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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-05 · Heft 1 (5.1.1894) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 1 (5.1.1894)
Date
1894-01-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 Das eine kommt aus Dänemark, das andere gar aus Norwegen; jenes ist eine kleine Novelle einer dänischen Erzählerin, dieses ein Roman eines bekannten norwegischen Dichters. Die Novelle, die den Titel „Hau er Jöde" (Er ist Jude) — Kopenhagen, I. H. Schubothes Verlag — führt, stammt von der nicht unbekMMten dänischen Novellistin Fanny Snenssen, die sich auch als Jugendschriststellerin einen Namen machte, und ist eine anmuthige Liebesgeschichte. Ihr Inhalt ist in Kürze folgender: In das Haus des energischen Judenfeindes, des Großhändlers Haase, wird durch einen Neffen, einen jungen Theologen, der junge jüdische Doktor Meyer eingeführt, ohne daß Haase erfährt, daß Meyer Jude ist. Der junge, von wahrhaft christlichem Geiste durchdrungene Theologe hofft, seinen Oheim dadurch, daß er den ehrenhaften und intelligenten Dr. Meyer kennen lernt, von seinem Judenhaffe zu kuriren. Und in der That gewinnt Meyer bald des Großhändlers Zuneigung, aber nicht nur die seine, sondern in noch höherem Grade die seiner anmuthigen, einzigen Tochter Doris, des Vaters Liebling und „Sonnenstrahl". Und nicht minder fühlt sich Meyer zu dem schönen und warmherzigen Mädchen hingezogen, aus deren Munde er vernommen hat, wie tief sie das Unrecht, das den Juden durch die Verfolgungen angethan wird, verurtheilt. Und eines Tages will Meyer denn auch zu ihr reden, ihr sagen, daß er ein Jude ist, damit sie und ihre Eltern sich darnach richten können — ein Zufall verhindert es. Inzwischen ist der junge Theologe, der ebenfalls Doris liebt, zur Erkenntniß gekommen, daß es eine Thorheii war, Meyer's Abstammung zu verheimlichen, seine Eifersucht erwacht und reißt ihn eines Tages so weit hin, ganz unvorbereitet in Haase's Gegenwart zu erklären, daß Meyer ein Jude sei. Der Großhändler ist empört, Meyer habe sich hinterlistig in sein Vertrauen eingeschlichen, und als nun noch die Erklärung seiner Tochter kommt, daß sie den Doktor liebe, da droht er ihr mit Verstoßung, wenn sie von diesem Menschen nicht laste. Allein Doris besitzt die Energie ihres Vaters, und »ach langem, schwerem Kampfe folgt sie dem alten Gebot der Liebe, verläßt Vater und Mutter und geht zu dem Geliebten und wird auch ohne den Segen des Vaters seine Gattin. Aber in beiden Häusern herrscht kein Glück, hier wie dort ein Sehnen und Vermiffen, dazu kommen die warmen Mahnnngen des jungen Theologen, der inzwischen sein übereiltes Verfahren bereute, schließlich kann Meyer die Trauer seiner Gattin nicht mehr ansehen, er wagt einen Besuch bei seinem Schwiegervater, um eine Versöhnung herbeizuführen. Es gelingt ihm, da bei Haase auch der Schmerz um den Verlust der Tochter genügend vorgearbeitet hat. Und bald lernt er in Meyer die Juden so schätzen, daß er beschließt, „einen Verein zum Schutze der Juden" zu gründen. Selbst ans die längste Nacht folgt ja der Tag, und auch Gerechtigkeit für die Juden kann nicht mehr fern sein. Frau Suenffen geht hauptsächlich von dem religiösen Gegensatz zwischen Juden und Christen aus, und sie leitet die antisemitische Bewegung ausschließlich auf das Motiv der religiösen Unduldsamkeit zurück, eine Annahme, mit der sie sich ja allerdings im Jrrthum befindet, was aber der Erzählung deshalb nichts an ihrem psychologischen Werthe raubt. Mehr den Raffenstandpunkt faßt John Paulsen in seinem Roman „Jödinden" (Die Jüdin) — Christiania, H. Aschehoug u. Co. — ins Auge, wenn freilich auch Hier die religiöse Unduldsamkeit kräftig in den Vordergrund dringt. Da Sie die ausgezeichnete Arbeit in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" demnächst in deutscher Uebertragung zum Abdruck bringen werden, so verzichte ich darauf, hier den Inhalt wiederzugeben und begnüge mich, auf die Erzählung selbst angelegentlich zu verweisen. Beide Erzählungen sind kräftige Proteste gegen die Tiraden der Antisemiten; dort sucht eine strenggläubig christliche Frau im anmuthigen Charakterbilde zu zeigen, daß, wo wahres Christenthum herrscht, Jude und Christ auch müssen gemeinsam handeln und leben können, hier zeigt der pessimistischere nordische Dichter, daß eine ersprießliche Verbindung gar nicht möglich ist, daß die Schuld daran aber eben die Engherzigkeit, Kleinlichkeit und Beschränktheit des Standpunktes gewisser „christlicher" und germanischer Elemente trägt. Merkwürdiger Weise lassen beide Autoren die soziale Seite der antisemitischen Bewegung außer Acht, obwohl es doch gerade die soziale Unzufriedenheit ist, die ihr die meisten Elemente zutreibt; es scheint fast, als wenn man von dieser Seite der Bewegung im skandinavischen Norden noch nichts ahnt; oder wird uns ein dritter Roman auch den Protest hiergegen dringen? E. ß. Nie sieben Jahre der Hungersnoth. Von Eduard Georg. fei den thörichten Angriffen, denen die biblische Tradition über den Auszug der Juden aus Aegypten gegenwärtig von Seiten einiger allzu hitziger Archäologen aüsgesetzt ist, darf ohne Zweifel jede, auch die geringste Bestätigung der Nachrichten des alten Testaments durch die Denkmäler Aegyptens den Anspruch auf allgemeineres Interesse erheben. Eine solche Bestätigung nun — allerdings nicht gerade eine von hoher Bedeutung — fand sich in einer vor kurzer Zeit aufgefundenen Inschrift. Der Amerikaner Wilbour entdeckte nämlich bei seiner Forschungsreise durch Aegypten auf der^Jnsel Sehet bei Philä eine lange Felseninschrift, deren Text er abschrieb und Brugsch-Pascha übersandte. Heinrich Brugsch hat dann in einer Monographie „Die biblischen sieben Jahre der Hungersnoth nach dem Wortlaut einer altägyptischen Felseninschrift" die Inschrift übersetzt und ausführlich besprochen. Sie beginnt folgendermaßen: „Im Jahre 18 des Horns „Gottesleib", des Königs „Gottesleib", des Herrn der Diademe „Gottesleib", des Goldhorus Zoser. Damals war Erbfürst, Regent der Städte des Südens, Vorsteher der Nubier in Elephantine Madir. Es ward ihm diese Königsbotschaft gebracht, um ihn von Folgendem in Kenntniß zu setzen: „Ich trage Kummer auf hohem Throne über die, welche zum Palaste gehören. In Sorgen ist meine Seele ob des gar zu großen Unglücks, weil die Nilfluth zu meiner Zeit sieben Jahre hindurch nicht gekommen ist. Gering ist das Getreide, es fehlt an Gewächsen, es mangelt an Allem zu ihrer Speisung. Es ward ein Dieb Jedermann an seinem Nachbarn; sie wollen eilen und können nicht gehen; das Kind weint; der Jüngling schleicht einher, und die Alten: ihr Herz ist gebeugt, zusammengekrümmt, auf den Erdboden ausgestreckt sind ihre Beine, ihre Hände ruhen im Busen. Die Hofleute wissen keinen Rath. Aufgerissen werden die Vorrathskästen, aber statt der Dinge ist Luft der Inhalt. Alles, was vorhanden war, ist aufgezehrt." Pharao Zoser stellt nun gn Madir die Frage, welcher Gott an den Schwellen des Nils herrsche, und da dieser ihm mittheilt, es sei der Gott Chnum in Elephantine, fleht der König Chnum an, ihm ktus seiner schweren Bedrängniß zu helfen. Der Gott erweist sich gnädig und verspricht, der Hungersnoth bald eine Ende zu machen. Des Königs Dank besteht dann in reichlichen Schenkungen an den Gott, das heißt, an den Tempel und die Priester von Elephantine.

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