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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-05 · Heft 1 (5.1.1894) · p. Seite 7

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 1 (5.1.1894)
Date
1894-01-05
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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7 nun die, welche einen wirklichen Scheiterhaufen für die Juden lieber sähen, nicht auf ihn, den Vorkämpfer der Freiheit, sich zu berufen vermöchten, schließt er sein Pamphlet mit den durch gesperrte Schrift nachdrücklich hervorgehobenen Worten: „Aber verbrennen soll man die Juden doch nicht." Woher nun stammte dieser unbändige Judenhaß Voltaire's? Meine Verehrten, der Fall ist darum so interessant, weil wir ihn als einen geradezu typischem hinstellen dürfen; weil er unwiderleglich beweist, daß die Abneigung gegen unsere Gesammtheit, so hartnäckig man es bestreitet, doch in unliebsamen Begegnungen und Beziehungen wurzelt, in die der und jener mit einzelnen Juden gerathen. Er ist aber auch eine lehrreiche, wenngleich traurige Illustration zu der Wahrheit, daß selbst bei der mächtigsten Intelligenz der Intellekt nur das Sekundäre, der Wille aber das Primäre, schlichter ausgedrückt, daß unsere Urtheile weniger unsere Handlungen bestimmen, als umgekehrt unsere Handlungen es sind, die unser Urtheil bedingen und beeinflussen. Sein erstes Rencontre mit einem Juden braucht uns nicht lange zu beschäftigen, da Voltaire selbst dem jüdischen Agenten, dessen Dienste er bei seinen Börsenspekulationen in London bedurfte, und bei dessen Fallissement er große Summen verloren haben wollte, ernstlich keinerlei Schuld aufbürdet. Als Stilprobe seiner graziösen Boshaftigkeit führe ich die Sätze an, in denen Voltaire dieses erste Zusammentreffen mit einem Juden, den er bald Medina, bald Acosta nennt, schildert9): Er wäre gar nicht auf den Bankerotteur böse gewesen, weil dieser ihm erklärt habe, das; es nicht seine Schuld sei, daß er vielmehr unglücklich wäre, daß er niemals ein Sohn Belials gewesen, daß er vielmehr immer getrachtet habe, als Sohn Gottes, d. h. als ehrlicher Mann, als guter Israelit zu leben. „Er rührte mich," fährt Voltaire fort, „ich umarmte ihn, wir lobten Gott zusammen, und ich verlor 80 Prozent." Von viel unheilvolleren Folgen für ihn und uns war die zweite Affaire, die hier in Berlin sich abgespielt hat. Sie wissen, daß Friedrich der Große, der sonst so sparsame Herrscher, Voltaire unter den glänzendsten Bedingungen an seinen Hof gerufen. Unter den Motiven, die den König dazu bewogen10 II), war, wie seine Briefe an seine Vertrauten bezeugen, das Litterarische das Maß- und Ausschlaggebende. Voltaire selber faßt auch seine Stellung richtig auf, wenn er sich „den Grammatiker" des Königs nennt, der nur die eine Pflicht hat, täglich eine Stunde mit dem König zn arbeiten und dessen Schriften die letzte stilistische Feile zu geben. Sieht man von den überschwenglichen Huldigungen ab, mit denen der greise Dichter kurz vor seinem Tode in Paris unter Rosenblättern schier erstickt wurde, so waren es die ersten Monate, die er hier in Berlin verlebte, welche seiner maßlosen Eitelkeit den süßesten und stolzesten Triumph bereiteten. Und nun war es unglückseliger Weise ein Jude, der zum Zusammenbruch all' dieser Herrlichkeit, wie Voltaire wenigstens sich einredete, den ersten Anstoß gab. In Wahrheit aber war es nicht der Jude, sondern eine der schlimmsten Schwäche» des Dichters, durch die seine vielbeneidete Stellung am Hofe die erste schwere Erschütterung erlitt. Auch Voltaires wärmste Verehrer müssen zugeben, daß er ungemein gewinnsüchtig und, was mit dieser traurigen Sucht meist verbunden, nicht eben wählerisch gewesen in der Wahl der Mittel, die ihm eine 9) II me dit, que ce n’etait pas sa faute qu’il etait malheureux,, qu’il n’avait jamais ete enfant Belial, qu’il avait toujours täche de., vivre en fils de Dieu, c’est & dire eu honnete komme, en bon israelite. II m’attendrit, je l’embrassai, nous louämes Dieu ensemble, et je ,, perdis quatre vingt pour cent.“ 1#) Bergl. in Herrmann Grimm, fünfzehn Essays den Essay über „Voltaire und Frankreich." Vermehrung seines Besitzes in Aussicht stellten. Er spricht sich selbst mit anerkennenswerther Offenheit in seiner Autobiographie darüber aus. „Man fragt mich," sagt er hier, „durch welche Kunst ich dahin gelangt sei, wie ein Generalpächter zu leben; es mag gut sein, es zu sagen, damit mein Beispiel Anderen diene. Ich habe so viele Männer der Litteratur arm und verachtet gesehen, daß ich seit Langem beschlossen hatte, ihre Zahl nicht zu vermehren. Man muß in Frankreich Amboß oder Hammer sein; ich war als Amboß geboren. Ein schmales Erbtheil wird täglich schmäler, weil Alles mit der Zeit theurer wird, und weil oft auch die Regierung Renten und Gelder antastet. Man muß aufmerksam sein auf alle Operationen, die ein stets verschuldetes und schwankendes Ministerium in den Staatsfinanzen macht. Es ist imnier eine, aus der ein Privatmann Vortheil ziehen kann, ohne Jemandem dafür verbindlich zu werden; und nichts ist so angenehm, als seinen Wohlstand selbst zu gründen. Der erste Schritt kostet einige Mühe, die weiteren sind leicht. Man muß in der Jugend haushälterisch sein, so findet sich im Alter ein Fonds, über den man sich selbst verwundert. Das ist die Zeit, wo man des Vermögens am meisten bedarf, wo ich mich desselben erfreue; und nachdem ich bei Königen gelebt, habe ich mich selbst daheim zum Könige gemacht, trotz ungeheurer Verluste")." Unwillkürlich und mit gerechtem Stolze denkt jeder mit den persönlichen Verhältnissen unserer großen Dichter und Denker wohlvertraute Deutsche an die sittliche Hoheit und die vornehme Würde, die unsere Litteratnrheroen auch in diesem bedeutsamen Punkte bewährt. Es galt, sagt Strauße), um diese Zeit in Frankreich wie etwas später in Deutschland, den Kampf des Talents, des Dichters insbesondere, um seine Stellung in der Gesellschaft. Wenn wir als die Träger dieses Kampfes, nicht die Einzigen, versteht sich, aber die Hervorragendsten in Frankreich, Voltaire und Jean Jacques Rousseau finden, so dürfen wir für Deutschland als solche erst Klopstock, dann Goethe und Schiller bezeichnen. Auch in Deutschland war im vorigen Jahrhundert am wenigsten schon die Zeit gekommen, wo der Dichter sich aus den Ertrag seiner Arbeiten als eine hinlänglich breite und sichere Grundlage stellen konnte; Klopstock konnte die Gnadengehalte des Königs von Dänemark und des Markgrafen von Baden, Goethe seine weimarische Ministerbesoldung, Schiller, nach dem Geschenk des Herzogs von Augustenburg und des Grafen Schimmelmann, die Pension des Herzogs Karl August nicht entbehren. Und auch so bedurften diese Männer all' ihrer Einfachheit und Genügsamkeit, um mit dem auch nach Hinzurechnung des Ertrags ihrer Schriften immer noch schmalen Einkommen anständig auszureichen. Auf solche Genügsamkeit nun war Voltaire durchaus nicht eingerichtet. Er hielt das Genie des gleichen Maßes, nicht blos von Achtung, sondern auch von Genuß werth, wie die Geburt, und suchte etwas darin, sich auch in Bezug auf die Mittel des Genusses den Großen und Vornehmen gleich zu stellen. Aber diese Mittel sich zu verschaffen, reichte auch ihm als Werkzeug sein Genie nicht aus; seine Schriften allein hätten ihn nie zu dem reichen Manne gemacht, der er werden wollte; dazu bedurfte er neben den kleinen Gnadengehalten noch Finanzspekulationen." Zu solch' einer vielverheißenden Spekulation bot sich ihm bald auf deutscheni Boden die günstigste Gelegenheit dar. Der König hatte nämlich im Dresdner Frieden sich ausbedungen, daß die sächsischen Steuerscheine, die damals mehr als 30 Prozent unter Pari standen, n) Memoires de Voltaire eerits par lui raeme; Notes et Gommentaires par Paul D’Esträe, Paris 1891, 8. 94. On me demande, par quel art je suis par venu ä vivre un fermier general? II est bon de le dire, afin que mon exemple serve .... 12) Voltaire, sechs Vorträge, S. 28.

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