Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1891)
- Date
- 1891-12-25
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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T)5. Itthtötttta. Nr. 52. ^p|»y fieriht, 25. Dezember 1891 Weikage zur „Aktgemeinen Zeitung des InöenLHums". Korrespondenzerl urrd Nachrichten. Deutschland. * Berlin, 23. Dez. Eine wichtige Nachricht kommt uns noch kurz vor Redaktionsschluß zu, so daß wir uns Vorbehalten müssen, darauf zurück zu kommen. Man telegraphirt aus Petersburg: Das „Journal de St. Petersburg" vernimmt, Arnold White habe St. Petersburg nach einem Aufenthalte von mehreren Monaten verlassen. Sein Projekt einer Gesellschaft für die israelitische Kolonisation habe in Verwaltungskreisen eine sympathische Aufnahme gefunden. Er habe mit dem Minister des Innern in Verbindung gestanden, betreffs der Bildung von Komites, der Einreihung der jüdischen Militärpflichtigen, der Einführung von unentgeltlichen Auswanderungsscheinen an Stelle des gegenwärtigen Paßsystems und anderer wichtiger Punkte. * Berlin, 22. Dezember. Der Prozeß des aus der Redaktion der „Vossischen Zeitung" im Mai d I. entlassenen Herrn Marx gegen die „Freisinnige Zeitung" fand gestern unter großem Andrang des Publikums statt Der Sachverhalt ist in kurzen Zügen folgender: Am 22. Mai erhielt Hr. Marx von dem Chefredakteur Stephany seine Kündigung zum 1. Oktober, am 24. Mai schrieb er aber einen Brief an den Besitzer der Vossischen Zeitung, Geh. Justizrath Lessing, in welchem er erklärt, daß er aus der mit Herrn Stephany geführten Unterhaltung die Ueberzeugung gewonnen, daß seine Entlassung erfolge, weil er Jude sei; er ziehe es deshalb vor, die Redaktion nicht mehr zu betreten und sofort seine Stelle niederzulegen. Am 31. Mai berührte die „Freisinnige Zeitung" den Fall in einer Briefkastennotiz, in welcher darauf hingewiesen wurde, daß ein Hauptmitarbeiter des politischen Theils der „Vossischen Zeitung" ja doch auch ein Jude sei. Am 17. Juni sandte Geh.-Rath Lessing an den Abgeordneten Eugen Richter einen Brief, daß das Gerücht, wonach die Entlassung des Herrn Marx wegen seines jüdischen Glaubens erfolgt sei, jeder Grundlage entbehre und die Entlassung wegen Unfähigkeit des M. erfolgt sei. Am 18. Juni erschien dann auf Grund dieser Zuschrift eine Notiz in der „Freisinnigen Zeitung", in welcher mitgetheilt wurde, daß nach sicherer Information die Entlassung wegen Unfähigkeit erfolgt sei. Marx berichtigte diese Notiz dahin, daß seine Entlassung nur wegen seines jüdischen Glaubens stattgefunden habe, diese Berichtigung wurde jedoch nur theilweise abgedruckt, und nun erließ Herr Marx am 22 Juni im „Berliner Tageblatt" eine längere Erklärung, in welcher er die Gründe seines Ausscheidens aus der Vossischen Zeitung auseinandersetzte und damit schloß, daß er Alles daran setzen müsse, den „Verläumder", der ein leichtfertiges Spiel mit der Wahrheit und einem Menschenschicksal getrieben, zu fassen. Daraus veröffentlichte die Voss. Ztg. am 22. Juni Abends eine Erklärung des Geh. Raths Lessing, in welcher bemerkt wurde, daß er der Kündigung des Klägers fern gestanden, erst nachdem eine vollendete Thatsache Vorgelegen, habe er davon erfahren, ebenso davon, daß Herr Marx Jude sei. Irr der Verhandlung, welche von 9 bis gegen 6 Uhr Abends dauerte, und in welcher der Kläger durch Rechtsanwalt Bernstein aus München, die verklagte Zeitung durch Rechtsanwalt Dr. Albert Träger vertreten waren, bot weniger die Beleidigung arr sich, als die Feststellung des Umstandes, ob thatsächlich der Glaube des Klägers bei der Lösung seines Kontraktverhältnisses von Einfluß gewesen Ist, ein Interesse für das Publikum. Sowohl Geheimrath Lessing, wie der Chefredakteur Stephany wiesen diese Annahme mit Entschiedenheit und Entrüstung zurück und führten die Thatsache ins Gefecht, daß sowohl früher Redakteure israelitischer Konfession an der Vossischen Zeitung thätig gewesen seien, als auch noch jetzt. Dem gegenüber erklärte außer dem Kläger auch der Feuilletonredakteur Schlenther, daß er den Eindruck gewonnen habe, als sei der wesentliche Grund der Amtsentlassung das Judenthum des Redakteurs Marx gewesen. Die beiden Anwälte bemühten sich nach Kräften, das Für und Wider der Sache ins rechte Licht zn stellen, bis endlich um ' 6 Uhr Nachmittags das Urtheil des Gerichtshofes auf Freisprechung: abgegeben wurde. Wie verlautet, will Herr Marx Berufung einlegem da er seiner Ehre nicht Genüge geleistet glaubt, und in der Berufungsinstanz neue Momente beibringen, welche für sein gutes Recht sprechen .sollen. * Berlin, 20. Dezember. „Zur Abwehr der Rassenhetze". Unter diesem Titel hatte der Buchdruckereibesitzer Herr Kaxl Küchenmeister zum Freitag Abend eine Versammlung von „Freunden und Gegnern" nach der Berliner Ressource in der Kommandantenstraße berufen, um zu einer öffentlichen Agitation gegen den Antisemitismus aufzufordern. Was vorauszusehen war, geschah. Die radaulustigen Hetzbrüder hatten vor der Zeit den Saal besetzt und ließen die später erschienenen Gesinnungsgenossen des Einberufers überhaupt nicht hinein. Sie wählten einen der Ihrigen, den Abgeordneten Werner, zum Vorsitzenden und suchten in bekannter Weise durch Schreien und Toben ihre- ' Meinung zu verfechten. Die weniger freidenkenden Männer, die zufällig Einlaß gefunden hatten, vertraten mit anerkennenswerthem Muthe ihre'. Ansichten, ernteten jedoch selbstverständlich nichts als Spott und ungezogene Behandlung seitens der Antisemiten. Es waren dies außer Herrm Küchenmeister noch die Herren Dr. Jakobowsky und Schriftsteller- Heinrich Blankenburg. Wir können die ganze Veranstaltung im Interesse der Sache'nur bedauern und möchten schon jetzt vor der geplanten Wiederholung dringend warnen. Antisemiten wollen nicht überzeugt sein, Lüge und Wahrheit vertragen sich aber einmal nicht. Die Männer, welche Wahrheit und Frieden zu verbreiten streben, sollen sich mit ihren Lehren an die breite Masse des Volkes in Wort und Schrift wenden, nicht aber die Radaulustigen zum Wettkampf auffordern. Denn für anständige Menschen blühen in den Versammlungen der Antisemiten keine Lorbeeren; an einer Stelle, wo allein auf die bösen Leidenschaften des Volkes spekulirt wird, werden Diejenigen, welche diesen Leidenschaften zu schmeicheln wissen, stets die Oberhand behalten. Der Kampf gegen den Antisemitismus aber kann nur geschehen, indem man jene Unwürdigen immer wehr und mehr isolirt, dann werden sie unfehlbar — wie sie schon begonnen haben — am eigenen Unfrieden zu Grunde gehen. ££■> Königsberg i. Pr., 15. Dezember. Der Sekretär der hiesigen Synagogen-Gemeinde, Herr Maximilian Klein, hat, wie in früheren Jahren, so auch diesmal eine tabellarische Uebersicht über die Wirksamkeit der Wohlthätigkeits-Vereine und Institute der Synagogen-Gemeinde zusammengestellt. Die Uebersicht erstreckt sich auf die nachfolgenden 13 Anstalten: Wohlthätige Gesellschaft, Chewra Kadischa, Frauenverein zur Unterstützung von Wittwen und Waisen, Frauenverein für Krautenpflege und Beerdigung, Weiblicher Verein für israelitische Armenpflege, Feuerungsverein, Legatenkommission, Dr. Kosch'sche Legatenverwaltung, Waisenhaus für Stadt und Provinz, Dr. Kosch'sche Waisen-Erziehungs- Anstalt, Israelitisches Stift, Studienbeförderungsverein und Bekleidungsverein. Das Vermögen dieser Anstalten re. beträgt zusammen 1,103,077 M. nebst 3 Grundstücken im Werthe von 114,000 M. — An Jahresbeiträgen wurden (bei 9 Vereinen) 18,320 M. gezahlt, an Untertstützungsgeldern 68,283 M. verausgabt. Das ist „praktisches Judenthum". # Hannover im Dezbr. Der Vorstand des Vereins zur Unterstützung israelitischer Armen und Beseitigung der Hausbettelei in hiesiger Synagogengemeinde veröffentlicht seinen (11.) Jahresbericht, aus dem die fortschreitend wohlthätige Wirksamkeit des Vereines auch unter den sich immer schwieriger gestaltenden Verhältnissen zu ersehen ist. Die Einnahmen (Beiträge von Mitgliedern 10,412 M.; Geschenke 755 M.; Zinsen von zeitweise belegten Kapitalien 118,67 M.) beliefen sich auf 11,287 M. 87 Pf. und die Ausgaben auf 10,698 M. 45 Pf. Nahezu die Hälfte der sämmtlichen Einnahmen (5054 M. 50 Pf.) sind auf Unterstützungen und Speisungen an durchreisende Arme verwandt, obgleich die Ausgaben für die unglücklichen ausgewiesenen Russen von dem hier' gebildeten Lokalkomitee bestritten wurden. Für hiesige Arme, 26 größentheils alte, schwächliche und erwerbsunfähige Personen^