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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-05 · Heft 1 (5.1.1894) · p. Seite 9

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 1 (5.1.1894)
Date
1894-01-05
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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9 „Gott, so was kommt doch heut nimmer vor!" „Ach, es kommt vor, es ist da. Heute in der Klasse war ein großer Krach, weil ich ein Jude bin ... Ach, es ist zu ekelhaft." „Halt aus, Liebster, halt aus. .Wann de Rew bist, werd Dich Keiner mehr anfeinde, halt aus, noch e Jährche, e anderthalbes und de bist durch. Heute Mittag haste frei?" „Ja, aber Dienstags ist Kasino, der Herr Direktor kommt hin, da muß ich auch dort sein, er ist ein zu braver und guter Mann." Dienstag und Freitag Nachmittag war den Primanern erlaubt, in das Lauborner Kasino zu gehen. Der Direktor kam zu diesen offiziellen Wirthshausbesuchen immer. Es wurde dann eine allgemeine Kegelpartie gemacht, oder die einzelnen Gruppen spielten Billard. Der Skat war im Kasino verpönt, der wurde zu Hause gedroschen. Das Billard und die Kegelbahn, Vergnügungen, die man nicht alle Tage haben konnte, wurden gepflogen. Heute hatte man sich schon um ein Uhr eingefunden. Raphael, Schaüer und Södel spielten Billard. Raphael spielte mit angeborener Gewandtheit, und bei seiner zuverlässigen Berechnung blieb ihm selten ein Ball aus. Am zweiten Billard machten die übrigen Primaner eine Boule. Es war verhältnißinäßig ruhig im Spielzimmer, man hörte nur die üblichen Kritiken, wenn sich der eine oder andere Batt verlaufen hatte. Bei der Boule war eben Bodenbender fertig geworden, er trat an das Billard heran, wo die Drei Karambolage spielten. „Nu, Schallerlebe», was haste gemacht vor e Stoß," begann er zu mauscheln, »m den durchaus ruhigen und anständigen Raphael zu hänseln. „Halts Maul," entgegnete Schalter gelaffen und spielte weiter. Jetzt kam Raphael zum Stoß. Er hatte nur noch wenige Bälle zu machen, und sie gelangen ihm in einem Zuge. Als er geendet und das Quen bei Seite gesetzt hatte, sagte Bodenbender wieder: „Hat er gemacht de Indirekte, hat er'n fein gemacht." Raphael rührte sich nicht. Schaller sagte ihm: „Hör', das ist doch ein ganz infamichter Windhund, der Bodeubender. Hau ihm doch eine runter." „Wenn er persönlich wird, ja! Mauscheln kann er, so viel wie er will. Der erste persönliche Ausfall, und es giebt Ohrfeigen." „Laß Dich nicht hetzen, Raphael," warf Södel leicht hin und karambolirte einen Vierbänder. — „Wenn Dich Einer Lump schilt, bleibst Du doch deswegen ein ehrlicher Kerl." Bodenbender hatte hingehört, was die drei Freunde zusammen sprachen. Und nun begann er boshaft zu Schaller: „Du bist wohl auch schon ganz verjudet, schäme Dich, wie kannst Du nur eines Juden Partei ergreifen?" „Das geht Dich nichts an. Ueberhaupt mach Dich ab, sonst sollst Du sehen!" „Was Du mir kannst?!" „Halt's Maul!" „Du, Södel," stachelte Bodenbender weiter, „ein zukünftiger deutscher Dichter und so judenverrückt." , „Der Dichter ist jedes Menschen Freund." „Ein Jude ist aber kein Mensch, das ist ein Stück Vieh." ° Kaum war das Wort gesprochen, fuhr der kleine schmächtige Raphael wie der Blitz empor: „Was hast Du eben gesagt," und ehe die Antwort erfolgte, traf eine schallende Ohrfeige die Wange Bodenbenders. Der viel Stärkere packte den kleinen mrithigen Juden an der Kehle, es entstand ein wildes Ringen, die Beiden verloren das Gleichgewicht und kugelten auf den Boden. Schnell, noch ehe Raphael etwas geschehen, waren die Kämpfenden getrennt, und als sich die Gemiither beruhigt hatte», bemerkte» die Primaner zu ihrem Schrecken den Direktor in der Thür. „So also mißbrauchen Sie die Freiheit, die mau Ihnen gewährt," begann er fast traurig. „Man behandelt Sie als Herren und Sie prügeln sich wie Schulbuben. Schämen Sie sich. Bis auf Weiteres ist Ihnen die Erlaubuiß des Wirthshausbesuches entzogen." „Aber Herr Direktor," begann Södel, der sich etwas erlauben durfte, „sollen wir Alle wegen eines räudigen Schafs —der Bodenbender ist wirklich ein Schaf — leiden?" „Wer hat angefangen?" Die Primaner riefen Bodenbender und Goldschmidt durcheinander. „Schmalz, erzählen Sie mir den Hergang." Der Primus omniiim erzählte der Wahrheit gemäß das Aufkommen des Streites. „Daun ist also der Bodenbender der Urheber. Sie verlassen sofort das Lokal." „Wollen Sie sich auch von dem Duckmäuser hintergehen lassen?" rief der Bestrafte in höchster Aufregung, „für Geld läßt er die halbe Klaffe die mathematischen Aufgaben abschreiben." „Pfui Sykophant!" rief der Direktor. „Hinaus. Sie gehören nicht in den Kreis anständiger Menschen." Bodeubender ging, es entstand eine kleine Verlegeirheitspause. Dann sagte der Direktor ruhig: „Raphael kommen Sie. wir spielen eine Partie Billard." Die Primaner blieben mit ihrem Lehrer bis zum späten Abend zusammen; von dem Zwischenfall aber wurde nichts mehr erwähnt. Am andern Morgen kam der Direktor sehr aufgeregt in die Klasse. Er stellte konfuse Fragen und sah oft und lange hinaus in die lachenden Fluren, dann wieder hustete er nervös und lief ein paar Mal im Zimmer auf und ab. „Ich muß Ihnen etwas sage», was die Fülle in den letzten Tagen eng berührt.Der Herr Doktor, Herr Doktor... Doktor Ramsbeck hat sich beim Ministerium über mich beschwert, ich sei parteiisch. Mein Bericht ist demgemäß aufgefaßt worden .... man hat mich desavonirt, und Herr Doktor Ramsbeck tritt heute seinen Dienst wieder an, damit Sie es wissen. Raphael Goldschmidt, vermeiden Sie Alles, was dem Herrn Veranlassung zu Angriffen geben köunte. Ich werde dafür sorgen, daß seine Amtsthätigkeit nicht mehr lange in der Prima dauert. Also bis zu den Ferien gedulden Sie sich .... dann .... aber wozu soll ich Ihnen das sagen, Sie werden es ja sehen." Die Stunde verlief, ohne daß der Direktor noch irgend ein Wort über Antisemitismus gesagt hätte. Auffallenderweise bestrafte er auch Bodenbender nicht. Der Lümmel faßte die Güte des trefflichen Mannes natürlich als Furcht auf und meinte: „Aha, er hat Angst, daß es ihm schlecht bekommen möchte." Im weiteren Verlaufe des Semesters kam nichts Besonderes mehr vor. VI. Gegen die Mitte des Augusts wurde die Schule geschloffen. Schaller, der zu Ostern zurückgeblieben war, wurde nach Oberprima versetzt, so daß diese nun das quantitative Uedergewicht erhielt Raphael hatte von Doktor Ramsbeck im Lateinischen und Deutschen elende Zeugnisse bekomme», und wenn nicht der Direktor mit zwei „sehr gut" eingesprungen wäre, so hätte der arme Teufel den untersten Platz erhalten.

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