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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-18 · Heft 51 (18.12.1891) · p. Seite 612

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 51 (18.12.1891)
Date
1891-12-18
Page
Seite 612 (sequence 12)
Language
German
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worden, Israel selbst aber ist verhöhnt, gedehmüthigt und verachtet. Auf seinen Wanderungen hörte es oft seine Widersacher ausrufen: „Das Gebot der Nächstenliebe hat unsere Religion der Welt offenbart, Frieden und Eintracht verkündet nur unsere Lehre". Mit zitternden Händen hielt Israel ihnen seine heilige Thora entgegen und rief: „Sehet! was hier geschrieben steht: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." „Liebet den Fremdling." „Du sollst dich nicht rächen und Feindschaft nicht Nachträgen." „Fort, Jude, fort!" — donnerte man ihm entgegen — „unser ist die Lehre, unser das Gebot der Nächsten-, der, Fremdenliebe, unser Glaube ist der wahre, echte, allein seligmachende." Israel hörte ans seinen Irrfahrten in den Gotteshäusern verschiedener Völker seine Psalmen singen, sein „Amen" sprechen, seine „Hallelnjahs" anstimmen. „Wehe, wehe!" rief es thrüncndeu Auges seinen Feinden zu:I,Wenn Ihr mich hasset, warum singt ihr die Psalmen meines Königs Davids, warum sprechet ihr in meiner Sprache Amen und Hallelujahs" „Fort, Jude, fort!" lautete die Antwort; „was geht dich unser Gottesdienst, was gehen dich unsere Psalmen an? fort, Jude, fort, oder wir geben dich der Bernichtnug preis!" Und nicht allzuselten haben Israels Feinde ihre Drohungen in die Wirklichkeit umzusetzen angefangen! Nicht allzuselten ergoß sich aus Israels^ Augen ein Thränenmeer, das von dem Blute seiner hingemordeten Söhne und Töchter röthlich gefärbt war. — — — Endlich erschien am Horizont der Völker die Sonne der Humanität und sandte ihre goldenen Strahlen auf die ganze Erde nieder. Auch Israel glaubte sich von dieser So.une beschienen und wollte schon erleichtert aufathmen. Da versammelten sich die Fledermäuse, Eulen und Maulwürfe und kreischten und heulten: „Die humanitäre» Errungenschaften der Neuzeit sind unser Werk, nur für uns erdacht und erkämpft worden, nicht aber auch für Israel, für die Semiten." Selbstbewußt und über die ihm widerfahrene Behandlung empört schlägt Israel seinen Gegnern das Buch der Lehre auf und zeigt ihnen das seit vier Jahrtausenden dort' niedergeschriebene Gebot: „Gleiches Recht sei bei euch snr den Eingeborenen wie für den Fremdling, der im Lande weilet." „Thorheit, Einbildung" - hört Israel von verschiedeneil Seiten rufen: „fort, Jude, fort! Israel ist ein ätzendes und zersetzendes Element im Leben der Nationen, das Jndenthum ist beschränkt und engherzig!" Nun begreift Israel, was es heißt, Gnadenbrod essen, auf den Fortschritt vertrauen oder durch Gesetze — gleichgestellt sein, und unwillkürlich muß es an die Worte des unglücklichen Salomo denken: „Wehe! wehe! die Weisheit der Armen ist verachtet!" iir. Ter verlassene Salomo hatte aber, selbst als er betrübten Herzens auf dem Steine außerhalb der Stadt saß, nicht aufgehört, der weise Salomo zu sein. Selbst als er von aller Welt verachtet und verkannt war und den Uebermüthigen zur Zielscheibe ihres Spottes dienen mußte, zweifelte er nicht an sich und fühlte sich als König S a l o m o. Das Bewußtsein seiner Würde und seines Werthes erhielt ihn in den Tagen des Unglücks, verlieh ihm den Muth und die Kraft, den Kamps gegen Asmodai aufzunehmen und ihn zu besiegen. Salomo, so spinnt jene Sage ihre Fäden fort, kehrte nach vielen erlebten Abenteuern in sein Vaterland zurück, gewann wieder sein altes Gesicht und die Majestät seines früheren Aussehens, Asmodai verschwand, und der so schwer Geprüfte bestieg in Jerusalem auf's Neue den Thron seines Vaters David. Und auch Israel, dessen Lebensgeschichte in der Sage über das Schicksal seines ehemaligen, glorreichen Königs Salomo sich auffallend klar abspiegelt, kennt und verkennt nicht seinen Werth als nützliches Glied im Organisnius der Völker, auch Israel hat, trotz aller Stürme des Spottes, Hasses und Neides, die es voa der Oberfläche zu verwehen drohten und drohen, den Glauben an sich selbst und an die von Propheten geweissagte Zukunft nicht verloren. Selbst als es zu Boden geworfen und mit Füßen getreten wurde, verzweifelte es nicht und gab diesen seinen Glauben nicht auf. Nur seine physischen Kräfte sind durch die Länge der Zeit gelähmt worden, nicht aber auch sein fester, eiserner Wille, nicht aber auch sein Hoffen, Sehnen und Wollen; gegen dieses erwies sich Asmodai, in welcher Gestalt er auch auftrat, als machtlos. Israel lebt und fühlt seine Schmerzen und Leiden; cs fühlt wie Dolchstiche im Herzen die Wirkung der Lügen und Verleumdungen seiner Haffer und Neider, darum schreit es zuweilen auf, daruni weint es, wie einst sein König Salomo, die bittersten Thränen über das ihm zu Theil gewordene Schicksal; aber es verzweifelt nicht, läßt den Muth nicht sinken, es läßt sich nicht aus der Reihe der lebenden Nationen ausstoßen und vom Schauplatz der historischen Weltbühne verdrängen: „Israel kehrt nach Ost den Blick lknd seiner Seele Sorgen, Es denkt an sein künftiges Geschick lknd an der Freiheit Morgen." U Litterarische Mittheilungen. ---- LionWolff: Israelitische Hans-und Familien-Chronik 1t. Auf!. Berlin. S. Cronbach. Das Werk wendet sich an den Familiensinn. Der Verfasser, der durch seine zahlreichen homiletischen Schriften bekannt ist, hat dasselbe vor Jahren herausgegeben, und der Verleger, von gleichen Prinzipien beseelt, hat die neue, um das Dreifache vermehrte Auflage sehr schön ausgestattet. In der Einleitung heißt es: „Unsere Voreltern schrieben die wichtigsten Familiendaten: Geburten und Jahrzeiten, in die Gebetbücher, oder die Genealogie war verzeichnet in den Mohelbüchern irnd auf Wimpeln, die in der Synagoge aufbewahrt wurden. Die Gebetbücher gingen verloren, die Wimpeln verblaßten und die heutige Generation kennt sehr wenig von der Familie; selten weiß Jemand, wer sein Urgroßvater gewesen und wo er gelebt." Das umfangreiche Werk in Hochquart auf Karton gedruckt, bildet ein wirkliches Tagebuch von der Wiege bis zum Grabe und enthält in acht Abtheilungen n. A.: 1. Allgemeine Familiennotizen; — 2. Tagebuch vor der Verlobung, der Brautstand; — 3. Hochzeit; — 4. das Fawilienhaus, Stammbäume; — 5. die Kinder; — 6. Barmizwa, Konfirmation; — 7. Tod; — 8. Jahrzeit-Gedenktage u. s. w. Jede Abtheilung ist mit einem besonderen Titelblatt, wahre Kunstwerke der modernen Typographie geschmückt und jedes Kapitel wird mit passenden Gedichten, Sinnsprüchen und Talmudsentenzen eingeleitet. — Wer seinen erwachsenen Kindern zum Geburtstage oder zu Chanuka ein passendes Geschenk machen will, der wird dadurch schon in der Jugend ben Sinn für Familientradition wecken und seinen Kindern ein Tagebuch geben, das durch regelmäßige Eintragung einen dauernden, unschätzbaren Werth erhält. Von demselben Verfasser ist ein ähnliches Werkchen, das allerdings kein Festgeschenk, sondern ein wehmüthiges Andenken an theure Verstorbene repräsentirt, erschienen: Tr an er-Alb um, dem Andenken des Vaters, der Mutter oder Eltern gewidmet. Dieses Album enthält auf 20 Seiten schöne Gedichte auf den Tod, die Todesanzeige, die letzten Worte der Dahingeschiedenen, Lebenslauf, das Kadd isch gebet, deutsch, hebräisch (mit lateinischen Lettern), Erklärung von Dr. Jellinek, Jahrzeit-Tabellen, Grabgebete, die ganze Seelenfeier u. s. w. Auch dieses Werkchen ist schön — Silberdruck auf Schwarz — ausgestattet nnd von dem Autor: Prediger Wolff, Berlin C., Stralauerstraße 12 für 5 Mk. zu beziehen. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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