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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-25 · Heft 52 (25.12.1891) · p. Seite 618

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 52 (25.12.1891)
Date
1891-12-25
Page
Seite 618 (sequence 6)
Language
German
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sind das Gefühle, welche die sittlichen Triebe in genügenden! Maße stärken können? Nein, und abermals nein! Wenn hinter dem von Menschen gegebenen Gesetz nicht eine höhere Idealität in Wirksamkeit tritt, religiöse Sittlichkeit, so schlägt man der Polizei und dem Recht ein Schnippchen. Wie wollt ihr diese unbedingt nothwendige Idealität, die uns eben sowohl über jedes Leid erheben, wie jeder Gesetzes-Uebertretnng unzugänglich machen fast, im Menschen anpflanzen? Nur durch Religion, kräftige Idealität gelangen wir dazu, daß wir mit „ganzem Sinne" ans die sittlichen Forderungen „bedacht" sind; und wer nicht so mit ganzem Sinne bedacht ist, wird dieselben oft genug, unwissentlich, aber doch thatsächlich verletzen. Wer sich nicht vor Lüge hütet, wird lügen; denn man lügt, auch ohne bestimmt lügen zu wollen, blos weil man sich davor nicht hütet. Vor jedem Gesetz, Gebot oder Verbot, steht unausgesprochen, wie ausdrücklich in unserm vierten: „Gedenke"! „Hab Acht"! Wie leicht verwirrt sich unsre Erinnerung! wie leicht gaukeln uns die Sinne etwas vor! wie oft meinen wir in unsrer Einbildung etwas gesehen oder gehört zu haben, was unser Auge und Ohr niemals wahrgenonlmen hat! Darum meine ich: Unablässige Furcht vor der Lüge, unablässige Achtsamkeit aus Wahrheit muß in unsrer Seele leben. Gewiß hat es auch in frühern Zeiten Juden gegeben, die meineidig geworden waren; die waren in der jüdischen Gemeinde als rohe Seelen erkannt und bekannt. Heute dagegen können wir es erleben, daß unter unfern Gebildeten Jemand selbst in hervorragender Stellung so schwört, daß mau sich fragen inuß, war das nicht ein Meineid? Und warum sollte das nicht sehr wohl sein können? Denn wie mancher ist gebildet in allem Wissen, geübt und verständig in jeder Kunst — aber sein Gemüth? Wer nicht schon in der Schule veranlaßt war, sich einmal, so gut er konnte, die Unendlichkeit, die Erhabenheit eines heiligen Gottes zu denken, und seine ganze Seele von dem Gefühle des allein Hohen, vor dem Astes niedrig ist, dnrchdringen zu lassen, und der also auch die Schauer menschlicher Nichtigkeit nie kennen gelernt hat: der mag ein guter Mathematiker oder Jurist u. s. w. sein, viel wissen, viel können — aber sein Gemüth wird öde sein, weil nur voll von sich selbst; was Wahrheit ist, wird er nicht verstehen, und wie man mit „ganzem Sinne" auf etwas bedacht sein kann — nun ja, wird er sagen, >venn man eine fixe Idee hat. Seine Definition von geistiger Gesundheit, Freiheit, Sittlichkeit möchte ich nicht hören; denn er hat es nicht in sich erfahren, wie jene Begriffe Wirklichkeit erlange». Also der langen Rede kurzer Sinn: laßt eure» Kindeul Religionsunterricht geben, „damit sie nicht meineidig werden?" Ja, ja! oder sagen wir lieber: damit sie den Namen Gottes nicht mißbrauchen, oder am allerliebsten: damit sie keinen eliillul haschem begehen! Mir Sprachverderber. Bon Heinrich Simon. Es ist schon lange her, da luden die Israeliten alljährlich ihre Sünden ans einen Bock und jagten ihn in die Wüste. Der Brauch ist abgekonimen, vielleicht weil der Juden und ihrer Sünden für einen Bock zu viel geworden. Was aber ein Sündenbock z» bedeuten habe, daS fühlen die Juden seil langer Zeit am eigenen Leibe. Wer hat die Pest verschuldet? Der Jude. Wer hat die Brunnen vergiftet? Der Jude. Wer richtet den Bauer zu Grunde? Der Jude. Ein Christenkilid ist verschwunden — der Jude hat's geschlachtet. Das Handwerk geht zurück — oü est le juif? Die deutsche Sprache verwildert. — Wirklich und wahrhaftig, lieber Leser, auch daran ist der Jude Schuld. Oder doch zum großen Theil Schuld — so versichert Herr Dr. Gustav Wustmann, Stadtbibliothekar und Direktor des Rathsarchivs in Leipzig. Er hat ein Buch geschrieben '), worin er dem vielen Falschen und Häßlichen, das wir täglich gedruckt lesen müssen, scharf zu Leibe geht. Er ist nicht der erste, der das thut; aber jeder neue Streiter im Kampfe um die Muttersprache ist willkommen, zumal wenn er eine so gute Klinge führt wie dieser. Man kann dem meisten, was er sagt, zustimmen, und die Form kurzer, frisch geschriebener Kapitel, die er für seine Darlegungen gewählt hat, sichert ihnen einen weiteren Leserkreis und größere Wirkung als andern Schriften ähnlichen Inhalts. Leider artet die Frische der Darstellung oft in eine geschmacklose Derbheit aus. Wustniann liebt es, die Sprachfehler mit den stärksten Ausdrücken zu brandmarken. Sie sind schmählich, abscheu- - sich, fürchterlich, entsetzlich, ganz unerträglich, geradezu abgeschmackt, geradezu greulich, unsäglich häßlich, geradezu beschämend, ii» höchsten Grade widerwärtig, ja sogar schauderbar (!); sie zeigen eine wahrhaft klägliche Hilflosigkeit, eine geradezu grauenvolle Verwilderung, eine traurige Verrohung des Sprachgefühls. So steigen die Sprachdummheiten von der „beliebten Unsitte" zum „groben logischen Verstoß" und „widerwärtigen Mißbrauch" auf, bis sie schließlich „in geradezu stumpfsinniger Weise" den „größten Greuel" der „Scheußlichkeit" erreichen. Da findet sich denn eine Beule oder Geschwulst am Leibe unserer Sprache, die geradezu Brechreiz erregt — Wnstmann ist eben recht oft ein wenig „geradezu" — mit besonderer Vorliebe wird uns aber der „Sprachunrath" vorgeführt, der einmal vor unseren Augen recht anschaulich „in die Sprache hiueinsickert", während an anderer Stelle vom „Sprachspülicht" -die Rede ist, das „mit Begierde hinabgeschlungen" werde.') Diese Maßlosigkeit des Ausdrucks schadet der guten Sache, die Wustmann vertritt; denn die beständige Uebertreibung stumpft den Leser ab, er wird um so kühler, je mehr sich der Verfasser erhitzt, und so wird die Absicht verfehlt. Doppelt bedenklich wird aber diese Art des Auftretens in den Fälle», wo der Leser nicht die Ueberzeugung gewinnt, daß die alleinseligmachende Wahrheit ans der Seite des eifernden Verfasiers ist. So z. B., wenn dieser es für ein Zeichen „böser Unwissenheit" erklärt, alle vierzehn Tage zu sagen; es müsse heißen aller vierzehn Tage. So böse unwissend sind nun aber auch Jakob Grimm und Daniel Sanders, und zwar in Uebereinstirnmung mit dem Sprachgebrauch, trotzdem Wustmann das Gegentheil, behauptet. Einer dieser heftigen und ungerechten Ausfälle geht nun. wie schon angedeutet, uns Juden ganz besonders an. Wustmann untersucht in der Einleitung seines Buches die Gründe für den unzweifelhaften Verfall unserer Schriftsprache und findet sie in dem Einflüsse des Kanzlei- und Amts - Stiles, m der Neigung der Deutschen zur Nachäffung des Ausländischen, vor allen: aber in dem Zustande der Tagespresse, der eigentlichen Brutstätte unserer Sprachverwilderung. Wustmann schildert diese Dinge i. A. zutreffend. Die Zeitungen sind in der That überwiegend schlecht geschrieben, und gerade sie wirken im höchsten Grade verderblich, weil sie für die Mehrzahl der Menschen den hauptsächlichen Lesestoff bilden. i ) Allerhand Sprachdummheiten. Leipzig, Fr. Wilh. Grunow, 1891. -) Wustniann schreibt übrigens weniger gut der Sprachspülicht Vgl. Dickicht, Kehricht.

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