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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-25 · Heft 52 (25.12.1891) · p. Seite 623

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 52 (25.12.1891)
Date
1891-12-25
Page
Seite 623 (sequence 11)
Language
German
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628 zuzuwerfen. Ohne sich umzusehen, verließ sie das Haus, denn sie befand sich in einer wahrhaft fieberhaften Erregung. Eine Sänfte brachte sie zur Stadt Rom. Daß war Alles zur Abreise bereit. Frank reiste mit zahlreicher Dienerschaft unter dem Namen eines bulgarischen Fürsten. Unter dem Gewirr von Leuten entkam sie unbemerkt. Frank benahm sich fein und rücksichtsvoll, und niemals verletzte seine unablässige Aufmerksamkeit das Zartgefühl Evas. Er hatte ihr einen besonderen Reisewagen angewiesen, welchen sie mit eineni Kammermädchen bestieg. Still fuhren Beide neben einander, uild nur selten wurde das Schweigen durch eine Bemerkung Evas unterbrochen. Als die. Reisewagen durch die Schloßstraße fuhren, vernahm man Läuten vom Thurm der Kreuzkirche. Das herrliche Geläute stimmte Eva unwillkürlich zur Andacht. Sie dachte an Stanislaus, an dessen Hand sie einst als glückliche Braut zur Kirche zu schreiten hoffte. Als die Wagen zum Wilsdruffer- Thor hinaus fuhren und sie noch einen letzten Blick auf den Zwinger und die Thürme rrnd Kuppeln warf, dachte sie an alle die glücklichen Stunden, die sie mit ihren Bräutiganr hier verlebte. Es überkarn sie eine tiefe Reue, heiß« Thränen ergossen sich über ihr Angesicht, aber es war — zu spät. Eva hatte einen großen verhängnißvollen Schritt gethan, den sie nie mehr zurückzuthun vermochte, und unerbittlich erfüllte sich nun ihr Schicksal. Heiinaths-Grinnerungen. Bon Wilhelm Gold bäum. Der Toast-Doktor. Jur ersten Kapitel ist er ein blondgelockter, helläugiger Knabe, von aller Welt verwöhnt und von seinen Eltern vergöttert. Der Vater, ein wortkarger, gewiffenhafter Beamter, widmet seiner Erziehung alle seine Mußestunden, wandert mit ihm zur Sommerszeit durch Wald und Feld, um mit ihm Schmetterlinge zu sangen und Käfer zu sammeln; die Mutter, eine zarte sanftmüthigc, gutherzige Frau, liest ihm jeden Wunsch von den Lippen und blickt immer wie betend gen Himmel, wenn sie an seine Zukunft denkt. Es däucht ihr ganz zweifellos, daß auf Emils weißer, schöngeformter Stirn das Zeichen einer großen Laufbahn stehe; aber mitunter, wenn-sie, still vor sich hinsinnend, überlegt, ob er zum Dichter, zum Künstler, zum Gelehrten vorbestimmt sei, wird sie von seiner unheimlichen Ahnulig angefröstelt, als ob all' ihr Träumen und Sorgen in einem unsäglichen Jammer enden könnte. Jede Mutter hat, ohne es zu wissen, ein prophetisches Herz. Emil ist der Liebling seiiur Lehrerin der jüdischen Schule unserer Vaterstadt, er besitzt keierlei schlimmen Hang, er hat, wie es sein Alter mit sich bringt, kindische Wünsche und Neigungen, tvelche niemals durch Vorwitz oder Altklrigheit entstellt werden. Aber da und dort geschieht es. daß der sinnigen Mutter eine übergroße Redseligkeit an ihm auffällt, tvelche er weder von ihr, noch von dem Vater ererbt haben kann, und diese Redseligkeit erscheint ihr als etwas Fremdes, als ein verwirrender Schicksalszug in der Physiognomie ihres Kindes. Sanft und leise wehrt sie der Fülle von Worten, wenn Emil ihr mit geröthetem Antlitz seine Schultriumphe oder seine kleinen Siege auf dem Spielplätze erzählt; der Knabe jedoch schaut mit blitzenden Angen zu dem Vater herüber und liest in dessen Blicken Wohlgefallen und Ermuthigung. . . . Die Mutter haben sie hinausgetragen auf den „guten Ort"; sie ist mit einem Segen ans den Lippen gestorben, und dieser Segen galt ihrem fernen Sohne. Das war der Beginn des zweiten Kapitels. Ach, wenn eine Mutter stirbt, so ist es immer ein tiefer, unendlich schmerzhafter Einschnitt, als ob etwas Heiliges verginge und etwas Profanes in die Lücke drängte. Emil ist Student in einer süddeutschen Universitätsstadt. Durch zwei Fakultäten, die juristische und die medizinische, ist er bereits zwecklos hindnrchgeschlendert; jetzt ist er in der dritten, der philosophischen, eingeschrieben, aber die Vorlesungen üben keine Anziehung auf ihn, denn es ist ihm nicht gegeben, eine Stunde schweigend und horchend dazusitzen. Er will reden, immer reden; dazu ist die Korpskneipe der rechte Ort, rrnd wenn er einmal die Worte anders gesetzt hat, als es einem seiner Zuhörer genehm ist, so zahlt er baar und pünktlich mit einer Quart oder Prim die Sühne, welche von ihm gefordert wird. Er ist nicht feig wie die meisten Wortmacher in der Welt; er steht für die Sünden seiner Zunge muthig ein. Und er begeht diese Sünden nicht blos, weil er nicht anders kann; er begeht sie mit einer gewissen absichtlichen Seelenlust, denn die sind die Quelle des vielbeneideten Glückes, das er bei den Mädchen der Universitätsstadt findet. Sie lauschen ihm alle gern, wenn er spricht, sie hängen an seinem Munde, wenn aus demselben kataraktartig der Strom der Worte sich ergießt, und sie sind in ihn bis über die kleinen Ohren verliebt, wenn er neben ihnen, die Kappe schief über das blonde Haar gestülpt, die Reitgerte in der Hand, die große Ulmer Dogge an der Leine führend, den Philosophenweg dahinschreitet. Er braucht auch um die Notbdurst des Tages nicht zu sorgen, denn sein Vater, der mutterseelenallein gebliebene Wittwer, theilt redlich mit dem fernen Sohne seinen ansehnlichen Gehalt. Das gilt freilich in den schelmischen Augen des brünetten Professorentöchterleins nicht viel, das mehr als die anderen Mädchen sich an seinem Anblicke und seiner Rede freut; aber immerhin hüpft auch dem dunklen Gretchen das Herz im Leibe, wenn es sieht, wie Emil, in einer Extrapostchaise lehnend, auf deren Bock der schmucke Postillon die lustigsten Melodien bläst, durch die Gassen saust, während andere Studenten verkümmert und schüchtern über das Trottoir schleichen. Gretchens Vater, der Professor der Kunstgeschichte, ist selbst ein an gestaunter Schönredner, er rühmt sich italienischer Herkunft und ver gleicht gern sein herrliches Töchterlein mit einer in den kalten Norden verpflanzten Pinie. Die Semester rücken unaufhaltsam vorwärts; bald ist ein Dutzend voll. Und eines Tages legt sich auch der Wittwer in der Ferne zur elvigen Ruhe nieder. Da ist es mit der Studentenherrlichkeit jählings aus und Emil scheut sich vor der Pinie, daß er fortan nicht mehr die Dogge ernähren und mit der Extrapost fahren kann. Der Vater- Hat nichts hinterlassen. Ohne Abschied verschwindet Enril aus der dentscheu Universitätsstadt; er hat droben im deutschen Norden als Harrslehrer eine Stelle gefunden. Karge Entlohnung und vier Bursche, die einarider au geistiger Sprödigkeit und moralischer Untauglichkeit übertresseu. Es ist eine bittere Noth. Emil nimmt sich zusammen, er zwingt sich, der lateinischen und griechischen Grammatik Gefallen abzugewinnen, arrs der Lektüre des Nepos und des Cäsar Erbauung für seine enttäuschte Seele zu schöpfen. Er ist ein Märtyrer der Pflicht. Aber rvährend er im Innern daran verzweifelt, seinen Schülern zum leuchtenden Vorbilde zu werden, haben Andere in der leichtlebigen nordischen Stadt, mit benen er in flüchtige Berührung gerathen, erstaunlich schnell heralisgefnnden, worin die eigentliche Stärke seiner Begabung wurzle. Es ist ein Redner, den man in der Gesellschaft trefflich gebraucheii kann. Jeden Abend ist irgendwo ein -plendides Souper, jeden Sonntag ein opulentes Mittagmahl; an feinem nehmen weniger als zwei Dutzend kundiger Feinschmecker und eleganter Fralien Theil. Diesen Soupers und Diners aber fehlt leider die Würze der Rede, denn es existirt zur Zeit Niemand in der lebensfrohen Gesellschaft der Stadt, der einen zündenden Toast auszubringen vermöchte. Der alte Sanitätsrath, der bisher als virtuoser Toast-

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