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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-25 · Heft 52 (25.12.1891) · p. Seite 620

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 52 (25.12.1891)
Date
1891-12-25
Page
Seite 620 (sequence 8)
Language
German
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620 in denen wie Goethe selbst sagt „der Schlüssel zu Faustens Rettung enthalten ist, in seiner immer höheren und reinern Thätigkeit bis ans Ende und der ihm von oben zu Hilfe kommenden ewigen Gnade: Gerettet ist das edle Glied Der Geisterwelt vom Bösen, , Wer immer strebend sich bemüht. Den können wir erlösen; Und hat an ihm die Liebe gar Von oben Theil genommen. Begegnet ihm die selige Schaar 'Mit herzlichem Willkommen. In der Lyrik können die althebräischen Dichter den Wettstreit mit den Hellenen wohl aufnehmen. Es fehlt in der Bibel nicht an schwungvollen Liedern, in denen die Kampfeslust zur hellen Lohe entflammte, wie Psalm 20 und 83, oder der errungene Sieg dityrambisch gefeiert wurde, wie im uralten Liede der Debora. Eine Frau war es, die in der Zeit der Eutmuthigung den kriegerischen Geist des Volkes angefacht und den ruhmreichen Ausgang der Schlacht besungen hat. Für eine Dichterin wie Sappho, die größte Griechenlands, die „veilchenlockige, süßlächelnde" von Alkaios vielbesungene Freundin, die sich in Liebesgluth verzehrte, war bei den alten Israeliten kein Raum. Mit nicht geringerer Schwärmerei läßt aber auch der Dichter des der reinen Minne geweihten Hohenliedes die angebetete Sulamit die unvergleichlichen Worte sprechen: „Lege mich, mein Freund, an dein Herz wie ein Siegel, wie ein Siegel an deinen Arm; denn stark wie der Tod ist die Liebe, hart wie das Grab die Eifersucht, ihre Gluthen Feuergluthen, Gottcsflamme. Mächtige Wasser können nicht löschen die Liebe und Ströine sie nicht überfluthen. Die Liebe läßt sich um alles Geld nicht kaufen." Ein anderer Dichter preist di« Frau in einem Gedichte (Spr. 31), das man Frauenlob bezeichnen könnte und das wunderbar anklingt an die herrlichen Strophen in Schillers Glocke, welche mit den Worten beginnen: „Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus und drinnen waltet die züchtige Hausfrau." Der Freundschaft ist das Klagelied gewidmet, welches David beim Tode Jonatans angestimmt hat. Den größten Triumph feiert die hebräische Lyrik in den Psalmen, in denen der Schmerz über das irdische Leid, die jauchzende Freude über das Glück, die Furcht vor dem nahenden Mißgeschick, die Hoffnung und das Vertrauen auf eine höhere Macht, die uns leitet und beschützt, die Begeisterung für alles Gute und Edle und die Bescligung, die der Mensch empfindet, wenn er sich eins mit seinem Schöpfer weiß, kurz Alles, was das menschliche Herz tief und innig bewegt, die ganze Skala der menschlichen Empfindungen ihren getreuen wahren und warmen Ausdruck findet. Die Psalmen haben durchaus einen religiösen Charakter. Ihre Dichter sehen im Erdenleben, wie in den leuchtenden Himmelsräumen nur das Spiegelbild des einen allumfassenden Gottes, dessen Stimme sie hören in dem brausenden Sturme, den sie meisterhaft beschreiben (Ps. 18 und 29), dessen Odem sie spüren, der allein die Natur belebt, deren Erscheinungen sie mit einer Schönheit ohne Gleichen schildern (Ps. 104), dessen Liebe sie in allen Regungen des menschlichen Herzen vernehmen. Die griechische Lyrik ist dem Kenner des klassischen Alterthums ein Gegenstand des Entzückens. Die Psalmen dagegen hallen in den Synagogen und Kirchen Jahrtausende fort, die Herzen erquickend , die grambeladenen Gemüther auftichtend und die Trost suchenden Seelen erhebend. Den griechischen Rednern stehen die Propheten gegenüber, für deren Erscheinung, die hebräische Prophetie, es in der Geschichte aller Völker keine Analogie giebt. Ihre Reden, oll dichterischen Schwunges, sind künstlerisch in ihrer Form, aber Anm. In Nr. 51 S. 607 Z. 42, muß es heißen: Das Knie beuvor Gott in den Staub sinkt. Der Vers. nicht künstlich, wie die eines griechischen Rhetors, sondern die Ergießung eines von Gott durchglühten Gemüthes, der Nachhall der Worte, die auf dem Sinai ertönten. In der Wissenschaft, in ihren verschiedenen Zweigen, wie Naturkunde, Astronomie, Mathematik, und Medizin haben die Israeliten älterer Zeit, soweit wir nach den erhaltenen Urkunden ihres geistigen Lebens urtheilen können, sehr wenig geleistet. In dem Trieb der Erhaltung ihres Volksthums, das mit der Religion eng verwebt war, haben sie ihre ganze Kraft in den Dienst der Erforschung und Vertiefung der Bibel und der Fortbildung des das ganze Leben durchdringenden religiösen Gesetzes gestellt. Sie sahen in der Bibel den Urquell aller Weisheit, die ihnen Aufschluß gab über den letzten Grund der Dinge, die Ordnung der sichtbaren Welt, über den Zusammenhang der Seele des Menschen mit dem Allgeiste, sowie über dessen sittliche Bestimmung. Die Bibel war ihre einzige, ihre ganze Philosophie. Nachdem sie seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. mit der Kultur der Griechen in nähere Berührung kamen, drangen bereit philosophische Ideen einzeln, nicht in abgeschloffenen Systemen in ihren Gedankenkreis und wirkten mannigfach anregend auf denselben. Diese Ideen schimmern durch einige Schriften der Juden jener Zeit hindurch. In Alexandrien schlossen sich die Jude», losgelöst vom nationalen Leben Palästinas, dem griechischen Geistesleben enger an. Hier hat, was die gewaltsame Hellenisirung des Antiochus Epiphanes nicht vermocht hat, die Freiheit, die man den Juden gewährte, zu Wege gebracht. Hier hat sich der jüdische Geist mit dem griechischen Gedanken vermählt, nicht, wie er in dem sich bereits zersetzenden Mylhos, sondern, wie er in der Wissenschaft sich aufgehellt hat, und eine eigenartige Litteratur hervorgebracht, die jüdisch-hellenistische. Hier wurde die Bibel zuerst in die griechische Sprache übersetzt und drang in diesem neuen Gewand erobernd in das Abendland ein und Vertrieb die Götter vom Olymp. Hier lebten, um nur einige Beispiele anzuführen, der jüdische Dichter Ezekielos, der den Auszug aus Aegypten draniatisirt, und Theodolus, der ein Epos über den Raub der Dina, der Tochter Jakobs, verfaßt hat. Vor Allen ist aber Philo zu nennen, der vermittelst der Allegorie die griechische Philosophie mit der Bibel in Einklang zu bringen gesucht hat, was nicht immer ohne Zwang gelang, ein origineller Philosoph, dessen Sprache schon die Alten mit der Platos verglichen haben und dessen Gedanken durch ihre mystische Fassung auf die Entwickelung des Christenthums. das sich aus die Verschmelzung des Judenthums und Hellenismus gestützt hat, einen großen Einfluß ausgeübt haben. Juden waren es, welche nahezu ein Jahrhundert später an der Seite der Araber durch zahlreiche Uebersetzungen griechischer Schriften einen Theil der versunkenen geistigen Schätze von Hellas gehoben und geborgen haben zu einer Zeit, als das Abendland noch in den Fesseln der Barbarei lag. Die Juden haben im Mittelalter zur Erhaltung der griechischen Kultur soviel beigetragen, wie irgend ein arischer Stamm, und dadurch ihren kosmopolitischen Charakter auch auf dem Gebiete des geistigen Lebens bekundet. Sie suchten die Wahrheit, gleichviel ob sie auf dem Sinai in der Religion offenbart wurde oder in den erleuchteten Geistern von Hellas in der Wissenschaft aufgegängen ist. Wir gleichen der Erde, die sich um eine doppelte Achse bewegt. Die eine Achse ist das geistige Gut, das wir von den Vätern geerbt, an dem wir unerschütterlich festhalten, die andere Achse ist die allgemeine Kultur der Menschheit, nach der wir in redlichem Wettkampf ringen. In dieser doppelten Bewegung, in dieser zwiefachen Weise, in der wir uns als Israeliten zurückblickend auf die Vergangenheit und als Menschen ausschauend in die Zukunft bethätigen, ruhen die Wurzeln unserer Kraft. ■u j.l

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