Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1891)
- Date
- 1891-12-25
- Page
- Seite 622 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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ich täglich Dein gedenke. Bleibe mir tre», wie ich Dir treu bleibe, und Niemand kann unserer Liebe etwas anhaben. Leb wohl, leb wohl, theure Eva, innig geliebte, treue Braut! Stanislaus Lubomirski." Eva sank zusammen, als sie diese Zeilen gelesen hatte. Sie war tief erschüttert. Für lange Zeit mußte sie ihre Hoffnungen vertagen, und als einsam Verlaffene stand sie in der fremden Stadt, in der ihre Person der verschiedenartigsten Beurtheilung ausgesetzt war. Die Einen hielten sie für eine politische Spionin, die Andern blos für die Geliebte des jungen Lubomirski, Alle aber für eine geheimnißvolle Abenteurerin. Diese Gerüchte waren ihr wiederholt zu Ohren gekommen. Ein unnennbares Weh überkam sie, so etwas wie Heimweh. Sic begann zu schluchzen, und Thränen ergoffen sich über ihre Wangen. Sie weinte lange. Sie merkte gar nicht, daß der Abend hereingebrochen war, und längst herrschte schon tiefe Dunkelheit, als sie aus ihrer Lethargie erwachte. Sie begab sich zu Bett und schlief rasch ein. Der freundliche Traumgott tröstete sie und zauberte ihr des fernen Geliebten Bildnis; vor. Sie sah sich auf einem Throne sitzen und Alles kniete vor ihr und betete sie an. Gesänge ertönten, Musik und Orgelklang glaubte' sie zu vernehmen und Weihrauchduft umgab sie, und „nzähligc Stimmen sangen: „Lob und Preis der holden Emlina, der göttlichen Sephira Tiphereth!" Eva war entschlummert. Am andern Morgen wurde ihr ein Fremder gemeldet. Sie befahl, ihn einzulassen. Der Fremde trat ein. Eva fuhr zusammen. Sie erkannte Frank, obwohl derselbe in Kleidung und Haltung sehr verändert erschien. „Sei mir gegrüßt, holde Emuna," sprach er, „sei mir gegrüßt, schöne Sephirah Tiphereth." Eva war aufs Höchste überrascht : sie antwortete nicht. „Die Knechte der Sünde vermochten nicht in Banden zu halten den Gesandten des Herrn," sprach Frank, „der Herr löste ihm und seinen Gläubigern die Fesseln, sie aber, die ihn in Banden schlugen, sind unter sich uneins und ihr Reich geht zu Grunde. Z» ihm aber seinem Gesalbten, sprach der Herr: Ziehe hin, ziehe gen Westen, Du sollst mir ein neues Reich gründen, ein Reich der Seligkeit, in welchem sich sammeln alle die, welche Antheil haben sollen an meiner Heiligkeit. Ziehe hin zur deutschen Königstadt, befreie dort die holde Emuna, die verfolgt ist von den Thoren und Ungläubigen, und gründe mit ihr das Reich der Glückseligen, das der Welt zu schauen bisher versagt ward." Eva war. als ob sie träumte, jo hatte sie die Erscheinung des Juden überrascht. Sie versank bei seiner Rede in ein tiefes Sinnen. Sie erinnerte sich wieder an alles das, was sie von der Gräfin Mosczinska über die jüdische Geheimlehre vernommen und wie die Lehren des alten Frank dort selbst eine Bestätigung erfahren hatten. Frank hatte ihr ja nie Uebles zugefügt. Sie wurde in seinem Hause geradezu wie eine Fürstin gehalten und behandelt, und sie hatte daher Ursache, seiner nur dankbar zu gedenken. Nach einer Weile der Ueberlegung kam sie zu dem Ergebniß, daß sie Veranlassung habe, sich über das Wiedersehen zu freuen. „Und wie geht es Erich, Vater, und was gedenkt Ihr zu thun?" fragte Eva. „Viele Tausende mehr haben sich heute zuin wahren Glauben bekannt, viele Tausende legen mir ihr Vermögen zu Füßen. Die Ungläubigen glaubten mich zu vernichten dadurch, daß sie mich in den Kerker warfen, aber die Gläubigen wurden nur in ihrem Glauben befestigt. Jedermann sah, daß die Gottlosen zu vernichten trachteten den Gesandten des Herrn. — Und eine große Kaiserin des Ostens nahm ihn unter ihren Schutz und sie öffnete ihm das Herz eines Fürsten, in dessen'Schloß er nun einzieht, um aufzurichten sein Reich sein Reich ist aber nur halb, und die wahre Erlösung der Welt kann sich nicht vollziehen, so lange er nicht mit sich führt die holde Emuna." Eva hörte die Stimme des Versuchers und schwankte. Sie kannte ja sein Lügengewebe nicht; nichts war ihr von den Erlebnissen der gegen ihn eingeleiteten Untersuchung bekannt. Sie hielt ihn für einen ungerecht Verfolgten, und im Stillen hatte sie sich schon lange Vorwürfe gemacht, daß ihr im Beisein von Stanislaus ihrem Pflegevater gegenüber eine Aeußerung entfahren war, welche demselben geschadet und vielleicht seine Verhaftung herbeigeführt hatte. Seine Lehre waren ihr fremd, lind man hatte diese imnier vor ihr verborgen gehalten. Sie konnte nicht schlecht sein, denn Frallk selbst benahm sich liebevoll gegen sie; er war ein Wohlthäter der Armen, und sein gesummtes Leben, so wie sie es äußerlich kennen gelernt hatte, gab zu keinem Tadel Veranlaffung. Sollten es nicht falsche Anklagen und Verläumdungen gewesen sein, welche ihn in den Kerker brachten? Die Vorwürfe, welche sie sich ihm gegenüber zu machen hatte, ließen sich daher lauter und vernehmlicher hören, und sie empfand Reue über ihre gegen Frank erhobene Anklage und ihre Flucht. Eva war seit der Entfernung von Stanislaus, die nun schon Monate lang dauerte, in Dresden mit einem Male eme Verstoßene und eine Verlassene geworden. Hilflos stand sie da, von der Gesellschaft wie eine Verdächtige beobachtet. Die große Welt, in der sie verkehrte, hatte ihr nur Unannehmlichkeiten und Verdruß gebracht. „Ja, Vater," sprach sie, „ich will es; bereuend, aber aufrichtig bereuend kehr ich zu Dir zurück. Nimm mich auf und verzeihe mir. Vielleicht finde ich bei Dir den Frieden, den mir die Welt nicht gewähren konnte." „Ja, ich verzeihe Dir," sprach Frank. „Koinine an mein Herz, göttliche Emuna, komm an mein Herz und — sei mein!" Eva zauderte eine Weile, dann sank sie Frank in die Arme. „Ich wohne in der Stadt Rom," sprach Frank beim Weggehen, „komme in einer Stunde dorthin. Wir reisen sofort ab nach unserem neuen Zion." Eva versank in langes Nachdenken. Der Jude schien wie ein Erretter. Stanislaus war für sie, nach ihrer Meinung und nach den Nachrichten, welche aus Warschau im Palais Lubomirska einliefen, zunächst nicht erreichbar. Er war fern, es war keine Aussicht vorhanden, daß er in den nächsten Jahren zurückkehrte. Sie ging auf ihr Zimmer und schrieb einen Brief an die Gräfin, durch welchen sie derselben für die erwiesenen Wohlthaten dankte, aber zugleich erklärte, daß ihr ein ferneres Verbleiben im Lubomirskischen Hause unmöglich sei. Auch an Stanislaus schrieb sie. Ihr Brief lautete: „Lieber Stanislaus', Unter heißen Thränen sage ich Dir Lebewohl. Ich gebe Dir hiermit Dein Wort zurück, weil ich befürchten muß, daß Du nicht im Stande bist, daffelbe einzulösen. Unsere Liebe war ein schöner Traum, und es hat mich lange, schwere Kämpfe geostet, ihr zu entsagen. Wärst Du hier geblieben und hättest Du mich gegen den Verdacht geschützt, mit welchem man inich kränkte, ich hätte mich dann nicht schützunb hilflos gefühlt; ich hätte Kraft zum Aus- Harren gefunden. Die Elternlose hat in denr Hause Deiner Mutter nicht die Heimath gefunden, die sie suchte. Arm und verlassen, wie ich gekommen, gehe ich wieder. Lebe wohl, Stanislaus, lieber, theurer Stanislaus, lebe wohl, lebe wohl auf ewig! Eva." Eva siegelte die Briefe und legte sie auf ihren Schreibtisch. Dann machte sie sich rasch reisefertig. Alles, was sie that, unternahm sie mit einer unbegreiflichen Hast und Ueberstürzung. Als sie tveg ging, nahm sie sich nicht einmal die Zeir, dem trauten Zimmerchen, in welchen! sie so lange behaglich gewohnt hatte, noch einen Blick des Abschieds