob es wahr sei, daß, wie ein Telegramm aus Odessa meldete, die Auswanderung der Juden aus Südrußland wieder angefangen habe, und daß jüngst 357 Familien nach England ausgewandert seien. Earl von Kimberley erwiederte, die Aufmerksamkeit des Handelsamtes werde oft auf Telegramme ähnlicher Art gelenkt, es habe jedoch keine Vermehrung der Einwanderer stattgefunden, und sei deshalb kein Grund zu einer sofortigen Aktion gegeben - Der AI Moghreb al .Aska von Tanger berichtet in seiner Ausgabe vom 9. d. M. auf Grund sicherer Quellen, daß die Deputation der Juden, welche von der Stadt Marokko kam, um beim Sultan über die barbarische Ungerechtigkeit seiner Beamten in dieser Stadt Klage zu führen, eine Audienz beim Sultan hatte, in welcher sie auf's Gnädigste ausgenommen wurden. Er hörte mit großer Theilnahme ihre Beschwerden an und versprach, sofort die nöthigen Schritte zu thun, um Einhalt zu gebieten. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max BauäiwiH in Berlin.