Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1894)
- Date
- 1894-01-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 alt und wurde in ihrem 22. Jahre zweite Frau ihres früheren Schwestermannes. Bei welcher Tochter, muß man sich fragen, sollten nun die Charlevilles Trauer gehalten haben wegen der Heirath? Bei der ersten? Dann würde schon der Mannesstolz von de Lemos auf eine solche zweite Ehe verzichtet haben. Eine Schwesterheirath eines Wittwers ist meistentheils ein Akt der Pietät gegen die Schwiegereltern. Sollten die Eltern erst bei der zweiten Tochter Trauer angelegt haben, warum ließen sie die erste Heirath ohne Traueranlegung vorübergehen? Mithin ist dnse Sage hinfällig. Bei Esther widerspricht auch diese Sage, bekämpft und widerlegt sie ihr ganzer Charakter, der in seiner fleckenlosen Erhabenheit sich nicht eines Ungehorsams gegen den Willen der Eltern, der ihr heilig war, schuldig gemacht haben würde. Ein Religionslehrsatz sagt: „Das Gute wird belohnt mit gleichartigem Guten; das Böse vergolten mit gleichartigem Bösen." Der erste Theil dieser Lehre hat sich auch an Esther de Lemos in besonderer Art erfüllt. Durch ihr bloßes charakterfestes Dasein hat sie dem eigenthümlichen Freund ihrer Tochter, dem großen Prediger Schleiermachcr, siegreichen Widerstand geleistet. Ohne ein Wort zu sprechen, hat sie alle seine hartnäckigen Versuche vereitelt, die, bald durch sanfte Worte, bald durch ungestüme Forderung, den Uebertritt von ihrer Tochter schon damals erwirken wollten. Vor zwei Jahren starb hier ein hochbetagter Mann von altem aristokratischen Stamme der Gemeinde Berlins (Namens H. S.), der eine wahrhaft lebendige Quelle der Geschichte der Berliner Gemeinde >oar, sowohl durch Selbst-Erlebtes als durch Traditionelles. Dieser Mann.erzählte: In seinem Kondolenzschreiben an Henriette Herz über den Tod ihres Mannes Marcus Herz, das noch vorhanden ist, ließ Schleiermacher, als wie nebensächlich und selbstverständlich, den Psalmenvers (Psalm 45, Vers 11) einleiten: „Höre, Tochter, und sieh und neige dein Ohr, und vergiß dein Volk und deines Vaters Haus." Henriette aber erwiederte in ihrer Dankantwort, in Bezug dieser indirekten Taufaufforderung, daß das deutliche Gesetz „Ehre deinen Vater und deine Mutter" bei Weitem mehr Gewicht bei ihr habe, als ein von einem Theologen gedeuteter Psalmvers. Schleiermacher erkannte das unüberwindliche Hinderniß, ergab sich in Geduld und mußte lange dulden. Als im 14. Jahre nach dem Tode von Marcus Herz auch Esther de Lemos von hinnen schied (starb am 9. April 1816), brach Schleiermacher's zurückgehaltene Ungeduld ungestüm hervor. Gebieterisch forderte er von Henriette Herz den schleunigen Uebertritt; öffentlich in der Dreifaltigkeitskirche soll der Uebertritt sein, mit Pomp soll er geschehen, der Hof soll eingeladen werden zu erscheinen. Diese Zumuthung wies Henriette indignirt zurück. Der Schatten ihrer Mutter umschwebte sie noch und machte sie starkwillig. Nach dem Trauerjahre (Juni 1817) begab sie sich im Stillen nach Zossen und ließ sich von dem dortigen Superintendenten ohne irgend welches Aufsehen in den Protestantismus aufnehmen. Von da reiste sie unmittelbar nach Italien, um zu vergessen. Als sie nach zwei Jahren von Italien nach Berlin zurückkehrte, fand zwischen ihr und Schleiernmcher nur noch eine cerenionielle, bloße konventionelle Freundschaft statt. Der Krater war ausgebrannt, ließ keinen lebendigen Funken mehr aus der Tiefe aufsteigen, und abgestorbene Konversation ersetzte den Geist. Die Wirklichkeit nimmt oft der Phantasie ihre Lieblingsfrucht, die Sage. Dafür aber spendet sie das Manna der Wahrheit, die allein Licht und Klarheit bringt. Voltaire und die Juden. Vortrag, gehalten zum Besten des Stipendienfonds der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums am 20. Februar 1893. Von Dr. Wilhelm Klemperer, Prediger der Reformgemeinde. Als Israel zog von Aegyvten aus Nom N olke fremder Zunge Jakob'S Haus Ward Juda als sein Heiliglhum erkannt Und Israel als seiner Herrschaft Land. Es sah's das Meer, und es entwich Der Jordan, rückwärts kehrt er sich. Was ist dir, Meer, daß du entfliehst, Dir, Jordan, das; du rückwärts ziehst? so fragen die Alten fl, kommt der Dichter des 114. Psalms, der den Auszug aus Aegypten besingen will, auf den Jordan ^0 zu reden? Und sie geben die sinnige Antwort: damit wir der Natur die Lehre entnehmen, daß die Kleinen sich stets nach den Großen richten. Wer von uns, die wir Alle seit Jahren unter der Bewegung, die gegen uns im Gange, so schmerzlich leiden, hätte nicht oft und mit gerechter Bitterkeit dieses bekannten Talmudwortes sich erinnert? Es ist unbestritten, weil unbestreitbar, daß mancher „Große", dessen Haltung für unendlich viel Kleine maßgebend gewesen wäre, den Anfängen des Antisemitismus gegenüber keinerlei Größe an den Tag gelegt. Doch nicht um eine Betrachtung über unsere zeitgenössischen Verhältnisse daran zu knüpfe», nannte ich das Wort der Alten, sondern um kurz damit die tiefe Schädigung zu kennzeichnen, die der Judenheit im vorigen Jahrhundert widerfuhr, als der einflußreichste und bedeutendste Schriftsteller, „das Wunder seiner Zeit, der außerordentliche Mann, der „die Litteratur beinahe ein Jahrhundert belebt und beherrscht hatte", wie ihn Goethe in „Wahrheit und Dichtung" nennt?), als Voltaire alles Schlimme, was je Haß, Vorurtheil lind Unwissenheit gegen uns vorgebracht, sich aneignete und seinen glänzenden Geist und nie versagenden Witz dazu benutzte, um von den Juden ein geradezu Abscheu erweckendes Bild zu zeichnen. Ist das nicht ein psychologisches Räthsel? Was hat ihm denn zu seinem europäischen Ruhme verholfen? War's nicht der Umstand, daß er als einer der unerniüdlichsten und begeistertsten Vorkämpfer der Aufklärung sich bewährte? Zieht sich nicht durch alle seine Schriften in Poesie und Prosa eine Tendenz? Hat er sich nicht selber treffend charakterisirt, wenn er sagt, daß'dr als Dichter, als Historiker, als Naturforscher, als Kritiker immer einer und derselbe gewesen! Es ist eine feinsinnige Bemerkung Hettner'sfl, daß, was Goethe von Byron urtheilte — alle seine Werke seien verhaltene Parlamentsreden — noch viel mehr von Voltaire gelte. Die großen, weltbefreienden Gedanken, die in England durch Locke und Newton, durch die Deisten zuerst aufgekommen waren, will er zum Wesen und zur Grundlage der allgemeinen Denkart machen; die Unvernunft und die Ungerechtigkeit, den Fanatismus und den Aberglauben will er in Staat und Kirche bekämpfen, sie zersetzen und zerstören; der Menschlichkeit, Freiheit und Duldung will er zum Durchbruch und zum Siege verhelfen. Liegt nicht darin seine weltgeschichtliche Bedeutung? Seine Werke haben ja keine von aller Zeit unabhängige Schönheit, wie die Bibel, wie Homer, Sophokles, Dante, Shakespeare und Goethe sie besitzen, ihr Werth liegt in dem unermeßlichen Einflüsse, den sie auf ihre Zeit geübt. Wurde die französische Litteratur im vorigen Jahrhundert die Dolmetscherin zwischen England nnd den anderen Kulturvölkern, fl Jalkut das.: QK “TÖ1? HfiK pOö rvßöiKTi nma mJöitCT Ss nrro fl 3. Theil, 11. Buch. 2) Geschichte der französischen Litteratur im 18. Jahrhundert, S. 148.