Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1891)
- Date
- 1891-12-25
- Page
- Seite 616 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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MPWWMWWM MMWWMWY 616 jeder Jünger die eigene Ueberzeugung bilden. Dieser Gedanke ist nur lebendigen Thatsache geworden. Es gelang, und ich bin, wenn auf irgend etwas, darauf stolz, daß es gelang, daß ich die Herren von der Möglichkeit und Gedeihlichkeit ihres Zusammenwirkens überzeugen konnte; es gelang, daß Geiger und Israel Lewy, Cassel Und Steinthal nebeneinander lehrten und die Erben der Lehrstühle gleichen in der Verschiedenheit der Richtung ihren Vorgängern. M. H. Das Nebeneinander dieser Namen ist ein Programm! ein Programm, wie es deutlicher und glänzender kaum gedacht werden kann. Dem Streben nach solchem Programm entsprach es damals mit Recht, daß die Anstalt als eine vom Staat und von der Gemeinde unabhängige errichtet wurde. Mit Recht sage ich, denn es wäre (vielleicht!!) möglich gewesen, der Lehrstätte auch als Gemeindeanstalt — etwa durch die Anwerbung gerade derselben Lehrer — diese Freiheit der Wissenschaft zu geben; aber die Voraussetzung, den Ruf dieser Freiheit hätte sie in den Augen der Gemeinden draußen nicht besessen und schwer erworben. Heute steht die Sache anders, weil dieser Charakter der Hochschule eine eingelebte Thatsache ist; weder das Kuratorium — es mag von der Gemeinde oder der Generalversammlung gewählt werden — noch das Lehrerkollegium wechselt auf einmal; die erworbene, die feststehende Tradition wird sich erhalten; sie wird sich besonders deshalb zuversichtlich erhalten, weil sie einem hohen Ideal ebenso entspricht, wie sie dem echten und innersten Triebe der Wissenschaft des Judenthums entspringt. Diesem Programm der Lehranstalt entspricht auch der Erfolg aus aller Herren Ländern sind die Schüler dahergekoinmen. Aus Rußland und Polen, aus Galizien und Ungarn, aus England und Amerika; und wenn Anfangs sehr wenige deutsche Gymnasiasten als Studenten eintraten, jetzt aber weitaus die Mehrzahl derselben aus solchen besteht, die das deutsche Gymnasium absolvirt haben, dann darf mit Zuversicht behauptet werden: weil eine solche freie Lehranstalt da ist, deshalb wenden sich auch viele Gymnasiasten in Deutschland der Wiffenschaft des Judenthums zu. — Herr Blumenthal hat Ihnen gesagt, daß die Anstalt zu wenig Rabbiner ausgebildet hat, im Ganzen 31. Seltsain! er weiß es genau. Ich stehe in der Verwaltung der Anstalt seit ihrem Beginn, und ich weiß es nicht. Es kann es nämlich fast Niemand wißen. Kehren die Studenten in ihre Heimathsländer zurück und bleiben sie selbst in Deutschland und nehmen eine Stelle an, dann ist es nur ein Zufall, wenn wir es erfahren. Von den 31 wissen wir, daß sie Rabbinate angetreten oder, was ebenso lieb, Schuldirektoren geworden; von wie vielen wir es aber nicht wissen, können wir eben nicht wissen. — Wenn Herr Bl. ferner hervorgehoben hat, daß viele unserer Hörer n u einige Semester an der Anstalt gewesen, dann rathe ich ihnr und Jedem, zugleich die Thatsache genau zu erwägen, daß alle diese, welche nur einige Semester auf der Hochschule gewesen, vorher auf anderen Lehranstalten waren und hier ihre Reife suchten; daß dagegen Keiner von den unseren dann erst auf eine andere Anstalt gezogen (die einzige gewiß ehrenwerthe Ausnahme sei erwähnt, düß ein Hörer seinem Lehrer Lewy von hier nach Breslau nachgezogen ist). — Wichtiger als die Anzahl der Angestellten von unseren Hörer» ist, dem Charakter der Anstalt und dem Ideal einer freien wisienschaftlichen Ausbildung entsprechend, die verschiedene Richtung derselben, vermöge deren sie in Gemeinden von ebenso verschiedener Richtung fungiren; in der großen orthodoxen Geineinde Szegedin und i» der radikalsten von Amerika in Chicago, in Stockholm und Darmstadt, i» Temesvar und Göttingen, Bamberg und Berlin, auch in der portugiesischen Gemeinde von Belgrad lind an vielen Orten stehen unsere Zöglinge in Amt und Würden. — Unsere Hochschule ist ein menschliches Werk, d. h. unvollkommen genug; aber gegen- : über einer gegen sie gerichteten Verkleinerungssucht, haben wir ganz j vor Kurzem noch eine außerordentliche Genugthuung erfahren. Ein hervorragender Gelehrter an einer großen deutschen Universität sagte mir, daß von den Doctoranden unserer Lehranstalt noch Keiner zurückgewiesen worden, weil deren Arbeiten, bester oder schlechter, immer davon zeugen, daß sie einen wahre» Begriff von der Wissenschaft lind den echten und rechten Methoden derselben besitzen. Aus all diesen Gründen nun muß ich 1. gegen den Antrag des Herrn Makower (die 3000 Mk., welche der Vorstand als jährliche Subvention bewilligen will, abzulehnen) mich erklären. Herr M. hat diese ja nur saus Wohlwollen zu Gunsten seines zweiten Antrags: die; Anstalt gänzlich auf die Gemeinde zu übernehmen, ablehnen wollen. Nun aber müßte die Uebernahme erst von uns, dann vom Vorstande, dann vom Kuratorium der Lehranstalt, aber auch von der General- Versammlung ihres Vereins und endlich noch von der Staatsbehörde i genehmigt werden. Das kann Jahre dauern. Man darf doch einem Hungrigen nicht sagen, er solle in acht Tagen wieder kommen, dann - solle ein Fest und ihm Fisch lind Braten, Brod und Wein gegeben werden. Also vor der Hand 3000 Mk. jährlich Subvention. Sodann 2. beim Neubau in Nr. 31 neben der Synagoge ein geeignetes Lokal für die Hochschule in den Bauplan aufzunehmen, das ihr lunsonst oder gegen Miethe zur Verfügung zu stellen. Nicht wie das meist zu geschehen pflegt, daß erst für dies Bureau und jene Wohnung u. s. w. geplant und dann gesehen wird, ob und was etwa übrig bleibt: sondern vor Allem auf eine würdige Stätte für die Wissenschaft zu denken lind dann für alles Andere sorgen. Ist doch das, was die Hochschule sammt ihrer Bibliothek nöthig hat, mäßig und bescheiden in Umfang und Ausstattung. Dailii inag man 3. mit |. Ruhe und Bedacht darauf sinnen und darüber rathschlagen, ob etwa die hiesige Gemeinde im Verein mit 15 oder 20 anbereit größeren deutschen Gemeinden die Hochschule als eine „Deutsche Lehranstalt f. d. W. d. I.", oder allein als Berliner Gemeiildci anstatt unter ihre Obhut nehmen wolle. Die Ehre und die Pflicht, alte jüdische Tradition und neue Nothwendigkeit gebieten, daß wir solche That vollbringen. U Aas Zehn-Gebot. insbesondere das Verbot des Meineides. Von Prof. Dr. H. Steinthal. Vor etwa 50 Jahren ging in der hiesigen jüdischen Gemeinde > ein Lied um, verfaßt von Frl. Ahlifeld, das folgendermaßen begann: „Ich bin ein Jude! kennt ihr die Gesetze, Die Mose meinem Volk einst überbracht? ' Daß ich die heil'gen nimmermehr verletze. Darauf sei stets mein ganzer Sinn bedacht. — u. s. w." Man erkennt deutlich den beabsichtigten Anklang an das pat riotische Lied „Ich bin ein Preuße"; und es schloß: „Der Name muß uns ehren; er sei mein, er sei mein. Ich bin ein Jude, will ein Jude sein." Gewiß, verehrter Leser, wird dich der Name ehren, wenn du ihn ehrst und ihn zu Ehren bringst; und dies wirst du, wenn du - auf die Erfüllung der Gesetze, zumal des Zehn - Gebots mit I „ganzem Sinn" bedacht bist; denn letzteres ist der Inbegriff un- .1 serer ganzen Religion und Sittlichkeit. i In allen Schulen wird gelehrt, daß von den zehn Geboten die I ersten fünf unser Verhältniß zu Gott betreffen, die letzten fünf unser Verhältniß zum Neben-Menschen. Es ist aber echt jüdisch, daß bei dieser Eintheilung das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, als