Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1891)
- Date
- 1891-12-18
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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und die geistigen Schätze desselben nicht genügend kennen? Nur dadurch werden wir die Kraft und die Fähigkeit erlangen, die Grundlagen des Judenthums zu fefttgeu und das Ansehen unseres Glaubens zu heben, wenn wir durch die Kenntnis; itttff Charakterstärke unserer ruhmreichen tausendjährigen Vergangenheit an den Männern, die durch Wissenschaft und Charakterstärke hervorragten, uns aufrichten können/' Der neue Verein beabsichtigt, durch Vorträge, durch Gründung einer Bibliothek, ferner durch Diskussionsabende das Interesse für die geistigen Schätze unserer Vorfahren zu erwecken und zu beleben. Die Namen der Unterzeichner geben uns die Gewähr, daß unsere Wünsche für das Gedeihen des Vereins in Erfüllung gehen werden. * Crefeld, 11. Dezember. Aus Anlaß der S tad tra ths wa If len hat hier eine Versammlung stattgefunden, auf welcher der Stadtverordnete Direktor Dr. Wollseiffen Veranlassung nahm, das Treiben der Antisemiten mit scharfen, aber gerechten Worten zu geißeln und für die „Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz, welchen Glauben sie auch bekennen, und welcher Nasse sie auch durch ihre Abstammung angehören mögen", einzutreten. Er schilderte die Agitation, welche auf den „bösen Instinkt der Menge" spekulirt, und erwähnte, wie er die Angegriffenen vertheidigt habe, obgleich manche Umstände ihm eine gewisse Furcht hätten einflößen können: Erstens war es die Erwägung, daß der Antisemit Rektor a. D. Ahlwardt ans Berlin vielleicht mir über wäre in der Kenntniß, wie schmutziger Gelderwerb und entehrende Habgier ihre Geschäfte int Dunkeln treiben; hat er doch, wie der Prozeß Manche dieses bewiesen, vertrauten Umgang mit manchen dunkeln Ehrenmännern gehabt, die in Bezug auf Geldverdienst tmt jeden Preis dem geriebensten Hebräer noch eine Pferdelänge vor waren. (Lebhaftes Bravo.) Zweitens beunruhigte mich der Gedanke, daß ich selbst, wenn ich am Tage einer Wahl die Vertheidigung von angegriffenen Mitbürgern übernähme, dann vielleicht in den Verdacht kommen könnte, als wollte ich eine ungeeignete Beeinflussung auf die Wahl dieser Mitbürger versuchen. Es giebt nämlich Leute, die meinen, man müsse bei jeder Handlung von irgend einem egoistischen Motiv geleitet werden, die infolge dessen nicht begreifen können, daß man auch allein von sittlichen Gefühlen angetriebeu und durch ideale Regungen geleitet werden kann. Sie suchen eben bett Fuchs hinter der Hecke, weil sie selbst hinter derselben gelegen. (Lebhaftes Bravo.) .... Solchen Hetzereien öffentlich gegenüber zu treten, fühlte ich mich verpflichtet als Lehrer lind Leiter einer Reihe von israelitischen Schülern, die durch Fleiß und Tüchtigkeit eine Zierde des Gymnasiums waren und namentlich hinsichtlich der dankbaren Gesinnung, nnt der sie ihrem alten Lehrer tmd Direktor stets entgegen getreten sind, ein volles Lob verdienen (Bravo); ich thue es als Bürger und als Vertreter der Gemeinde in der Stadtverordnetenversammlung, der Mitglieder alle, die stets darin einig sind, daß alle geheime und offene Mißachtung und Mißhandlung von Mitbiirgern wegen der Konfession aufs Schärfste zu verurtheilen seien; ich thue es als Mensch unfc Christ, der jedem Versuch, die religiöse Toleranz zu verletzen, mit allen Kräften, die ihm zu Gebote stehen, entgegenzuarbeiten fest entschlossen ist. (Bravo.) Meine Herren Antisemiten! Ich will Ihnen sagen, wie sehr wir itu§ darüber gewundert haben, daß in der Hauptstadt des deutschen Reiches, wo doch angeblich alle Intelligenz und Bildung zusammenströmt, eine solche Geistesrichtung platzgreifen konnte, die ein Hohn auf den modernen Fortschritt ist. Erröthen Sie bei Ihrer intoleranten Gesinnung nicht, wenn Sie das Standbild Friedrichs des Großen unter den Linden sehen, der scholl ein größer Mann sein würde, wenn er blos das Wort ausgesprochen Hütte: In lneinen Staaten kann Jeder nach seiner Faeon selig werden?! (Bravo!) Rufen Sie mit mir: Es lebe die religiöse Toleranz, es lebe das gleiche Gesetz für alle Preußen ohne Unterschied des Glaubens und der Rasse, es lebe die echte christliche Nächstenliebe, die man nicht blos im Munde führen, sondern auch im praktischen Leben zu bethätigen hat." Mit lebhaftem Beifall stimmte die Versammlung in das Hoch ein. S£2 Brurnath, 6. Dezember. Die hiesige israelitische Gemeinde ist mit dem Straßburger Konsistorium in einen Konflikt gerathen, auf dessen Ende man gespannt sein darf. Nach der Berufung unseres verehrten Rabbiners Ury auf den Rabbinersitz zu Metz meldeten sich für den hiesigen Posten die Rabbiner Dreifuß, Mayer und Dr. Weil, Letzterer ein Schüler des Berliner Seminars. Nach Anhörung der Probepredigten entschied sich die Genleinde mit überwältigender Majorität für den letztgenanntell Kandidaten. Durch bisher noch nicht bekannte Gründe veranlaßt, berücksichtigte iubef? das Konsistorium diese Entscheidung nicht, sondern ernannte Herrn Dreifuß zürn Rabbiner der hiesigen Gemeinde. Daraufhin hat die Gerneiude ihrer: Antrag wiederholt und die Entscheidung der Reichsregierung gegen das Konsistorium angerufen. B. Alls Württemberg, im Dezember. Mit dem 1. d. M. tritt irr Württemberg das neue Gesetz, betreffend die Ortsschlllbehörden, in Wirkung. Dasselbe bestimmt in Artikel 3: Irl Genreinderl, in welcher: Volksschulerl verschiederrer Konfessionen bestehen, wird fü r die Schüler j e d e r K o n - session eine besondere Ortsschulbehörde gebildet. In dieselbe sind die Geistlichen, beziehungsweise die Ortsschnlaufseher der Schule, die Lehrer derselben, der Ortsvorsteher und die entprecherlde Anzahl weiterer Mitglieder zlt berufen, welche nur aus beit Mitgliedern der Konfessionsschulgemeinde gewählt rverden können. Danach werderl die israelitischen Ortsschlllbehörden aus bent christlichen Ortsschullehrer, dem Rabbiner, wo ein solcher im Orte ist, dem Ortsvorsteher, dem Lehrer und 2 oder 3 Mitgliedern der israelitischen Genleinde bestehen. Ist die israelitische Schule eine Volksschule, d. h. sind im Orte mindestens BO israelitische Familien und wird die Besoldung des Lehrers aus der politischen Gemeindekasse bestritten, so werden die jüdischen Mitglieder der Ortsschnlbehörde von den bürgerlichen Kollegien gewählt; ist die Schule eine freiwillige Konfessionsschllle, d. h. bestreitet die israelitische Gellleinde die Schulkosten, so erfolgt die Wahl der Mitglieder der Ortsschulbehörde durch die israelitische Gemeindevertretung. In Ansehung der Beaufsichtigung der israelischen Schulen dllrch den christlichen Ortsgeistlichen ist im Gesetz keine Blenderung vorgesehen. Der Verein zur Unterstützung von Wittwen lllld Waisen armer israelitischer Lehrer und Vorsänger Württembergs hat seinen Rechenschaftsbericht für das 20. Rechnungsjahr veröffentlicht. Derselbe giebt auch der Dankbarkeit für das viele Gllte, das denl israelitischen Lehrerstande nebst seinen Wittwell und Waisen während der 27jührigen Regierungszeit des höchstseligen Königs Karl zutheil geworden ist/ Allsdruck. Die Gemeindell des Landes, besonders die Residenzstadt Stllttgart, haben dein Vereiil ivieder ansehnliche Unterstützuugen gewährt, so daß das Vereinsvermögell wieder nnt 1740 Nt. vergrößert wurde lmd jetzt 40,729 M. beträgt. Ueber 1700 M. Unterstützungen konnten vertheilt rverdell. Die Zahl der Mitglieder beträgt 50. Oesterreich-Ungarn. * Wien, 14. Dezember. Zur allgemeinen Ueberraschullg beschwor der bekannte antisemitische Abgeordnete Lueger in der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses eine überaus peillliche Szene herauf, die eine lang andauernde tiefe Bewegung hervorrief. Während der Budgetdebatte brach Lueger lmvernlittelt eine Diskilssion über die neuen Handelsverträge vom Zaune und schleuderte int Stile gewisser Berliner antisemitischer Blätter Jnvektiven gegen die ungarische Regierung, gegen beit deutschen Reichskanzler von Caprivi, sowie gegen die österreichischen Liberaleil. Bezüglich der Handelsverträge sagte Lueger, Oesterreich gerathe in wirthschaftliche und politische Abhängigkeit von Deutschland; Oesterreichs Industrie und Gewerbe würden durch den Handelsvertrag init Deutschland vernichtet. Der Vertrag müsse daher verworfen werdell. Die Aenßerungen, welche Herr von Caprivi am Freitag int Reichstag über die nichtdeutschen Völker Oesterreichs that, welche die „Krenzztg." zur Hilfe aufgerufen hatte, bekämpfte Lueger unter so heftigen Ausfällen gegell den detltschell Reichskanzler, daß dieselben kaum wiedergegeben werdell können. Im Znsammenhange init Caprivis citirten Worten gebrauchte Llleger die Ausdrücke Uebermuth und Frechheit. Die Antisemiten, Jnngtschechen und Slovenen klatschten Lueger demonstrativ Beifall; bei den übrigell Parteien, namentlich bei den Deutschliberalen, herrschte große Erregung. Graf Taaffe war nicht im Hause, er wurde rasch herbeigerilfen lllld traf gerade beim Schluß der Rede Luegers ein. Sofort ergriff der Kabinetschef das Wort; kaum jemals sprach er so energisch und so warm; die Abfertigung, die er Lueger ertheilte, war ungemein wirksam lllld beriihrte wohlthnend. Plener dankte dem Grafen Taaffe für seine Rede und kehrte sich ebenfalls scharf gegen Lueger, indem er betonte, die Welt solle nicht sagen, daß im österreichischen Parlament keine Partei gegen eine solche Kundgebung wie diejenige Luegers reagirt habe. Die Rede Pleners war meisterhaft, ebenso sprachen Herbst ulld Neulvirth gegen Lueger. Die Szene hinterließ einen nachhaltigen Eindruck und dürste lloch eilt Nach-