Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1894)
- Date
- 1894-01-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Und dies ist das eigentlich Entscheidende, dies ist der Zweck der Felseninschrift von Sehet. Sic ist nicht echt, sie stammt nicht von dem uralten König Zoser her, der in einer Zeit lebte, ans der noch keine Inschriften, keine Monumente zu uns reden — schon die Nennung dieses Königs mußte Verdacht erwecken — sondern sie ist eine Fälschung aus der verhältnißmäßig so jungen Zeit der Psammetichiden oder gar der Ptolemäer, eine Fälschung der Priester von Elephantine, die auf diese Weise Ansprüche, die sie auf gewisse Ländereien und Abgaben erhoben, begründen wollten. Die Schreibung der Hieroglyphen hat diese Thatsache unzweifelhaft bewiesen. Für uns gewinnt aber die Inschrift dadurch Bedeutung, daß in ihr eine sieben Jahre lang währende Hungersnoth geschildert wird. Unter König Zoser kann diese nicht stattgefunden haben, da die ägyptischen Priester von seiner Regierung gewiß ebensowenig wußten, wie wir, und sie seinen Namen offenbar nur gewählt haben, um ihrer Fälschung das Ansehen ehrwürdigen Alters zu verleihen. Es bleibt also nur der Schluß übrig: entweder haben die Priester von Elephantine die sieben Jahre einfach erfunden, oder es bestand eine alte Tradition, daß einst eine Hungersnoth sieben Jahre lang gedauert habe, lind die Verfaffer der Inschrift machten sich diese zu Nutze. Und das Letztere ist entschieden das Wahrscheinlichere, denn es ist nicht einzusehen, warum inan sonst der Hungersnoth unter König Zoser gerade sieben Jahre gegeben hätte: umsoweniger einzusehen, als die ägyptischen Priester immer mit Vorliebe an die alten Traditionen ihres Volkes anknüpflen und gewiß auch hier — zur Begründung so hoher Ansprüche — eine Tradition berührt haben werden, die noch dunkel in der Vorstellung des Volkes schwebte. Wir erkennen also ans der langen Inschrift von Sehet, daß noch in den letzten Zeiten des ältägyptischen Reiches unter den Priestern und vielleicht auch im Volle die Tradition von einer siebenjährigen Hungersnoth lebendig war. Daß dies keine andere gewesen sein kann, als die voll der Bibel berichtete, bei der Joseph eine so große Rolle spielte, ist klar. Es wäre thöricht, anzunehmen, daß zweimal in der ägyptischen Geschichte eine Hungersnoth sieben Jahre lang gedauert habe. Wann diese Hungersnoth stattgefunden hat, wissen wir allerdings nicht. Die meisten Chronologen des Alterthums und auch jetzt wieder einige unter den Aegyptologen setzen sie in die Zeit des Hyksosköniges Apepi. Man macht dafür geltend, daß in dem Grabe des Abbana, der zu deffen Zeit lebte, von einer Hungersnoth die Rede ist. Profeffor Lauth in München hat auch auf eine Darstellung in dem Grabe des Beamten Taheri aus derselben Zeit hingewiesen. Da sieht man zwei pflügende Semiten, von denen der Aeltere zun, Jüngeren spricht: „Gar glückverheißend ist das Wort aus Deinem Munde, o Junge! Das Jahr wird ein günstiges, die Kräuter gedeihen, und die Rinder werden vorzüglich." Nach Lauths Ansicht soll dies eine Anspielung sein auf eine segenkündende Prophezeiung aus dem Munde eines jungen Semiten. — Ein festes Urtheil über die chronologische Bestimmung Josephs und seines glücklichen Walteus in Aegypten steht »ns jedoch gegenwärtig noch nicht zu. Gine Berliner Sage. Von Dr. I. Joel. fie Beliebtheit, die Henriette Herz noch heute in der litterarischen Welt genießt, indem diese wieder und wieder ans sie und ihren Lebenskreis zurückkomint, möchte berechtigen, daß auf eiile Sage näher eingegangeu werde, die Henriette Herz in aufsteigender Linie betrifft. Diese Sage, inannigfach bekannt und hier rekapilulirt, geht dahin: Die Eltern der Mutter von Henriette, nämlich Simon Charleville und dessen Fra», wollten nicht einwillige», daß ihre Tochter den Arzt (Louis) Benjamin de Lemos heirathe; weil dieser ein Sephardi, d. h. Abkunft von portugiesischen Juden sei, sie aber, Eltern und Tochter, Aschkenasim, d. h. deutsche Juden seien. Die Tochter aber, spätere Mutter von Henriette, wollte dem elterlichen Willen nicht Nachkommen, trotzte ihrem Befehle und nahm dennoch den Arzt Benjamin de Lemos zum Ehemann. Die Eltern hielten deshalb bei der Verheirathung ihrer Tochter Trauer und beklagten sie als eine Allst- und Abgeschiedene. So die Sage. Dem Schriftthum übergab diese Sage als Faktum Abbe Gregoire in seiner preisgekrönten Schrift: „Sur la Regeneration des Juifs“, Metz 1788. Laut seiner Angabe hat er diesen Vorgang von Moses Ensheim, einem Jünger Mendelssohns, überkommen. Grätz erklärt, in der Frankel'scheu Monatsschrift 1868, diesen Bericht als „übertrieben und unwahr; so tief war die Kluft zwischen beiden Zweigen des Judenthums nicht". Allein in seiner Geschichte (Band XI, Seite 155, 156) ist Grätz weniger skeptisch in Betreff eines solchen Vorganges und berichtet die Sage, ohne Einwand gegen ihre Wirklichkeit zu erheben. Man wird heralisgefordert, in die Prüfung dieser Sage einzugehen alls folgendem Grunde: Man findet wohl aus alten Zeiten her, daß die Sephardim sich eine Geistes-Superiorität gegenüber den Aschkenasinl zuschrieben und ferner den Aschkenasim eine Gemüths-Jnferiorität gegenüber sich selbst beilegten. Diese sephardische Annahme, welche bislang nur als Gefühl in ihrer Mitte lebte, kleidete sich in Worte, als man diese brauchte, um gegen Voltaire's allgemeine und unterschiedslose Anklagen wider die Juden zu protestiren. Aus diesen Worten krystallisirte sich das Dognia bei den Sephardim heraus, daß sie eine höhere Gattung von Israeliten nach Wesen und Beschaffenheit darstelleu. De Pinto behauptet sogar in seiner Apologie gegen Voltaire, daß die Aschkenasim selbst dieses Dogma anerkennen; eine Behauptung, die wohl seine Einbildung zum Autor hat, schwerlich aber je das ausgesprochene Zugeständniß von einem Aschkenas war. Es ist deshalb Recht und Pflicht der Sephardim, sagt de Pinto, die Reinheit der Abstammung zu erhalten: „Wenn ein portugiesischer Jude eine deutsche Jüdin heirathen würde, würde er nicht länger als Glied der Gemeinde anerkannt werden und dürfte nicht einmal unter dm anderen Portugiesen begraben werden." Es galt deshalb bei den Portugiesen als eine revolutionäre, bei den Aschkenasim als eine heroische That, daß der Portugiese Moses Montefiore sich über dieses eingewurzelte Dogma, das er in seiner Kindheit nnd Jugend so oft zu hören bekam, hinwegsetzte und 1812 die Aschkenasin Judith, Tochter des Aschkenasen Levi Cohen, zur Gattin erkor. So steht es auf der einen Seite. Anderseits findet man nie das Umgekehrte, daß etwa die Aschkenasim sich eine qualitative Superivrität über ihre sephardischen Mitbrüder zuschrieben und sie als eine geringere Art von Glaubensgenossen betrachteten. Demnach hätten in dem besagten Falle die Eltern des de Lemos, nicht aber die seiner Frau, wegen dieser Heirath Trauer halten müssen. Folgendes Thatsächliche aber verscheucht jeden Zweifel an der Unwahrheit dieser Sage. Esther, Tochter von Simon Charleville nnd spätere Mutter von Henriette Herz, ist nicht die erste Frau von Benjamin de Lemos. Seine erste Frau war Hanna, deren Schwester. Grabstein Nr. 1208 auf dem Begrübnißplatz, Große Hambnrgcrstraße hier, besagt unter Anderem: „Hier ruht Chaua, Tochter von Simon Charleville, Frau vom Gemeindearzt Benjamin. Gestorben Sonntag, den 6. Tamus 532 nach der kleinen Zahl (d. h. 27. Juni 1762)." Bei ihrem Tode war ihre Schwester Esther (geboren 23. April 1742) 20 Jahre