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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-05 · Heft 1 (5.1.1894) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 1 (5.1.1894)
Date
1894-01-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Begeisterung für alles Große und Edle, wie in seiner rührenden Theilnahme für alles Schwache und Kleine, in feinem flammenden Enthusiasmus und in seiner herzgewinnenden Güte. So war Adolf Jellinek als Redner, als Gelehrter, als Mensch und als Jude. Von ihm galt, was er selbst einmal verkündet: „Wer als Anwalt der Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit und im Dienste der Liebe, Milde und Barmherzigkeit das gottbegeisterte Wort verbreitet, ohne Furcht, den Mächtigen zu mißfallen, und ohne Hoffnung, von den Großen des Landes belohnt zu werden, der ist der wahre und würdige Prophet in Israel, nicht der Wunder und Zeichen übt zum Staunen der umtiiffenbeii Menge, und nicht, der den Schleier von der Zukunft lüstet, um die eitle Neugierde zu befriedigen: denn der Mittelpunkt der Thora und daher der Höhepunkt der Prophetie ist die sittliche Veredelung des Menschen auf Erden." Für das Reich dieser sittlichen Veredelung der Menschheit hat Adolf Jellinek sein ganzes Leben lang gekümpst, gelehrt, gearbeitet und gepredigt. Sein Wort und sein Name werden sortleben in unserer Mitte. Und wenn man der besten Männer gedenken wird, die in Israel und für Israel gelebt haben, so wird man seinen Namen in Ehren nennen für und für. f Berlin, 2. Januar, ie nichtswürdige Schadenfreude, mit der gewiffe fromme Blätter in ihren Rückblicken auf das abgelaufene Jahr die Prozesse registrirteu, in welchen Juden verurtheilt wurden, verdiente wohl eine energische Züchtigung. Es verlohnte sich wohl, die Prozesse, welche gegen fromme Pastoren und Lehrer, sowie gegen gewerbsmäßige Antisemiten allein in den letzten Wochen angestrengt wurden, gleichfalls zu registriren. Auch dürste wohl die Frage gestattet sein, ob die Zuchthäusler, Muttermörder und Vatermörder, die arischer Abstammung sind, auch das Recht haben, mit einer gewissen Hoheit auf die Juden herabzublicken. Aber wir verschmähen solche Repreffalien einfach aus dem Grunde, weil wir sie für unanständig halten. & Das Wichtigste und Traurigste in dieser Woche war der Tod Adolf Jellinek's, dessen Bedeutung wir an leitender Stelle gewürdigt haben. Hier wollen wir nur das Vermächtniß des edlen Mannes an seine Glaubellsgemeinschaft, nämlich einen Auszug aus seinem letzten Artikel und eine Stelle aus seiner letzten Predigt mittheilen. Jellinek's letzter Artikel führte die Ueberschrift „Die Nächstenliebe des Fürsten Alois Liechtenstein" und lautete folgendermaßen: „Fürst Liechtenstein ist der Wanderprediger des Wiener Antisemitismus. Durchglüht von heiligem Eifer, verkündet er seine humanen antisemitischen Glaubensartikel in verschiedenen Volks-Versammlungen. Am 17. Dezember erschien er im Vereine „Christliche Familie" und definirte das Gebot der Nächstenliebe. Der Nächste, den wir lieben sollen, sprach er, ist unser theueres Ich, unsere eigene Person, dann kommt die eigene Familie und endlich das christliche Volk, das mit uns durch die Taufe verbunden ist. Die Liechtenstein'sche Nächstenliebe ist daher ein entwickelter Egoismus. Sich selbst liebt Jeder. Es ist das eine Liebe, die nie altert. Die Familie, Vater und Mutter, Geschwister, Gatte, Gattin und Kinder, find ein Theil unseres eigenen Wesens. Die Glaubensgemeinschaft ist eine Herzens- und Seelenverwandtschaft, mit der wir uns innigst verbunden fühlen. Die Liechtenstein'sche Nächstenliebe findet man auch bei Stämmey und Völkern, die nichts von der Bibel gehört haben. Auch fie liebey fich selbst, ihre Familienangehörigen und ihre Glaubensgenossen. Wie definirt das Judenthum das Gebot der Nächstenliebe, das im dritten Buche Moses zuerst als allgemeine Glaubenslehre verkündet wurde? Der Nächste ist jeder Nebenmensch und wer diese Definition bestreitet und behauptet, daß die Thora nur den jüdischen Volksgenossen vor Augen hat, der erwäge, daß der Aegypter der Nächste der Juden oder sein Rea genannt wird, weil er mit ihm zusammen lebte und verkehrte. Um jede andere Deutung zu widerlegen, wird im dritten Buche Moses noch hinzugefügt, daß man den Fremden wie fich selbst lieben soll Der Jude ist daher verpflichtet, wie der Talmud lehrt, heidnische Arme zu speisen, ihre Todten zu bestatten, die Trauernden unter den Heiden zu trösten durch Reden und Beileidsbezeugungen. Das ist keine bloße religiöse Theorie, sondern zu allen Zeiten haben die Juden das Gebot der Nächstenliebe im weitesten Sinne beobachtet. Wir wollen durchaus nicht ruhmredig sein und ein Loblied auf die Wohlthätigkeit der Juden anstimmen, sondern blos konstatiren, daß die Bekenner des Judenthums Anhänger einer Weltreligion sind, in welcher jeder Mensch Freundlichkeit, Wohlwollen und Liebe findet. Das Gebot der Nächstenliebe nach der Definition des Fürsten Liechtenstein ist engherzig, partikularisch, konfessionell beschränkt, und wir erheben Einsprache dagegen, daß Christus das Gebot der Nächstenliebe im beschränkten Sinne des Fürsten Liechtenstein eingeschärst hat, und halten uns für berechtigt, zu behaupten, daß die Juden das Gebot der Nächstenliebe richtiger interpretiren und besser befolgen, als die Liechtenstein-Christen." Die letzte Predigt Jellinek's am Sabbath Wajchi hatte folgenden Gedankengang: „Im letzten Abschnitte des ersten Thorabuches finden wir Jacob, den dritten Patriarchen, auf dem Krankenlager. Der Hochbetagte fühlt, bofs seine Tage gezählt seien und ihrem Ablaufe nahen. Er würde ruhig ergeben aus dem Leben scheiden, wenn ihm nicht die Unverträglichkeit seiner Söhne das Gemüth belasten würde. Zwar war sein Auge vom Alter umnachtet und vermochte die Gefichtszüge derselben nicht zu erkennen und zu unterscheiden Aber welcher Vater trägt nicht die Bilder seiner Kinder im Herzen tief eingeprägt und unverwischbar in seiner Erinnerung? Vor dem Erlöschen seines Lebens will er die Söhne in seiner Umgebung wissen. Er ruft fie zusammen, ertheilt ihnen aber zugleich einen nachdrucksvollen Wink, daß fie fortan in Eintracht, friedlich und verträglich zusammen leben sollen, da sie doch alle die gleiche Herkunst haben, Kinder eines Vaters, daher Brüder find. Sein Ruf geschah nämlich mit den Worten: „Versammelt euch, vereinigt euch, Söhne Jacobs, horcht auf Israel, euern Vater!" Wohlerwogen nennt sich Jacob auch Israel; denn in diesem Namen ruht die Lebensaufgabe, die Bestimmung, der Beruf aller seiner Sprossen auf Erden. Israel heißt Gotteskämpfer; für Gott, für Erkenntniß der Wahrheit, des Rechts und der Menschenliebe zu kämpfen und zu streiten, zu tragen und zu dulden — dazu find die Söhne der Patriarchen erkoren worden. Darum sie sollen sich immer als Brüder fühlen, in der Einheit ihre Stärke suchen und finden. Eine lange Zukunft dehnt sich vor ihnen aus und harret ihrer. „Bedenket daher, was euch begegnen kann in spätern Tagen!" sprach der sterbende Vater. Einmal wird ja doch jene Zeit erscheinen, wo die Völkerstämme aus Nacht und Finsterniß dem Lichte nach wandeln werden, dem Lichte, das ihnen aus der Mitte Israels erglänzt und erstrahlt. Darmn sollen die Söhne Jacobs alle vereint und verbrüdert sein, alle, die Jacob ihren Vater nennen, die fich zu Israel bekennen." So lehri ein Prediger in Israel in seiner Todesstunde Nächstenliebe und Einigkeit. Möchten diese Mahnungen Eingang finden in alle Herzen! Iwei Stimmen ans dem Norden zur Frage des Antisemitismus. (cS§|ka§ wilde Hetzen des deutschen Antisemitismus, das wohl nun bald seinen Höhepunkt erreicht haben dürfte, fordert nachgerade auch Dichter des ziemlich unbetheiligten Auslandes zu einer Antwort herays, und so haben die letzten Wochen gleich zwei dichterische Erzeugnisse des skandinavischen Nordens gezeitigt, in denen zu dieser Frage Stellung genommen wird.

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