Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1891)
- Date
- 1891-12-18
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Feste Theit. Der Vorhand der jüdischen Gemeinde, welcher schon am Vormittag dein Jubilar durch eitle Deputation Glückwunsch rmd Ehrengabe hatte überbringeu lassen, liest sich and) am Abend blind) mehrere Mitglieder des Synagogenvorstandes und der Repräsentantenversammlung vertreten. Dem Jubilar, welcher in Begleitung seiner 84jährigen Mutter erschien, wurde die erste Ovation durch ein wohlgelungenes Konzert gebracht, in welchem ausschließlich seine Kompositionen zur Aufführung gelangten. Mit Herrn William Wolf, der sich als Dirigent mit das Gelingen dieses Theiles der Feier besonders verdient machte, theilten sich die Virtuosen Philipp Roth, Mar Baer und Krisch, die Kantoren Marksohn und Rosenthal, sowie ein aus etwa 40 Personen bestehender Männerchor in die Ehre der Mitwirkung. Sodann wurde seitens der Old- Fellow-Loge, welcher der Jubilar angehört, demselben ein kostbarer Pokal überreicht. Die Festtafel erösfnete der Senior der Berliner Chordirigenten, Herr Professor Lewandowski, mit einem Hoch auf Se. Majestät den Kaiser; ihm folgte Herr Lehrer Heskel mit einem Toast auf den Jubilar und dessen Mutter. Nach kurzen Erwiedernngsworten der Gefeierten sprach Herr Schriftsteller Arnold Budwig auf die jüdische Gemeinde Berlin, in deren Namen die Herren Leonhard Sachs und Isaak antworteten. Daß auch musikalische Genüsse den Abend in reichlichster Weise würzten, braucht bei einem solchen Feste nicht erst besonders erwähnt zu werden, ebensowenig, daß die Peltesohn'sche Küche ihren alten Ruhm bestens bewährte. Seinen heiteren Abschluß fand das Fest in später "Nacht durch eine Gruppenaufnahme sämmtlicher Theilnehmer. Berlin, 14. Dezember. Wir brachten in unserer vorigen Nummer die Mittheilung von dem (einem österreichischen Blatte entnommenen» Gerücht, das; Herr Rabbiner Dr. Guttmann in Hildesheim die Stellung als Nachfolger Joels in Breslau nicht antreten wolle, weil sich innerhalb der Gemeinde in wichtigen dogmatischen Fragen freiere Anschauungen geltend gemacht hätten. In einem Briefe an unsere Redaktion dementirt nunmehr Herr Dr. Guttmann dieses Gerücht, als jeder thatsächlichen Begründung entbehrend. Wir brauchen wohl nicht erst zu sagen, das; wir uns über dieses Dementi aus mehr als einem Grunde herzlich freuen. LI Berlin, 13. Dezember. Die internationale Antisemitenliga hat in dieser Woche von leitender Stelle eine Abfertigung erfahren, ivelche den Hammerstein, Ahlwardt und Genossen wohl noch lange in den Gliedern liegen wird. Ter Reichskanzler von Caprivi nahm bei seiner Rede zu Gunsten des deutsch-österreichischen Handelsvertrages Gelegenheit, seiner Entrüstung darüber "Ausdruck zu geben, daß Männer, die sich Tentsche nennen, bei Slowaken, Rnthenen und Czechen „hansiren" gehen, um Stimmung gegen Deutschland zu machen. Die „Kreuzzeitung" ist hierüber natürlich außer sich. Wir hoffen, daß das „fromme" Blatt sehr bald wieder in sich gehen wird, w.nn in nächster Zeit erst einmal gewisse andere Beziehungen ans Tageslicht gezogen werden, welche die deutschen Antisemiten mit dem Anslande unterhalten. Es dürfte dann so manches klar werden, vielleichtauch der Ursprung der berüchtigten Corfuer .Korrespondenzen der „Kreiszeitung". *f. Viffit, 12. Dezember. Die diesjährige Versammlung des Vereins jüdischer Lehrer der Ostprovinzen soll am 28. d. M. zu Lissa in Otto's Hotel ftattfinden. Die Berathungen beginnen nach "Ankunft sämmtlicher hier eintreffenden Ziige um 1 Uhr Nack)inittag. Die hierfür aufgestellte Tagesordnung enthält: 1. Berichterstattung des Vorsitzenden, 2. Rechnungslegung und Entlastung des Kassenführers, 8. Vortrag: Die Verwendung der Psalmen im Urtext für den Religionsunterricht, 4. Vortrag: Die Nothwendigkeit der Bildung eines deutsch-israelitischen .Lehrerbundes, 5. lieber den Anschluß an die Unterstützungs-Kasse in Breslau, 0. lieber Ort, Zeit und Vorträge für den nächsten Vereinstag. Hierauf sollen noch etwa gestellte besondere Anträge berathen werden. — Rach der Sitzung soll ein gemeinsames Mahl stattfinden, für-welches der Preis von M. 1.50 bestimmt ist. Die Einladungen konnten selbstverständlich nur an die Vereinsmitglieder, deren Zahl Liber 40 gestiegen ist, und an noch einige bekannte Kollegen versandt werden; allein jeder Kollege wird in der Versammlung gern gesehen sein, wenn er auch noch nicht Mitglied des Vereines ist. In der Einladung wird ersucht um Anmeldung derjenigen beim Vorsitzenden Herbst in Lissa, welche an den Berathungen und dem Mahle theilnehmen wollen; die Meldung wird bis spätestens zum 20. d. M. erbeten. — Die am "Abend abgehenden Züge liegen so günstig, daß die Gäste den ganzen Abend fröhlich beisammen bleiben können und dann nach Wunsch abreisen oder die gern gewährte Gastfreundschaft ihrer hiesigen Kollegen in Anspruch nehmen können. Elbing, 10. Dezember. Sein sechzigjähriges Ehrenbürger-Jubiläum, ein Fest, welches wohl ohne Gleichen in der Chronik unseres bürgerlichen Lebens dasteht, feierte am Sonntag den 13. Dezember der hiesige 86jährige praktische Arzt Sanitätsrath Dr. Cohn. Bald nach Absolvirnng seiner medizinischen Studien liest sich derselbe im Jahre 1830 in Elbing als Arzt nieder, wo er trotz seiner Jugend in Kurzem wegen seiner ärztlichen'Geschicklichkeit und Humanität allgemein geschätzt wurde. Während der großen Cholera-Epidemie des Jahres 1831 entfaltete er in Elbing eine ebenso rastlose wie wirksame Thätigkeit, indem er mit Hintenansetzung aller persönlichen Rücksichten Tag und Nacht bemüht war, helfend einzugreifen, Noth zu lindern und dem Wüthen dieser furchtbaren Krankheit Einhalt zu thun. Die Anerkennung hierfür seitens der Behörden und Bürgerschaft blieb nicht aus. Unter Ueberreichung eines kostbaren Pokals wurde dem erst 26jährigen jungen Arzte am 13. Dezember 1831 das Ehrenbürgerrecht verliehen. Zahlreiche Auszeichnungen, der rothe Adler- und Kronenorden dritter .Klasse, das akademische Ehrendoktordiplom der Universität Albertina zu Königsberg u. a. m., welche dem Jubilar während seiner mehr als 60jährigen Berufsthätigkeit zu Theil wurden, legen von den Verdiensten des Jubilars Zengnist ab. "Auch wissenschaftlich ist C. erfolgreich thätig gewesen. Ein Werk über „Kaltwasserheilkunde" machte ihn in Fachkreisen bald bekannt. X Leer, 10 Dezember. Am Sonntag den 6. d. fand auch hier eine Antisemiten-Versammlung statt — die erste in Ostfriesland. Das Referat hatte der Pastor a. D. Dann ei l- Bielefeld übernommen; derselbe sprach über „Das Deutschthnm im Kampfe um sein Dasein." Der Vortrag währte ca. 2 Stunden. — Herr Paul Hug ans Bant (Sozialdemokrat) versuchte die Ausführungen des Vorredners zu widerlegen, konnte aber in Folge des Larmens der Antisemiten mit seinem Vortrage nicht durchdringen. — Uebrigens hat sich hier schon in voriger Woche ein „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" gebildet, dein sofort die angesehensten Bürger der Stadt ohne Unterschied der Konfession und politischen Stellung beigetreten sind. Es ist deshalb und da speziell die ostfriesische jüdische Bevölkerung sich in keiner Weise etwas zu Schulden kommen läßt, wohl nicht zu befürchten, daß der Antisemitismus hier viele Anhänger finden wird. — An der Spitze des hiesigen antisemitischen „Reformvereins" stehen zwei Lehrer, ein lutherischer Volksschullehrer und ein königl. Navigationslehrer. 8. Hildesheim, 0. Dezember. Gestern Abend hielt der Herr Licentiat Dr. Gräbner-Berlin hier im Unionshause einen Vortrag gegen die antisemitische Bewegung. Trotzdent das Komitee, aus den angesehensten Bürgern bestehend, nur zwei Anzeigen in den hiesigen Blättern hierüber inserirt hatte, geschah es doch, daß die Säle überfüllt waren und Hunderte keinen Einlaß fanden und umkehren mußten. Die zweinndeinhalbstündige Rede des Herrn G. wirkte elektrisirend und verlief die Versammlung aufs Herrlichste. Herr Liebermann v. Sonnenberg war anwesend, auch ein ganzer Trupp Antisemiten eigens von Hannover herüber gekommen, welche die Absicht hatten, die Versammlung zu sprengen, was ihnen indessen nicht gelang. Vielmehr nahm die Versammlung den schönsten Verlauf und wird reichlich Früchte tragen. Die Antisemiten sind hier, nachdem sie in der schamlosesten, gehässigsten Weise seit Monaten gewirthschaftet — maultodt gemacht. Schließlich bemerke, daß sämmtliche vier hier erscheinenden Tagesblätter Partei für die Juden nehmen und täglich gegen die Antisemiten zu Felde ziehen. * Köln, 13. Dezember. Die bereits in voriger Nummer kurz erwähnte Absicht der Gründung eines Vereins für jüdische Geschichte und Litt er atu r ist nun durch Erlaß eines warm empfundenen Aufrufs in eine weitere Phase getreten. Wir entnehmen dem Aufruf folgende Stellen: „Die jüdische Litteratur nimmt nicht nur eine hervorragende Stelle in der Weltlitteratur ein, sie bildet auch vor Allem einen Grundpfeiler des Judenthums. Diese Litteratur hat noch bis in das gegenwärtige Jahrhundert, besonders was die religiösen Schriften anlangt, eine rege Förderung gefunden, heutzutage ist die Pflege derselben auf den engen Kreis der Fachmänner beschränkt. Wenn nun feindselige Kräfte an dem Fundament des Judenthums in politischer und sozialer Beziehung rütteln, wie sollen wir dem Sturme widerstehen? Wie wollen wir unseren Kindern Liebe zu dem angestammten Glauben, Interesse für das Jndenthum einflößen, wenn wir selbst die hohen sittlichen Ideale