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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-01-05 · Heft 1 (5.1.1894) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 1 (5.1.1894)
Date
1894-01-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 5. Januar 1894. 58. Jahrgang. Ar. 1. Allgemeine eilung öes Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. I Begründet von Navbrner Dr. Ludwig Nhilippson-Bonn. J T~ J T'T'f __ Verlags-Expedition: Berlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Züdenthums". Berlu: 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikelr Adolf Jellinek. — Die Woche. — Zwei Stimmen aus dem Norden zur Frage des Antisemitismus. Von E. B. — Die sieben Jahre der Hnngersnoth. Von Eduard Georg. — Eine Berliner Sage. Von Dr. I. Joel. — Voltaire und die Juden. Von Dr. Wilhelm Klemperer — Feuilletonr Raphael Goldschmidt. Eine Erzählung aus Oberhessen. Von Ferdinand Rnnkel. (Fortsetzung.) -- Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Neiße. Ratibor. Magdeburg. Coethen. Hannover. Kemven a. Rh.. Wien. — Bon Nah und Fern. - Miscellen. — Geschäftliche Notizen. Adolf Jellinek. Berlin, 2. Januar. abgelaufene Jahr hat, ehe es von dannen schied, noch in seiner letzten Stunde eine tiefe Lücke in den Reihen Israels gerissen. Einer der Besten und Größten unserer Glaubensgemeinde ist aus unserer Mitte geschieden, und nimmer werden wir sein mahnendes und warnendes, sein tröstendes und erhebendes Wort vernehmen. Ein hoher Priester ist gefallen in dem Tempel der Humanität, ein Stern ist erblichen am Himinel Israels; trauernd und verwaist stehen und flehen wir: Herr, die Wunde ist schmerzlich, tief das Weh, unersetzlich der Verlust — aber Du hast ihn uns gegeben, Du hast ihn nun hinweggenonimen, Dein Name sei gelobt in Ewigkeit! Inmitten einer Zeit frostigen Unbehagens, die viel Aehnlichkeit mit der unsrigen hatte, trat Adolf Jestinek zuerst auf. Er war einer der letzten von den Männern der jüdischen Renaissance dieses Jahrhunderts. Einer der Letzten und doch einer der Ersten! Und nun, da er heimgegangen, wird es uns erst recht klar, was wir an ihm besessen und was wir an ihm verloren haben. Dieser Gedanke hat Vielen das Herz bewegt, welche die sterblichen Ueberreste Jellinek's zur letzten Ruhestätte begleiteten. Er war einer unserer größten Gelehrten, stolz, hochsinnig und in seinem Kreise gebietend, wie kein Anderer. Er war unser größter Prediger, und die jüdische Kanzel-Beredtsamkeit hat in ihm ihren Meister gefunden. Als Adolf Jellinek auftrat, lag die jüdische Homiletik »och in ihren Anfängen. Sie bewegte sich vor Allem in der Nachahmung bewährter fremder Muster; ihr Untergrund war das allgemein Menschliche — sie vermied es ganz besonders, das spezifisch Jüdische hervorzukehren. Die reichen Quellen des Midrasch tvaren für sie noch kaum erschlossen. Da trat Adolf Jellinek auf, und mit einem Schlage änderte sich die Situation. Mit reichem Wisseiz, mit einer ^Rednergabe ohne Gleichen, mit allen Vorzügen des Herzens und Geistes ausgestattet, so betrat Adolf Jellinek die Kanzel, und so hat er sie als ein Held und Sieger nach mehr als einem halben Jahrhundert verlassen. Mit vollem Recht hat einer seiner Schüler von ihm gesagt: Ob er. von heiligem Eifer erglüht, seinen Brüdern bald grollend, bald spottend und tadelnd die Fehler ans Vergangenheit und Gegenwart vorhält; ob er die Völker, die Staaten, die Religionen, die Fürsten und Mächtigen vor den Richterstuhl der Gerechtigkeit lädt und ihnen mit dem Freimuth des Vertheidigers der gekränkten und mißhandelten Unschuld ungeschminkt ihr Verhalten gegen Juden und Judenthum Vorhalt; ob er von seiner Kanzel wie von einer Weltredner-Bühne den Böllern die Wahrheit des Judenthums, dessen unvergleichliche Lehren, Ideen und Einrichtungen, dessen Frömmigkeit, Tugend und Sittlichkeit, dessen Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenliebe darlegt und als das zu erwerbende Gemeingut des Menschen empfiehlt; ob er daran geht, die Lehren der Thora, der Propheten und Weisen Israels in ihrer Schönheit, Vollendung und Güte dem Verständniß der eigenen Brüder und der gestimmten Menschheit näher zu bringen; oder ob er die rein menschlichen Seiten des Herzens, des Mitgefühls und des Wohlwollens anschlägt, um zu Entschlüssen und Thaten der Menschlichkeit und Frömmigkeit zu begeistern; immer ist er der Redner, der ans den reichen Tiefen jüdischen Wissens, aus der unversiegbaren Quelle jüdischen Herzens uub Gemüthes schöpft und mit jüdischem Geist und Witz, mit orientalischer Phantasie zwar, aber doch maßvoll in künstlerischer Vollendung, herab von der Höhe seines Geistes, wenn auch in bilderreicher, so doch in klarer und leicht verständlicher Sprache zur israelitischen Gemeinde, zu seinem Volke und zur Menschheit spricht. So war Adolf Jellinek als Redner. Und so war er auch als Gelehrter. Er war einer der größten Kenner des Midrasch, er beherrschte das weite Gebiet der nenhebräischen Litteratur von ihren Anfängen bis zu ihren letzten Ausläufern, und in unermüdlicher Arbeit hat er fünfzig Jahre lang ihre Schütze gesichtet und geordnet und der Forschung zugänglich gemacht. Wie in seiner Rede etwas von dem Hauche der Propheten lebte, so lag in seiner Arbeit viel von dem Geiste der alten Rabbinen: Scharfsinn und Witz, Wissen und Kombinationsgabe, ein großer Blick, starke Erfindung und — was über Allem ist — ausdauernde Liebe. Ec war redegewaltig und geisteskrästig, immer dm Idealen nachstrebend, unerschrocken und muthig, furchtlos und treu, das Gute wollend und hoffend. Sein Sinn war lauter, sein Gefühl leicht erregt, stark und doch wieder rührend weich; in seinem Herzen war kein Arg. Was ein Mensch seiner Zeit durch Geist, Charakter und Thaten geleistet, ist leichter abzuschätzen, als was er durch sein Wesen in persönlichem Umgang geleistet hat. Der Zauber, welchen die Persönlichkeit Jellinek's ans Alle, die ihm näher traten, ausübte, lag vor Allein in seiner freudigen

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