Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1891)
- Date
- 1891-12-25
- Page
- Seite 621 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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621 -«»- FEUILLETON Der heilige Herr. Historischer Roman von Ferdinand Dieffenbach. (Fortsetzung.) Zwölftes Kapitel. Das Räthsel der Geburt. „Mutter," sprach eines Tages Stanislaus zur Gräsiir Lubomirskä, als er mit ihr und Eva vertraulich sich zusammen befand. „Mutter, Eva und ich, wir sind hier Beide mit unserm Lose zufrieden und ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie meiner Braut ein Asyl geboten, aber ich finde, daß damit »och keine gesunde Lage geschaffen wurde. Es muß Klarheit in die Stellung Evas gebracht werden. Eva ist bis zum heutigen Tage mir Gast in unserm Hause: unsere Berlobling gilt zwar als feststehend, aber sie ist noch nicht offiziell bekannt gemacht, und vor der Welt ist Eva wohl Ihre Freundin, gnädige Mama, Ihre Schutzbefohlene, aber noch nicht Ihre Tochter." „Mein Sohn," antwortete die Gräfin, „ich selbst hatte bisher keine Veranlassung, auf eine Entscheidung zl> drängen. So lange Eva nun meine Freundin, meine Schlitzbefohlene ist, gehört sie mir und Dir gemeinsam. Eva ist mir eine sehr liebe Freundin geworden, und wie ich mich auch über ineine zukünftige Schwiegertochter freue, so denke ich doch nicht ohne Schmerz an den Tag, wo sie Gräfin Lubomirska wird und wo Dil die größere Hälfte des Antheils für Dich in Anspruch nimmst. Und Eva, denke ich, muß ebenso empfinden." „Ja, gnädige Gräfin," antwortete Eva. „Die Ungeduld von Stanislaiis habe ich bisher nicht getheilt. Sie glauben nicht, tvie glücklich es mich macht, nur den Gegenstand meiner Liebe mir nahe zu wisseir, und wie sehr ich dankbar bin für die Sorgfalt und Zärtlichkeit, die Sie, gnädige Gräfin, der Fremden gegenüber an den Tag legen." „Ich weiß es wohl," sprach Stanislaus, „Eva ist zu bescheideu, zu anspruchslos, aber denken Sie, liebe Mutter, der Tag muß doch kommen, wo ich Eva der Welt offiziell als meine erklärte Braut, als meine Gattin vorführen kann!" „Hier kann nur die Zeit helfeil," antwortete die Gräfin, „nur geschickte Nachforschungen und glückliche Nebenumstände können uns behilflich sein. Wir müssen vor Allem den Schleier lüften, der Evas Geblwt umgiebt. Noch lvissen wir auch keine Silbe über ihre Herkunft. Der Hüter ihres Geheimnisses .sitzt in den Kasematten von Czenstochau." „Eva ist von hoher Geburt," sprach Stanislaus. „Ich war selbst zugegen, als der alte Frank sagte: „Siehe, ist sie nicht wie eine Prinzessin, ja, sie ist eine Prinzessin! Darum müssen wir Sorge tragen, daß ihr ein Rang, eine Stellung verliehen werde. König Stanislaus August ist linser Freund. Es wird ihm leicht werden, Eva in den Adelstand zu erheben, damit sie die Bedingungen, welche Rang und Stand für unsere Heirath erfordern, erfüllt. Ich will nach Warschau reisen und das Erforderliche veranlassen." „Daran wirst Du wohl thun," antwortete die Gräfin, „denn cs ist mir schwer möglich, alles das, was in dieser Angelegenheit geschehen muß, schriftlich zu erledigen. Du mußt unsere Freunde in Warschau aufsuchen, ihren Einfluß aufbieten, um Formalitäten abzukürzen und die einflußreichsten Minister in der Stille und unter der Hand zu gewinnen suchen." Eda war über den Entschluß ihres Geliebten unbeschreiblich unglücklich. Sie versuchte alles Mögliche, ihn von demselben abzubringen, aber die Bemühungen waren vergeblich. Eva erschien bei dem Abschied von ihrem Geliebten ruhig und gefaßt, innerlich war sie auf das Tiefste ergriffen. Mit der Gräfin Lubomirska hatte sie Stanislaus eine Strecke das Geleit gegeben. Mit dem Reisewagen, der an einer Biegung der Straße sich den Blicken der beiden Frauen entzog, schien ihr mit einem Male ihr ganzes Lebensglück entschwunden zu sein. Schluchzend trat sie mit der Gräfin den Heimweg an. Ihren Geliebten, der heiter und lächelnd in der Karosse dahinfuhr, glaubte sie für immer verloren zu haben, und sie weinte um ihn, wie man einen Tobten beweint. Still und in sich gekehrt verbrachte sie nun die Tage. Der Zuspruch der Gräfin vermochte sie nicht zu trösten. Dann trat eine neue Wendung ein. Sie empfand das Bedürfniß, sich auszusprechen. Sie suchte Trost und Rath. Da erinnerte sie sich der alten Gräfin Mosczinska, welche ihr bei jener Soiree im Palais des Herzogs von Kurland so viel Theilnahme bewiesen. Sie ging hinüber nach der Altstadt, wo sich das Palais der Mosczinska's befand, und suchte die Gräfin auf. Die Mosczinska hatte von ihrer Mutter eine gute Dosis Aberglauben geerbt. Sie wurde daher in eine wahre Ekstase versetzt, als ihr Eva die seltsamen Szenen schilderte, deren Zeuge sie im Hause Franks war, und namentlich die Erzählung von der Geburt Evas eeregte ihr höchstes Erstalinen. Eva, das einsame, nur mangelhaft unterrichtete, zur Schwärmerei neigende Mädchen, hatte sich durch-den Verkehr in der hohen Gesellschaft bereits in abergläubische Vorstellungen verstrickt und die Unterhaltung mit der seltsamen alten Dame war die Ursache, daß sie sich nun noch tiefer in denselben verwickelte. Sollten vielleicht die beiden Greise im Frank'schen Hause wahr geredet haben? War Frank kein Betrüger, sondern war cs doch vielleicht ein mit einer erhabenen Mission betrauter gotterfüllter Seher? Wer konnte ihr darüber Aufschluß geben? Jetzt in der neuen Umgebung vergaß sie allmählich die unangenehmen Eigenschaften des alten jüdischen Barons. Er erschien ihr, wie uns das oft mit Charakteren, die uns im persönlichen Verkehr unangenehm berührten, zu gehen pflegt, nunmehr, nachdem der Aufenthalt im Frank'schen Hause schon lange hinter ihr lag, in einem freundlicheren Lichte, denn nur sein Reichthum, seine Freigebigkeit, die Verehrung, welche ihr im Frank'schen Hause zu Theil geworden, lebte in ihrer Erinnerung, während sie sich in Dresden, seit ihr Geliebter die Stadt verlassen, mit einem Male mehr als je hilflos und verlassen vorkam. Dreizehntes Kapitel. Der Entschluß. Monate waren vergangen. Da brachte eines Abends Luise, das ammermädchen, Eva einen Brief, den die polnische Gesandtschaft durch einen besonderen Courier empfangen hatte. Der Brief war mit dem Wappen der Lnbomirski's gesiegelt, und die Handschrift war diejenige von Stanislaus: „Heißgeliebte Eva! Verzeihe mir, daß ich so lange nichts von mir hören ließ, aber der Dienst jagt mich von einem Ende der Stadt zum andern. Als ich hier ankam, fand ich Alles in einer furchtbaren Verwirrung. Der gute König Stanislaus Augllst ist von . Verräthern umgeben. Nirgends ist seine Person sicher. Keinem der polnischen Großen mag er sich zum Schutz anvertrauen. Bald nach meiner Ankunft wurde ich zum Kommandanten der Leibgarde ernannt; eine Ernennung, die ich angesichts der Freinidschaft, die Se. Majestät immer unserem Hause bewies, nicht ablehnen konnte. Nun muß ich aushalten, denn kein ehrlicher Soldat verläßt Reih und Glied im Angesicht des Feindes. Nächst meinen! Gott kommt für mich der König. Faste Dich in Geduld, Liebe, bewahre mir Dein I treues Herz; schließe mich in Dein Gebet ein, himmlische Eva, wie