Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1894)
- Date
- 1894-01-05
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 Er ging ziemlich niedergeschlagen »ach Hause. Als er aber in die Augen seiner Recha blickte, wurde ihm wohl und freudig zu Muthe. Warum konnte er nicht auf Alles verzichten und nur diesem Mädchen sein Glück verdanken! Weg mit solchen Gedanke». Vorwärts und eine geachtete Stellung in der Welt erringen, sonst nimmt sie ihn vielleicht doch nicht. Dann war ja auch Ephraim eine viel bester« Partie. Er hatte Geld und ein schönes Geschäft. Also vorwärts. Recha war recht traurig, als sie Raphaels Entschluß, nach Haus zu reisen, vernahm. „Warum willst Du nicht bei mir bleiben?" fragte sie. „Ich kann nicht, der Eltern wegen; haben sie doch nichts von mir als diese paar Wochen, die darf ich ihnen nicht vorenthalten." „Du hast mich nicht lieb," schmollte sie. „Der Bodenbender bleibt Anna zuliebe hier." „Das kann der auch, ich denke anders." Recha wagte keine Gegenrede mehr, denn Raphael war in der letzten Zeit sehr aufgeregt und vertrug gar keinen Widerspruch. Das unerfahrene Mädchen meinte, seine Liebe sei erkaltet. Die Wahrheit ahnte sie nicht, nämlich, daß ihn druckende Sorgen um die Zukanft quälten, er fürchtete, sein Ziel nicht zu erreichen, so lange Doktor RamSbeck Latein und Deutsch in Prima unterrichtete. Die Ferien wurden daher für ihn keine Erholungszeit, sondern eine Zeit der Arbeit im weitesten Sinne. Er lernte täglich, um seine Lücken auszufüüeu, und hoffte auf Gelingen. Während er so rastlos vorwärts strebte, immer dabei sein Ziel im Auge, immer in Gedanken an seine geliebte Recha, vollzog sich in Lauborn eine Veränderung. Eines Abends war Bodenbender in den Laden des alten Hofmetzgers getreten, um Anna zu sehen. Unter dem Vorwände, ihren Bruder aufzusuchen, war er in das obere Stockwerk gegangen, aber er fand das Mädchen nicht und wollte eben nach der Küche schleichen, um die Magd »ach Anna zu fragen, da ging die Thür der Wohnstube auf, und herein schob sich die Hühnengestalt des Alten. „Na, junger Herr," begann er gemüthlich, „was suche» Sie?" „Den Ernst!" antwortete Bodenbender rasch gefaßt. „So, so, dann immer hereinspaziert, der ist hier, er ißt noch." Bodenbender trat wohl oder übel ein. Es war eine alterthümliche Bauernstube. Au dem laugen, weiß gescheuerten Tisch standen zwei Bänke, in der einen Ecke, etwas erhöht und mit einem Vorhang verdeckt, das Bett der Eheleute, ein Sopha mit etwas gichtbrüchigeu Füßen und tief eingesessenem Polster vollendete die Ausstattung. A» der laugen Tafel saß das Gesinde und die Drescher, es war zur Zeit der Aehren. Eine wuchtige Pyramide Kartoffeln lag mitten auf dem Tisch, von der Jeder einen Haufen vor sich aufbaute. Dann nahmen die Männer ihre Taschenmeffer, die Mägde den Küchenkneip, und begannen zu schälen. Anna, die an Stelle der leidenden Mutter die Hausfrau vertrat, gab Jedem ein Stück Wurst und einen Teller voll Milch. Bald hörte man nichts mehr, als das Klappern der Löffel. Bodenbender wollte Anna einen Wink geben, aber sie beachtete ihn gar nicht; da trat er geärgert zu Ernst, der am Fenster saß und auf die dämmerige Straße hinausblickte. Aber er kam nicht dazu ihn anzureden, denn schon begann der ,alte Hofinetzger: „Es ist mir lieb, daß ich Sie einmal spreche. Der Herr T'rektor hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß Sie mit meiner Anna was hawe." Der Alte bemühte sich, möglichst hochdeutsch zu sprechen. „Lasten Sie sich das vergeh'», das paßt mer nicht. Heirathe thun Sie uns' Anna doch nicht, und zum Charmuzirn ist se mir zu gut. Merke Se sich das, und jetzt schauen Se sich mal das Haus von draußen an." Bodenbender war starr. Das hieß ja hinausgeworfen. Und diese Anna, diese Schlange, hatte offenbar Alles vorhergewußt und kein Wort gesagt, ihm nicht einmal einen Wink mit den Augen gegeben: das war sehr gemein von-ihr. So dachte er anfangs. Als sich aber die erste Wuth gelegt hatte, sagte er sich, daß sie wohl nicht anders gekonnt habe. Der Alte hatte sie gewiß geprügelt, dafür war er bekannt, seine älteste Tochter sollte er ja einmal mit der Axt haben erschlagen wollen, als er sie bei ihrem Schatz erwischte. Der Abgeblitzte ging langsam nach Hause und sann nach, was da zu thun sei. Zunächst wünschte er Anna Nachricht zu geben, daß er trotz dem Vorgefallenen nicht von ihr laffen werde. Aber wie? Da huschte plötzlich eine schivarze Gestalt an ihm vorbei — — Recha.-Halt, das war's. Recha war Annas beste Freundin, sie mußte ihm helfen. Daß sie Jüdin und er Antisemit war, hatte er sofort vergeffen, wo es sich um seinen Vortheil handelte. „Fräulein Recha," rief er ... Guten Abend ... Einen Augenblicklich muß Sie einmal dringend sprechen." „Jetzt nicht, ich habe keine Zeit!" „Aber die Sache ist sehr dringend, bitte, bitte..." „Nun gut, kommen Sie in einer halben Stunde in den Hain an unsere Gartenthür." „Danke schön, ich werde gleich hingehen und Sie erwarten." Im Hain war bereits tiefe Ruhe, am wolkenlosen Himmel stand der Vollmond. Er warf lange Schatten ans den Weg, die sich wie riesige Schlangen hinwandeu. Leise zog der Nebel aus dem Thale auf, er kroch geheimnißvoll über die Erde, als wollte er die Rüben- und Kohlpflanzen den menschlichen Angen verhüllen. Drüben in dem alten Thurm schrieen die Käuze. Bodenbender schlich nach der Thür von Wolf's Garten. Er brauchte nicht lange zu warten, da erschien Recha; sie kam von hinten durch das Haus, er sah sie erst, als sie dicht vor ihm stand, und verblüfft fuhr er zurück. Ec hatte vorher nie bemerkt, daß sie so schön. Jetzt, wo sie im vollen Mondlicht stand, fiel es ihm auf. „Ich weiß schon, was Sie wolle»." — Recha sprach mit jedem Fremden hochdeutsch. — „Sie sind mit der Anna brauges." „Ja, meine Liebe, und ich weiß nicht, wonrit ich das verschuldet habe... ich kann nicht ohne sie sein ... Helfen Sie mir, bitte, bitte." „Da ist schwer zu helfen. Anna will nun einmal nichts von Ihnen wissen. Da ist Oberförsters Christian von Gießen gekommen, mit dem hatte sie früher scholl so ein bischen was... und nun ist's aus." (Fortsetzung folgt.) Literarische MittheUungen. Dr. Heinrich Lervy, Oberlehrer am Gymnasium in Mülhausen (Elsaß) veröffentlicht seit Kurzem: „Philologische Streifzüge in den Talmud". Die neue Fortsetzung enthält 1. das griechische Sprüchwort: ngo ßmdiojQ vopioq D1BH3K DlffJ DY^DS ayQcfyog. 2. Steinhaufen zu Ehren des Mereurius. 3. Götterbilder in Bädern. 4. ’AÖQiava xeQaßicc. Dr. S. Gelbhaus, Rabbiner und Prediger in Wien, hat soeben das 1. Heft seines Buches: „Die Targumlitteratur agadisch und kritischphilologisch beleuchtet", veröffentlicht. Dieses Heft enthält eine gründliche Studie über das „Targum Schern zum Buche Esther". Die Schrift ist mit großem Fleiße und gründlicher Sachkenntniß bearbeitet, und wir haben nur den Wunsch, daß die angeführten Belegstellen, wo es sich um