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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-05 · Heft 1 (5.1.1894) · p. Seite 6

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 1 (5.1.1894)
Date
1894-01-05
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 waren die französischen Litteraten für die englischen nach einem schönen Bilde Macaulay's, was Aaron für Moses gewesen, so galt Voltaire „der Patriarch", als ihr anerkanntes Oberhaupt4 5 *). Giebt es nun einen vollkommeneren und darum geheimnißvolleren Widerspruch als Boltaire's Auftreten gegen die Juden? Wie konnte dieselbe Feder, der die berühmte Schrift über die „Toleranz" entfloß, Dinge niederschreiben, wie sie in seinem „Dictionnaire philosophique“ der Artikel „Juden" enthält? Wie derselbe Mann, der sich „ehrwürdig" machte durch sein muthvolles Eintreten für die Familie des unschuldig Hingerichteten Jean Calas«), derselbe Mann, der Europa zur Bewunderung hinriß durch die beharrlichen Kämpfe, die er mit der Justiz und der Kirche ausfocht, um ohne ihn rettungslos Verlorenen Leben, Ehre und Besitz zu erhalten —, wie — fragen wir unwillkürlich — tonnte derselbe Mann von den Juden, nicht etwa des Alterthums, nein, von den gedrückten, unglücklichen Juden seiner Tage, so reden, wie er geredet? Allen Schimpf und Unglimpf gegen unsere heiligen Religionsurkunden, die sich in feinen Schriften finden, lasse ich bei Seite; es ist Ihnen wohlbekannt, daß er nicht minder Schlimmes und Ehrfurchtloses gegen die Bibel seiner Kirche niedergeschrieben. Die Zeit aber, wo nian solche Expektorationen sorgfältig unter Schloß und Riegel hielt, — sagt ein hervorragender Kirchenhistoriker bei der Besprechung von Voltaire's kirchenfeindlicher Haltung«) — damit sie keinen Schaden anrichten, ist vorüber — ich verweise darum nur auf Goethe, der uns in einer prächtigen Auseinandersetzung die Art schildert, wie er sich die Bibel zurechtgelegt und den Verdruß, de» ihm Voltaire bereitete, wenn er, um den sogenannten Pfaffen zu schaden, die Religion und deren Urkunden herabzusetzen sich bemüht7), und wende mich den Angriffen zu, die er gegen uns Juden gerichtet; die aber lasten sich, als auf ihre Quintestenz, auf ein paar Sätze zurückführen, die wir in dem schon genannten Artikel ini Oietionnairs philosophique8) lesen. Die 4) Vergl. Macaulay’s Gritical and Historical Essays Vol. 2, 8. 264: Though he enjoyed during his own lifetime the reputation of a Classic though he was extolled by his contemporaries above all poets, philosopliers and historians, thongh his works were read with as much delight and admiration at Moscon and Westminster, at Florence and Stockholm, as at Paris itself. 5) Goethe, a. a. O. im 12. Buche. «) Hagenbach's Kirchengeschichte 6. Bd. S. 193: „Wenn etwa ein muthwilliger Knabe über einen Schmetterling oder eine Blume herfährt, allen Schmelz der Farben mit roher Hand verwischt und das zarte Gebilde vor unseren Augen zerzaust, oder wie, wenn ein anderer in einer Anwandlung des Uebermuths einer schönen Antike einen Schnurrbart oder etwas dergleichen anmalt, um das Lachen der Mitschüler auf eine wohlfeile Weise zu erregen, gerade so legt stch Voltaire auf die Kunst, die edelsten Gestalten der Bibel auf solche lächerliche, plumpe Weise anzuschwärzen." Daselbst S. 191: „Protestantismus und Katholicismus galten ihm ja beide nur als zwei verschiedene Formen desselben Aberglaubens, den er mit Stumpf und Stiel auszurotten sich vorgenommen hatte. Mit welchem Fanatismus er hierin verfuhr, ist bekannt. ... Es gab eine Zeit, wo man B.'s Schriften gleichsam mit Ketten anschloß, um sie den Blicken derer zu entziehen, welche daraus das Gift des Unglaubens in sich hätten saugen können. Ich glaube aber getrost aussprechen zu dürfen, daß die Schriften B.'s heutzutage auf einen sittlich und wissenschaftlich durchgebildeten Menschen (erwöge sonst eine religiöse Ansicht haben, welche er wolle) nicht mehr den Eindruck machen können, wie vielleicht früher." 7) a. a 0.11. Buch. Auch in der Campagne in Frankreich berührt G. dieses Moment. (Ausg. in 6 Bänden) Bd. 4, S. 481: „V. hatte wirklich die alten Bande der Menschheit aufgelöst; daher entstand in guten Köpfen eine Zweifelsucht an dem,-was man sonst für würdig gehalten hatte. Wenn der Philosoph von Forney seine ganze Bemühung dahin richtete, den Einfluß der Geistlichkeit zu mindern und zu schwächen.... «) Oeuvres complbtes de Voltaire, Paris 1879, Bd. 49, 8. 512: „Les religions chretienne et musulmane reconnaissent la juive pour leur jüdische Nation, behauptet er, sei die allersonderbarste, die es je in der Welt gegeben hat. Obwohl sie die verächtlichste in den Augen der Politik ist, so ist sie doch in vieler Beziehung in den Augen der Philosophie bedeutsam. Die Gueber (Feueranbeter), die Banjan und die Juden sind die einzigen Völker, die zerstreut leben, obwohl ohne Verbindung mit andern Nationen sich inmitten anderer Völker fortpflanzen und sich von der übrigen Welt fernhalten. Die Gueber, ehemals beträchtlich, sind in einem Theil des Orients verbreitet, die Banjan existiren nur in Indien und Persien, aber die Juden sind auf der ganzen Erdoberfläche verbreitet, und wen» sie sich sammeln sollten, würden sie eine viel zahlreichere Nation bilden, als je in dem kurzen Zeiträume, während sie die Herren von Palästina waren. Fast alle Völker, welche die Geschichte dieses Volkes geschrieben haben, erheben diesen Ursprung durch Wunder. Alles ist Wunder und Orakelsprüche an ihm und wir dürfen nicht daran zweifeln. Jndeffen haben die Juden nur einen kleinen Erdenwinkel auf einige Jahre beseflen; heute haben sie nicht einmal ein Dorf zu ihrem Eigenthume. Sie müsten demnach glauben, und sie glauben es auch, daß die Prophezeiungen für sie stch einst erfüllen und sie die Herrschaft über die Erde haben werden. Sie sind das letzte der Völker unter Muselmännern und Christen, und sie glauben, das erste zu sein. Dieser Stolz in ihrer Erniedrigung wird durch einen allerdings unwiderlegbaren Grund gerechtfertigt, daß sie in der That die Väter der Christen und Muselmänner sind. Die christliche und die muselmännische Religion erkennen die jüdische als ihre Mutter an, und durch einen sonderbaren Widerspruch empfinden sie für diese Mutter zugleich Hochachtung und Entsetzen. — Dies Entsetzen aber rühre von den Eigenschaften der Juden her, wie sie ein Einblick in ihre Geschichte enthülle, denn — sagt er wörtlich — „es folgt aus dem engrahmigen Gemälde (der Uebersicht, die er von der Geschichte giebt), daß die Juden stets waren: entweder Vagabunden oder Räuber, oder Sklaven, oder Aufständische. Sie sind noch heute Vagabunden auf Erden und allen Menschen zum Abscheu, und behaupten doch, daß Himmel und Erde und alle Menschen für sie allein geschaffen seien." Als ob jedoch diese moralische Guillotinirung nicht völlig ausreichte für seinen Zweck, macht er uns auch die intellektuellen Vorzüge streitig, die selbst grimme Judenfeinde sonst anzuerkennen pflegen. Nachdem er Künste und Wissenschaften, Poesie und Philosophie, ja selbst das Verdienst um die Ausbildung und Verbreitung des monotheistischen Gottesgedankens den Juden abgesprochen, schließt er den Artikel mit den Worten:7 „Mit einem Worte, Sie finden in den Juden nur ein unwissendes und barbarisches Volk, welches seit langer Zeit den schmutzigste» Geiz zum verabscheuungswürdigsten Aberglauben und zum unüberwindlichsten Haffe hinzufügt gegen alle Völker, die sie dulden und sie bereichern." Offenbar aber kani nun dem Philosophen der störende Gedanke, es würden unbefangene Leser seiner Schriften diese Diatriben mit den von ihm so enthusiastisch vorgetragenen Lehren über Duldung und Menschlichkeit nicht gut vereinbaren können; er hat die deutliche Empfindung, daß er in dem Artikel einen Scheiterhaufen für die Juden, wenn auch nur einen papiernen, errichtet; damit märe — et par une contradiction singuliere. eUes ont ä la fois pour cette m6re du respect et de l’horreur .... 11 resulte de ce tableau raccourcu que les Hebreux ont presque toujours ete ou errants, ou brigands, ou esclaves, ou seditieux. ils sont encore vagabonds aujourd’hui sur la terre, et en horreur aux hommes, assurant que le ciel et la terre et tous les hommes ont ete cr6e pours eux seuls.“ .... „Enfin vous ne trouverenz en eux qu’un peuple ignorant et barbare qui joint depuis longtemps la plus sordide avarice ä la plus detestable Superstition, et ä la plus invincible haine pour tous les peuples, qui les tol&rent et qui les enrichissent.“ II ne faut pourtant pas les brüler.

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