Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1891)
- Date
- 1891-12-18
- Page
- Seite 611 (sequence 11)
- Language
- German
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Die Mosezinska hatte Eva von dem allen erzählt, vielleicht „och mehr mitgetheilt, als sie überhaupt mit Bestimißtheit wußte, und Eva hörte diese Mittheilungeu mit wachsendem Erstaunen au. Auch sie konnte dem hervorragenden Manne ihre Bewunderung nicht versagen. Es war ihr zwar Vieles von dem, was die Mosezinska ihr erzählte, noch ziemlich dunkel geblieben, aber die Art der Unterhaltung des Obersten Steinbach und seine gewinnende Persönlichkeit nahm ein weiches Frauengemüth unwillkürlich für ihn ein. Ihre Sympathie für Steinbach gab sich sofort zu erkennen. Bald nachdem er sich von ihr verabschiedet hatte, erschien der Oberst Agdolo. „Gnädiges Fräulein," sagte dieser, „Sie hatten eine recht interessante Unterhaltung. Ich will nicht indiskret sein, aber der Oberst Steiubach hat Ihnen gewiß merkwürdige Sachen erzählt". „Ja gewiß," antwortete Eva, „ich habe eine hochpoetische Natur in ihm gefunden!" „O ja," antwortete der Oberst lächelnd, „er versteht schön zu erzählen. Er giebt dem Baron Münchhausen nichts nach, Ee^k un veiitrrlrls Gavtjon!" „Dann muß ich bedauern, Herr Oberst," crwiederte Eva, „daß ich Ihnen durch meine Antwort Veranlassung gegeben habe, einen Abwesenden zu schmähen; würde ich dieses vorausgesetzt haben, so würde ich vorgezogen haben, zu schlveigen!" Der Oberst Agdolo entschuldigte sich, aber Eva verhielt sich von mm an, obwohl sie ihn kaum kannte, gegen ihn sehr kalt und gemessen. Wiederholt, aber erfolglos, versuchte er später wieder ihre Gunst zu gewinnen. Agdolo, der Widersacher Steiubachs, war eine von Grund aus boshafte und hinterlistige Natur und übertrug nun seine Feindschaft, mit welcher er Steinbach verfolgte, arich auf Eva. Er wartete nur auf die Gelegenheit, sie dieselbe empfinden zu lassen. Der Mysticismus war um die Mitte und das Ende des vorigen Jahrhunderts eine Zeitströmung, der sich nur völlig selbstständige philosophisch gut geschulte, starke Geister zu entziehen vermochten, keine Frauen aber, die in solche mystisch angehauchte Gesellschaften geriethen, namentlich wenn sie — >vie Eva — zur Schwärmerei neigten und hilflos in der Welt dastanden. Der Eindruck, den jene Unterhaltung mit der Gräfin Mosezinska gehabt hatte, gab sich nicht sofort bei Eva zu erkennen, er war aber dafür um so tiefer und nachhaltiger; unwillkürlich kombinirte Eva in der Folge die Mittheilungen der Gräfin mit dem, tvas ihr im Hause des Baron Frank zu Ohren gekommen war. Es entwickelten sich die ersten Keime verderblicher religiöser Schwärmerei, und cs bedurfte nur der äußeren Bcranlaffung, um sie förmlich hervorzurufen. Sieben ihrer Liebe zu Stanislaus begann in ihr nach und nach ein airderes Gefühl zu erwachen, daß dieser schließlich die Herrschaft streitig machen sollte. (Forts, folgt.) Gl Ich bin Salomo.'' Von Albert Katz. In einem fernen, freindcn Lande irrte einst elend und verlassen der große lveise Salomo umher. Er war plötzlich seiner Krone beraubt, seiner Familie, seinem Volke und seinem Vatcrlande entrissen worden. Asmodai, der König der Geister, lautet eine alte Sage, habe den weisen Beherrscher der Juden in eine von Jerusalem 400 Meilen entfernte Gegend geschleudert, selbst aber des Verstoßenen Gesicht und Aussehen angenommen und als den König der Juden sich ausgegeben. Von seinem früheren Ruhm, seinem Reichthum und seiner Ehre hatte er außer der Weisheit nichts weiter als die Erinnerung zurückbehalten. — So irrte er mm als weiser Bettler - König unstüt und flüchtig von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, überall von seiner ehemaligen Größe erzählend, sein gegenwärtiges Leid klagend und Allen, die ihm begegneten die Worte: „Ich bin Salomo" znrufend, aber nirgends Trost, bei Niemandem Glauben und Gehör findend. Vor dem Thore einer Stadt sah er einmal alte, ehrwürdige Männer, dem Anscheine nach Richterbeisammen sitzen und hörte, tote sie in ihrem Urtheile auf ihn, auf seine Sprüche sich bezogen. Er eilte schnell auf sie zu und sprach: „Ich bin derjenige, auf de» Ihr Euch soeben bezogen habt, ich bin Salomo, die Sprüche, die Ihr soeben angeführt habt, sind meinem Weisheitsborn entquollen." Allein die Männer sahen sich stumm an, schüttelten mitleidsvoll das Haupt — und ließen ihn durch ihre Diener entfernen. „Nun werde ich mich," dachte der Verkannte, „an die Gebildeten und Gelehrten, die den Menschen nicht nach seinen Kleidern benrtheilen, tvenden; sie werden mich schon crfemteti und zu meinem Rechte mir verhelfen." Er faßte frischen Mtith, trat in eilte Gelchrtenschule ein und hörte seine Sprüche eilircn, seinen Namen mit Ehrfurcht nennen. „Hier bin ich," rief er ih»e>t entgegen; „ich, ich biir cs, dessen Namen Ihr soeben erwähnt habt: ich bin Salomo!" Aber auch die Gelehrten schenkten seinen Worten keinen Glauben und die Aerztc, die sich unter ihnen befanden erklärten, ihn für — wahnsinnig. Mnthlos verließ er die Gelehrteitschnle und setzte seine Wandertmg fort. Da hörte er aus einem Hanse fröhlichen Gesang auf die Straße dringen. Anfmertsam lauschte er den lustigen Liedern, die, wie er sich klar und beutlid) eviuuevte, er selbst einst gesungen hatte. Die trügerische Hoffnung nmgaukelte ihn noch einmal mit ihren verführerischen Bildern und Aussichten und ließ ihn in das fröhliche Haus einkehre», wo lustige Männer und Frauen beim Weine versammelt waren Und an den von ihm gedichteten Liedern sich ergötzten. Auf den Geist des Götter und Menschen erfreuenden Weines und Sanges vertrauend, itüherte er sich dcit singcitdcn Zechern und sprach mit lauter, Ucbcrzeugnng einflößcnder Stimme zu ihnen: „Ich bin Salomo!" Doch kaum waren diese Worte seinen Lippen entfahren, als alle Anwesenden in ein schallendes Gelächter ansbrachcit, wie reißende Wölfe über ein schwaches Lamm über ihn herfielen, ihn verhöhnten, beschimpften und beleidigten und als Wahnsinnigen, ja als Betrüger aus dem Hause jagten . . . * * rsc Auf einem Stein außerhalb der Stadt saß nun einem vagabmtdirenden Bettler gleich der weise Salonto und weinte mtd klagte bitterlich: Wo ist das Meer, wo ist der See, Das; sie faßten mein tiefes Weh" Ach, Leib mtd Herz sind mir zerrissen. Das Aug' bedeckt von Finsternissen. „Mein Ruhm ist hi», meine Ehre verloren; ich bin zwar noch Salomo, aber ein armer, blutarmer Salomo! Wehe! wehe! Die Weisheit des armen Mannes ist verachtet!" U. Seit fast zwei Jahrtausenden irrt Israel, wie einst sein tvciscr König, elend und verlassen, verhöhnt und verachtet in der Welt umher. Asmodai, der König der bösen Geister, die sich der Herzen seiner Söhne bemächtigt hatte», hat es seinein Gebtirtsort, seinen! Heiligthum entrissen itnd in weite, entlegene Länder geschleudert. Das Licht seiner Lehre, das in Nord und Süd, in Ost und West die Finsterniß des Heidenthums verscheucht hat; die Weisheit seiner Könige, die herrlichen Lieder seiner Dichter und Psalmisten sind ein Gegenstand der Bewunderung, das Eigenthnm der Nationen ge- >) Nach hebräischen Quellen.