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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-25 · Heft 52 (25.12.1891) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 52 (25.12.1891)
Date
1891-12-25
Page
Seite 619 (sequence 7)
Language
German
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619 Das ist zweifellos richtig und sehr bedauerlich. Wustmann läßt denn auch seinen Unmuth an den „Zeitungsschreibern" weidlich aus. Er hat aber offenbar das Bedürfniß, irgend jemand noch ganz besonders für diesen traurigen Sachverhalt verantwortlich zu machen, und da fällt ihm natürlich zuerst „der Jude" ein. Bevor er die Feindseligkeiten auf der ganzen Linie eröffnet, schickt er zunächst folgende Bemerkung als Plänkler voraus: „Zum Zeitungsgewerbe drängt sich alles, was anderwärts Schiffbruch gelitten hat. Noch nie wird man gehört haben, daß ein deutscher Junge auf die Frage: was willst du werden? geantwortet hätte: ich will Zeitungsschreiber werden. Ein Judenjunge vielleicht." Da wäre der Judenjunge ja eigentlich zu loben, daß er gleich auf die Zeitungsschreiberei lossteuerte, ohne erst einen anderen Beruf zu verfehlen! Wollen wir denn aber wirklich das Urtheil des deutschen Jungen als entscheidend gelten lasten? In gewisten Jahren pflegt der Kutscherbock oder das weite Reich des Konditors das' Ziel seiner Zukunftsträume zu sein. Und wenn er reifer wird — wenn er etwa als Primaner Freytags Journalisten liest —ist es nicht recht wohl denkbar, daß er Lust bekäme, es dem Konrad Bolz nachzuthu»? Aber man „wird" eben überhaupt nicht Journalist, wie etwa Arzt oder Bäcker, ebensowenig wie man durch Zurücklegen eines vorgeschriebenen Bildungsweges mit obrigkeitlichem Befähigungsnachweis Dichter — oder Stadtbibliothekar in Leipzig werden kann. Jndeffen für uns handelt es sich nicht um die Zeitungsschreiber, sondern um den Judenjungen, der hier in wegwerfender Weise dem „deutschen" Jungen gegenübergestellt wird. An einer späteren Stelle des Buchs gebraucht Wustmann einmal in ähnlicher Gesinnung den Ausdruck „deutschredender Jude". Für ihn sind wir offenbar keine Deutschen, sondern Ausländer, die sich mit der fremden deutschen Sprache abfinden, so gut sie können. Der jüdische Leser des Buches, der seiner deutschen Muttersprache in Liebe anhängt und gerade deswegen dem Verfasser bis hieher zustimmend gefolgt ist, bekommt an dieser Stelle gleichsam einen Schlag ins Gesicht. „Zurück, Judenlunge! Du gehörst nicht dazu, wenn wir Deutschen von unserer Sprache reden!" — das liegt für unser Gefühl in jenem rohen Worte. Bestätigt wird diese Auffassung durch folgende Sätze Wustmanns, die an Deutlichkeit nichts mehr zu wünschen übrig lassen: „Ein großer Theil unsrer Zeitungen, vielleicht der größte und einflußreichste, wird von Leuten geschrieben, die einem fremden Volke angehören, deren Großeltern, ja deren Väter und Mütter vielleicht das Deutsche noch nicht als ihre Muttersprache gesprochen haben! So flink sich auch der Jude, wie in alles, lvas mit dem bloßen Verstände zu erreichen ist, in die Elemente der deutschen Grammatik findet, so flink er auch seinem Geschreibsel den Schein einer leidlich richtigen Papiersprache zu geben weiß: wo es auf's Sprachgefühl ankommt, bleibt er doch ewig der Fremde." Also der Jude hat kein Sprachgefühl und wird in diesem Punkte ewig der Fremde bleiben. Mit welcher beneidenswerthen Sicherheit Herr Wustmann in die Zukunft blickt! Um so getrübter scheint aber sein Blick für die Vergangenheit zu sein. Er hätte sonst vielleicht hier und da in der deutschen Litteratur, und nicht gerade in den Niederungen des Gebiets, Juden erblickt, deren Sprachgefühl doch schon bis zu einem schätzenswerthen Grade entwickelt war. Allerdings ist es, um an ein Wort Kants zu erinnern, nicht jedermann gegeben, so elegant zu schreiben, wie der Jude Moses Mendelssohn. Aber sollte nicht auch der Jude Heiürich Heine einiges Gefühl für den Geist der deutschen Sprache besessen haben? Erwecken seine Gedichte wirklich nur den „Schein einer leidlich richtigen Papiersprache"? Und wie steht es mit dem Juden Michael Bernays, dem feinsinnigen Begründer der Goethe-Philologie? Will Herr Wustmann ihm im Ernste kein Sprachgefühl zuerkennen? In dem „Geschreibsel" deS Juden Berthold Auerbach finden sich allerdings bisweilen störende mundartliche Wendungen, aber sie stammen nicht aus dem Ghetto sondern aus Württemberg, denn der Jude konnte eben nicht aus seiner süddeutschen Haut heraus. Und uni auch einen Lebenden zu nennen, so hat sich der Jude Daniel Sanders doch wohl nicht blos verstandesmäßig „in die Elemente der deutschen Grammatik gefunden", sondern ist vom deutschen Volke willig als Meister und Lehrer seine Muttersprache anerkannt worden. Diese Beispiele könnten natürlich leicht vermehrt werden, aber schon ein einziges genügt, nm zu beweisen, daß der Jude nicht unter allen Umständen, seiner Natur nach, dazu verurtheilt ist, als ein ewig Fremder in der deutschen Sprache herumzupfuschen. Wustmann bleibt aber nicht bei den angeführten allgemeinen Vorwürfen stehen, er malt die Sprachsünden der Juden auch im einzelnen aus. Wir wollen uns seine Bemerkungen in einem folgenden Artikel einmal etwas näher ansehen. d Olymp und Sinai. Von Dr. Heinrich Groß in Augsburg. (Schluß.) Das griechische Drama, speziell die Tragödie, ist aus dem Kultus de? Dionysos hervorgegangen, aus der Festfeier, die man diesem Gotte und auch anderen Göttern;u Ehren veranstaltet hat. Der Mythos durchzieht die Dramen der größten griechischen Tragiker,Aischylos, Sophokles und Euripides. Wie Aischylos über das Walten der Götter denkt, haben wir bereits gehört. Der Mensch kämpft gegen das Schicksal, dem er erliegt, wenn er nicht ganz frei von Schuld ist. Der Fluch der bösen That erbt sich in den menschlichen Geschicken unerbittlich auf Kind und Kindeskinder fort. Das ist eine Anschauung, die dem Judenthum fremd ist, das den Hauptaccent auf die göttliche Barmherzigkeit legt. „Der Sohn," sagt der Prophet Ezechiel (18, 20), „soll nicht mittragen die Schuld des Vaters und der Vater nicht büßen für den Sohn." Milder denkt, wie wir bereits gesehen haben, Sophokles, der in seinen Dramen nicht übermenschliche, gigantische Kräfte, sondern die zarten Regungen der Liebe spielen läßt, die im Konflikt der menschlichen und göttlichen Mächte versöhnend zur vollen Geltung kommen. Ein solcher Konflikt besteht aber in der Bibel nicht, in der die Liebe Gottes und des Menschen z» einander Alles beherrscht. Euripides war der Philosoph der Bühne, der Verächter des alten Volksglaubens, der Darsteller der dämonischen Gewalten der inenschlichen Leidenschaften. Eine Tragödie, wie seine Medea, konnte bei der besänftigenden, versöhnenden Macht der religiösen Anschauung der Israeliten nicht aufkommen. Ein Drama eigener Art, nicht wie das griechische angelegt, aber in seinem Inhalte ergreifender und in seiner religiös-ethischen Tendenz höher, ist das Buch Hiob, das Lord Byron in seinen „Gesprächen mit Medwin" das erste Drama der Welt nennt und als eine der Quellen bezeichnet, aus denen Goethe seinen „Faust" geschöpft hat. Da wie dort tritt die Versuchung an den Menschen heran, da in der Gestalt des Satan, dort in der des Mephistopheles. Hiob wird durch Leiden erschüttert, aber in seiner Tugend nicht gebrochen. Faust schreitet durch das Ilebermaß der Befriedigung seines Doppeltriebs znin geistigen Erkennen und sinnlichen Genießen ganz nahe bis an den Abgrund, aber seine Seele füllt nicht dem Teufel anheim, denn er hat sich durch alle Wirrsah und Zweifel zur Klarheit durchgearbeitet. Da wie dort tritt die Erlösung ein. Hiob wird der ganzen Liebe Gottes theilhaftig, an der er im heißen Ringen mit dem Leid gezweifclt hat, und die Engel tragen, Faustens Unsterbliches emporschwebend mit den Worten,

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