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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-05 · Heft 1 (5.1.1894) · p. Seite 8

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 1 (5.1.1894)
Date
1894-01-05
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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8 seinen Unterthanen zu ihrem vollen Nennwerthe ansbezahlt werden sollten. Do oder mit Sicherheit gnzunehinen war, daß die Spekulation, die bei solchen Anlässen stets ihren interkonfessionellen und internationalen Charakter bekundet, sich dieses Geschäfts bemächtigen werde — inan brauchte ja nur in Sachsen dieses Papier anzukaufen und in seiner Eigenschaft als Preuße es dort zu präsentiren, um einen recht ansehnlichen Gewinn einzuheimseu —, so hatte der König ein Edikt erlaffen, in dem er allen seinen Unterthanen den Ankauf dieser Steuerscheine auf das Schärfste untersagte. Sollte Voltaire diese günstige Situation unbenutzt laffen? Ueber die moralischen Bedenken setzte er sich leicht hinweg, und die juristischen mochte er sich damit aus dem Weg geräumt haben, daß das Verbot des Königs nach seinem Wortlaut sich nicht auf ihn erstreckte, da er ja kein Unterthan des Königs war. Ueberdies brauchte ja Niemand davon zu erfahren; in den Stipulationen, die er mit dem Banquier Abraham Hirsche! traf, der für ihn nach Dresden reisen und für eine erhebliche Summe solche Papiere erwerben sollte, konnte man ja, statt von Steuerscheinen, von Pelzen und Diamanten reden, die der Jude für den Dichter ankaufsN sollte. Und so wurde der Handel abgeschloffen. Was Alles sich daraus ergeben: wie Voltaire den Auftrag zurücknimmt, wie Hirsche! mit einer gerichtlichen Klage droht, wenn der Dichter ihm nicht Schadenersatz leiste, wie Voltaire, damit der peinliche Handel nicht ruchbar werde, Hirsche! für 3000 Thaler Juwelen abkaust. die ein christlicher Hofjuwelier zuvor geprüft und taxirt hatte, und wie dann aus diesen! Geschäft der Prozeß sich entwickelte, der damals weithin das größte Aufsehen machte und den vielen Feinden Voltaires die erwünschte Gelegenheit bot, an dem Dichter, der durch sein hochfahrendes Wesen die ganze französische Kolonie am Hofe auf das Tiefste verletzt hatte, sich zu rächen — alle diese Einzelheiten sind für uns heute völlig belanglos. Eins nur muß von uns auf das Schärfste und Nachdrücklichste betont werden, daß wir Juden schwarz nicht für weiß ausgeben, wenn und weil es von einem Glaubensgenoffen herrührt. Nicht laut, nicht eindringlich genug können wir es heute aussprechen, daß jeder Jude nur dem Namen nach zu uns gehört, der die erste und höchste Forderung unserer Sittenlehre: gewissenhafteste Ehrlichkeit und Redlichkeit gegen Jedermann in Handel und Wandel verleugnet und verletzt. Ich weiß über Hirsche! nichts Näheres zu sagen, ich verspürte keinerlei Lust, mich mit dem dunklen Ehrenmann eingehender zu beschäftigen, aber eins darf ich mit Bestimmtheit annehmen, und das ist's, was seine Schuld, wie die eines jeden Juden, der heute Aehnliches thun würde, zu einer so schweren und nnsühnbaren macht. Ich meine, daß er wohl gewußt, was ja jedem jüdischen Kinde in Haus und Schule früh zu allen Zeiten eingeprägt wird, was wir unter „Entweihung des göttlichen Namens" unter einem „Cbillul ha schein“ verstehen. Ob es einem, auch nur halbwegs vernünftigen Menschen beikommen könnte, das französische Volk oder die edle Zunft der Dichter allesammt für Spitzbuben und Betrüger zu erklären, weil Voltaire — einem Franzosen und einem Dichter — solch häßliche ehrenrührige Dinge nachgesagt werden konnten? Daß man aber damals wie heute nicht über den einen Juden, Hirschel, den Stab brechen, sondern über alle Juden so urtheilen werde, das mußte seine Habsucht zügeln, dies Motiv stark genug sein, um ihm, wenn alle anderen versagten, jede Betheiligung an solch unsauberen Geschäften unmöglich zu machen. Darum entlastet es ihn nicht, daß Voltaire nach dem einmüthigen Urtheil aller Eingeweihten in diesem Handel die schwerere Schuld beigemeffen wurde. Wir besitzen eine aus den Akten geschöpfte Darstellung des Prozeffes von einem hochstehenden Richter, dem Obertribiinalrath Klein>«). Wer sich die Mühe nimmt, diese Abhandlung zu lese», der kommt zu der Ueberzeuguug, daß Voltaire thatsächlich, wie der Jude ihn bezichtigt, Fälschungen an einen» Schriftstücke vorgenommen und auch vor Unterschlagungen nicht zürückschreckte. Wörtlich sagt Klein: „Wer, wie Voltaire, dies that, mit einem Manne, der ihn der allerschlimmsten Dinge bezichtigt, einen Vergleich eingeht, wer bei diesem Vergleiche Opfer "dringt, die der glückliche Ansgang des Prozeffes ihm erspart hätte, der erregt den Verdacht, daß er auf solch einen glücklichen Ausgang nicht zu rechnen hat." Der Jude wurde, als der Prozeß in einem gütlichen Ausgleiche seinen Abschluß fand, in eine Ordnungsstrafe von zehn Thalern genommen, weil er ein von ihm herrührendes Schriftstück nicht gleich anerkannt hatte. Lessings Urtheil aber, der die Klagebcantwortungen aus dem Französischen ins Deutsche übertragen und so den besten Einblick in den Prozeß gewonnen hatte, wurde vom Könige, dem die Affaire überaus peinlich war, wie von der öffentlichen Meinung getheilt. i * s I— MIMMM ■launwiim FEUILLETON * jj mmmmmmrez mMMMW -a 5V7.iiniiiwnumii aSiliTnuiumillJ r ... Naphael Goldschmrdt. Eine Erzählung aus Oberhefsen von Ferdinand Runkel. V. ls Raphael am nächsten Morgen nach Hause kam, fühlte er sich sehr niedergeschlagen. So etwas war ihm noch nie passirt. Es war doch ekelhaft, einen gebildeten Menschen, wie diesen Ramsbeck, so auf einen Andersgläubigen drücken zu sehen. Raphael saß still in seinem Zimmer und überlegte, was man nur gegen die Juden haben könnte. Daß sie verachtet und verfolgt worden waren, ersah er ja allenthalben aus der Geschichte. Aber warum; waren sie nicht auch Menschen von Fleisch und Blut? Unwillkürlich drängten sich ihm die Worte Shylocks auf die Lippen. Und warum nur? Weil aus dem Schooße des jüdischen Volkes der christliche Heiland entsprungen? Weil die römischen Juden den Rabbi Jeschua gekreuzigt hatten? Kann man denn diese That gar nicht verzeihen? Giebt es denn gar nichts, was diese That sühnen kann? Unglückliches Volk, das unter einer Tradition von Jahrtausenden schmachtet. Giebt es denn nichts, was diese unheimlichen Haffer versöhnt? Nein, mußte sich Raphael nach einer längeren Denkpause gestehen. Nichts! Er hatte Alles gethan, um sich seine Klaffenbrüder zu Freunden zu machen. Er war immer höflich und zuvorkommend gewesen, immer hilfsbereit. Noch gestern hatte er dem Bodenbender einen Dienst geleistet, und heute erklärte er sich gegen ihn. Raphael blieb tief in Gedanken sitzen. Er blickte hinaus in den Hain, in die weite, schöne Natur. Alles. Alles war ihm verleidet... Nein, nicht Alles! An der Thür erschien Recha, sie kam aus der Küche, Bratendunst hing noch in ihren Kleidern und ihre Aermel waren aufgestreift. Ihr Gesicht war geröthet von dem Herdfeuer. „Was hast Du denn, mein Geliebter," fragte sie den Nachdenklichen, „Streit in der Klaffe?" „Hast Du jemals etwas von Judenverfolgungen gehört?" 13) Annalen der Gesetzgebung und Rechtsgelehrsamkeit in den preußischen Landen, Bd 5. Besonders abgedruckt Berlin und Stettin 1790, S. 27 und S. 41.

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