Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1891)
- Date
- 1891-12-25
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227877-3227930--48489-3273298- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
meistens grauen, sind in monatlichen und wöchentlichen Raten 20!>7 M. 80 Pf. und an einmaligen Unterstützungen 1011 M. verausgabt. Der.^ hiesigen jüdischen Lehrer-Bildungsanstalt, welche seit einigen Jahren au Stelle der zweiten Religionsschute für arme Mädchen den Unterricht derselben versieht, dein Handfertigkeits-Verein, sowie dem christlichen Hannoverschen Jungfrauen-Vereine, unter dessen Leitung im vergangenen Winter eine Suppen vertheilung veranstaltet wurde, sind Beiträge iiberwiesen worden, dem letzteren Vereine, da von diesem auch jüdischen Bedürftigen in ritueller Weise hergestellte Suppen verabreicht wurden. — Für eines der wirksamsten Mittel zur Bekämpfung der Armuth erachtet der Vorstand des Vereins, gewiß mit Recht, die Gewährung von Darlehen. An 7 Parteien wurden Darlehen im Betrage von 1127 M. 70 Pf. gewährt; es sind im Lause des Jahres seitens der Schuldner wesentliche Rückzahlungen gemacht. Der Verein wird diesen Zweig seiner Thätigkeit ganz besonders zu pflegen bestrebt bleiben. * Eisleben, 17. Dezember. Die evangelischen Geistlichen unserer Stadt W. Rothe, Jordan, Hupfeld, Nithack, Trommsdorff, Eichholz, F. Stier, Orphal veröffentlichen folgende Erklärung: „In dieser: Tagen ist in unseren Häusern ein vom hiesigen Deutschen Reformverein herausgegebener Geschästsanzeiger verbreitet worden, welcher den Namen unsres Heilandes mit rein geschäftlichen Interessen und einer Gehässigkeit gegen das Judenthum in Verbindung bringt, die mit dem milder: christlichen Geiste nichts gemein hat. Wir bedauern aufs Tiefste eine solche Kampfesweise, die nur geeignet ist, die hoher: Güter unseres christlichen Volksthums, die eir:es reiner: und edler: Kampfes werth sind, noch mehr zu schädigen, lehnen jede Gemeinsamkeit n:it derselben ab und sprechen das Vertrauen aus, daß auch unsere christlichen Mitbürger einschließlich der Geschäftsleute mit solchen Waffen nichts zr: thun Haber: wollen." * Darmstadt, 18. Dezbr. In der Stadtverordnetenversamrnlung kam es am Donnerstag zu einer auch für weitere Kreise nicht uninteressanten Erörterung über die antisernitische Bewegung. Anlaß hierzu gab eine vor 14 Tagen im städtischen Saalbau abgehaltene antisemitische Versammlung, in welcher der Reichstagsabg. Dr. Böckel eine seiner bekannten Hetzreder: hielt, worauf er, wenigstens nach der Behaupturrg seiner Freunde, in einer sich an die große Versammlung anschließenden Privatversammlung von zahlreichen Anwesenden das Versprechen empfangen haben soll, künftig nichts mehr bei Israeliten zu kaufen. Eine große Anzahl hiesiger Einwohner hatte nun in Folge dieser Vorgänge eine Petition an die Stadtverordneten gerichtet, worin gebeten wird, derartigen Versammlungen, welche geeignet seien, den religiösen Frieden zu stören, den Saalbau künftig zu verschließen. Die betr. Kommission der Stadtverordneten vertrat den Standpunkt, daß man, nachdem den Sozialdemokraten und andere:: Parteien der Saalbau bewilligt worden sei, den Antisemiten gegenüber keine Ausnahme machen könne, oder man dürfe künftig den Saalbau zu keiner politischen oder religiösen Versammlung mehr hergeben. Aus diesen Gründen e:npfahl die Kommission Ablehnung der Petition, welchem Antrag die Versammlung schließlich beitrat, nachdem hervorgehoben worden war, daß es schwierig sei, hier eine Grenze zu ziehen. Die antisemitische Bewegung wurde aber von den verschiedenen sich an der Diskussion betheiligenden Rednern scharf verurtheilt. Stadtv. Gauß bedauerte sehr diese gegen die Israeliten gerichtete Hetze. Dieselben hätten wie jeder Andere ihrer Bürgerpflicht zu genügen, und gar manchen Juden könne man Andersgläubigen als Muster an die Seite stellen. Stadtverordneter Bergsträßer ist iiberzeugt, daß jedem Stadtverordneten der konfessionelle Friede an: Herzen liege. Daran, daß sich 400 Leute verpflichtet hätten, nichts mehr bei Israeliten zu kaufen, glaube er nicht, wenn dies auch die Antisemiten-Presse behaupte. Für die Benutzung des Saales müsse der Grundsatz maßgebend sein, daß derselbe jedem hiesigen Bürger offen stehe. Die antisemitische Bewegung sei rasch gekommen und werde auch ebenso rasch wieder verschwinden. Stadtverordneter Blumenthal erinnert daran, daß vor zehn Jahren schon der Versuch gemacht wurde, die Stadtverordneten-Versammlung zu einer antisemitischen Petition zu gewinnen, jedoch vergebens. Auch heute soll man in gleicher Weise religiösen Hader vermeiden. Vor einem halben Jahre habe Redner bei Sr. Königl. Hoheit dem Großherzog Audienz gehabt, damals habe der Großherzog erklärt, die antisemitische Bewegung sei ihm ein Gräuel, dies um so mehr, als Eindringlinge es unternähmen, solche in unser Land hereinzubringen. Daß Kaiser Friedrich den Antisemitismus als eine Schmach bezeichnet, sei währ." Der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung, BeigeordMer Lautenschläger, bat in seinen: Schlußwort mit bewegter Stimme, die seitherige religiöse Eintracht in hiesiger Stadt als ein heiliges Vermächtniß den Kindern zu überliefern. Zu Gunsten der antisemitischen Bewegung wurde keine Stimme laut. X Erefeld, 13. Dezember. Die Niederlage, welche den Antisemiten durch die (bereits mitgetheilte) Woll se: len' sche Rede zugefügt worden ist, sowie eine noch nachträglich von den Sozialdemokraten veranstaltete Volksversammlung, in welcher der Führer wiederum gegen den Antisemitismus sprach, veranlaßte den hiesigen Herrn Oberpfarrer Eh-. Schmitz, mit den: Herrn Oberrabbiner Dr. Horowitz — wie mit allen Geistlichen der Stadt — sonst auf freundlichsten: Fuße stand, in einer katholischen Arbeiterversammlung in solcher Weise gegen die Juden zu sprechen, daß Herr Oberrabbiner Dr. Horowitz sich genöthigt sah, ihm in der klerikalen wie in der liberalen Zeitung entgegenzutreten. Den: Herr:: Oberrabbiner sind für diese Erwiederung freundliche Kundgebungen, ja Glückwünsche aus alle:: Kreisen, aus den besten protestantischen wie katholischer: zu theil geworden, — Aus der gleichzeitigen Entgegnung des Oberpfarrers ersehen wir, wie derselbe sich zu drehen und winden sucht, um sich aus der Klemme zu ziehen. Theils durch weitere Angriffe, wie durch eine sehr lahrne Vertheidigung, die er neuerdings in einer Versammlung fortgesetzt hat, sucht er seine schwache Stellung zu stützen. Ja, es scheint, als ob der Herr Oberpfarrer erst durch die treffende und dabei so würdig und maßvoll gehaltene Erwiederung des Herrn Dr. Horowitz auf die Tragweite seines Vorgehens aufmerksam gemacht worden sei. — Die ganze Bewegung dürfte die Entriistung gegen die Judenhetze hier am Platze noch erhöht haben. GD Elberfeld, 11. Dezember. Die Mitglieder des Mendelssohn- Vereins hatten'sich gestern Abend außergewöhnlich zahlreich im Vereinslokale eingefunden, um einen Vortrag des Ehren-Borsitzenden Herrn Rabbiner Dr. Auerbach, anzuhören. Der Vortragende hatte sich das Thema: „Moses Maimonides" gewählt und behandelte dasselbe in sehr erschöpfender und ganz meisterhafter Weise, so daß der Dank und die Anerkennung, die ihn: vom Vorsitzenden ausgesprochen wurden, wohlverdiente waren. In der hierauf abgehaltenen General-Versammlung wurde der bisherige Vorstand — bestehend aus den Herren H. Strauß, Dr. :::ed. Apfel, H. Steinberg, I. Kann und Viktor Fischel, durch Akklamation wiedergewählt. Zum Schluffe dieses Berichts möchte ich noch die erfreuliche Thatsache konstatiren, daß bereits viele jüdische junge Leute, die sich bisher dem Judenthum gegenüber ziemlich indifferent gezeigt hatten, den: Mendelssohn-Vereine beigetreten sind und durch die Vorträge und Diskussionen neuerdings Anregung und dadurch Interesse für ihren Glauben erhalten haben, was sie durch eifrigen Besuch der Vereinssitzungen bekunden. * Bonn, 18. Dezember. Am 18. d. M. hat sich bei der hiesigen Universität als Privatdozent für Geographie Dr. Alfred Philippson, ein Sohn Ludwig Philippsons, habilitirt. Das Thema seiner Antrittsrede lautete: „Das Klima Griechenlands und sein Einfluß auf Anbau und Siedelung." Dr. Philippson hat sich bisher vornehmlich mit der Lehre von der Erosion des fließenden Wassers („Studien über Wasserscheiden", Leipzig 1886) und dann mit der physischen Geographie Griechenlands beschäftigt, wo er mit Unterstützung der Berliner Karl- Ritter-Stiftung mehrjährige Reisen und Forschungen unternommen hat. Die Ergebnisse derselben werden niedergelegt in einem mit Unterstützung der Berliner Gesellschaft für Erdkunde herausgegebenen größeren Werke: „Der Peloponnes, Versuch einer Landeskunde auf geologischer Grundlage", von den: der erste Theil erschienen ist. * Butzbach, 4. Dezember. Einen recht deutlichen Beweis, wie der Antisemitismus schlimme Zwietracht in breite Schichten der Bevölkerung hineinträgt, bieten die hiesigen Vorkommnisse. Unser Städtchen ist in seinen zwei Märkten, Katharinen- und Faselmarkt, der Mittelpunkt für die ganze Umgebung der gesegneten Wetterau. So weit haben es die Böckel-Apostel nun glücklich gebracht, daß die Antisemiten-Vereine der Dorfjugend es für angezeigt hielten, an: letzten Katharinenmarkt, ctm 25. November, einen antisemitischen Ball in Nieder-Weisel durch mächtige Plakate auszuschreiben, und zwar in der offen ausgesprochenen Absicht, den Marktverkehr in Butzbach damit zu schädigen. Das chedenken die jugendlichen Heißsporne nicht, daß sie damit nicht nur das gute Verhältniß zwischen Stadt und Land, sondern auch ihr eigenes In-