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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-18 · Heft 51 (18.12.1891) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 51 (18.12.1891)
Date
1891-12-18
Page
Seite 610 (sequence 10)
Language
German
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610 Eva hatte von all' diesen Dingen bisher noch nichts gekannt. Ihr Geliebter dachte nicht daran, und wo sie in Polen mit Jemand iil Berührung kam, hatte sie nichts von derartigen mystischen Lehren kennen gelernt. Tie Polen waren zu genußsüchtig imb lebenslustig, alsdaß für den Mystizismus bei ihnen Raum gewesen wäre. In Deutschland aber hatten sich die höheren Klassen der Gesellschaft zum Theil mit großem Eifer dieser Richtung zngewandt; in Dresden namentlich hatten Goldknnst und geheime Wissenschaft schon seit beinahe einem Jahrhundert ihren Sitz aufgeschlagen. Eva war durch die Rede der Gräfin überrascht. Sie verletzte sie nicht, aber sie berührte sie höchst eigcnthümlich und erweckte in ihr Erinnerungen an die wunderlichen Reden des alten Frank. Dennoch suchte sie dem von der Gräfin berührten Thema auszuwcichen. „Ich weis; von alledem nichts. Ich habe zwar eine Zeit lang in dem Haufe eines Juden gelebt, der die verborgenen Wissenschaften geübt haben soll, aber mir selbst hat er keine Eröffnungen über sein Thun gemacht." „Wie schade," sprach die alte Gräfin. „Sehen Sic Fräulein, das höchste Ziel dieser Gesellschaft, die sich hier zusannneufindet, ist die Erforschung des Steins des Weisen. Alle die Herren welche versammelt sind, der Konferenzmiuister von Wnrmb, Kammer- Herr von Heynitz, Geheiinrath von Bischofswerder und viele Andere glauben daran und hoffen, ihr Ziel zu erreichen, aber dort der Oberst Stcinbach behauptet, daß nur ein Jude das Geheimnis; zu lösen vermöge." „Ein Jude ist cs," sagt Steinbach, „der den Schlüssel des großen Geheimnisses besitzt. Selig der, dem cs gelingt, jenen der Welt noch unbekannten Juden zu sinden." Eva war noch mit der Gräfin in lebhaftem Gespräch begriffen, als ein Herr erschien, der die Damen mit einer verbindlichen Verbeugung begrüßte. Der neue Ankömmling war ein Mann in den Vierzigern mit einem cigenthümlichcn träumerischen Gesichtsausdruck und einem schwärmerischen, tief blickenden Auge. Seine Gestalt war muskulös und kräftig, seine Haltung vornehm. „Der Oberst Steinbach," sprach die Gräfin Mosezinka. „Bitte," sprach die Gräfin, „nehmen Sie Platz, Herr Oberst, die junge Baronin wird sich sehr freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen." lind der Oberst setzte sich zu Eva. Zwischen Beiden entwickelte > sich eine lebhafte Unterhaltung, deren Löwenantheil allerdings der Oberst für sich in Anspruch nahm. Er hatte von Eva gehört, daß sic in Polen gelebt hatte, worauf er Veranlassung nahm, von seinen Reisen und von den Wunder» der Welt, welche er zu sehen bekommen hatte, vieles zu erzählen. Andächtig lauschte Eva seinen Schilderungen an. Die Person des Obersten flößte der schwärmerischen, in mystischem Halbdunkel ausgewachsenen Eva ein unwillkürliches Vertrauen ein. Sic erinnerte sich an seine vorhin von der Mosezinka erwähnte Aeußerung über die Juden. Sollte der Baron Frank vielleicht wirklich im Besitze höherer Weisheit gewesen sein und sollte sie ihm gegenüber sich eines Unrechts schuldig gemacht haben? Sie glaubte, den Obersten fragen zu müssen. „Herr Oberst," sprach sie, „Sie sollen eine besonders hohe Meinung vom Judenthum haben." „Ja," antwortete der Oberst. „Das Judenthunl ist unsere Erlösung." „Bitte, erläutern Sie mir das!" sprach Eva. „So wissen Sie, mein Fräulein," antwortete der Oberst, „das;' die erleuchtetsten katholischen und protestantischen Theologe», der Pater Richard Simon in Paris, hat erst neuerdings das Gemeinsame in Ideen und Einrichtungen hervorgehoben, welches im Christenthum und Judenthunl erkennbar ist. Er hat sogar nachgewiesen, daß die Spitze der Christenheit, das Kardinalkolleginm in Rom, nach dein Muster des Synedrivns gebildet wurde. Seine Heiligkeit selbst entspricht nach Pater Richard Simon dem Vorsitzenden dieses Kollegiums." „Wie?" fragte eine Dame. „Ja, meine Herrschaften," sprach der Oberst, „düs Papstthum ist eine ursprünglich jüdische Institution." „Das Christenthum," fuhr Steinbach fort, „ist mir ein anders gestaltetes Judenthm». Darin stimmen die Theologen Unserer fortgeschrittenen Zeit überein. Surenhuys, ein Protestant, sagt zum Beispiel: „Wer ein guter und würdiger Jünger Christi sein will, muß vorher Jude werden, oder er muß Sprache und Kultur der Juden auf das Innigste kennen und zuerst Moses Jünger werden, ehe er sich den Aposteln anschlicßt, damit er durch ihn und die Propheten sich zu überzeugen vermöge, daß Christus der Messias sei." „Das ist eine völlig neue Auffassung des Judcnthums," sprach die Gräfin. „Sie ist würdig eines Jahrhunderts, das sich das Jahrhnndert der Anfklürmig nennt," antwortete der Oberst. „Aber mrmöglich können Sie jenes Jndenthum meineir, das in der Kabbala sein Heil sucht," sprach Eva, „die Kabbala steht, wie man mir gesagt hat, mit den Lehren der Religion im Widerspruch, und die Kirche belegt diejenigen, welche sie üben, mit den Strafen der Zauberei." „Mit Nichten, gnädiges Fräulein," erwiederte der Oberst, „gerade die Kabbala enthält die Quelle des Judenthums. Es mag sein, daß kirchliche Unduldsamkeit zuweilen jene älteste Urkunde des Judenthums verfolgt hat, aber einsichtsvolle Männer blicken mit Bewunderung zu ihren heiligen Lehren empor. Ich nenne Ihnen nur den größten Denker und Philosophen unserer Zeit, den Verfasser der gefeierten Thoodieüe, den protestantischen Theologen Leibniz, der mit Eifer dem Studium der Kabbala sich widmet und in ihr das Land finden will, das einst wieder Katholiken und Pwtestanten umschlingen soll." Eva sah den Oberst erstaunt an. „In," sprach der Oberst, „aus dein Judcnthum geht noch der Messias hervor, der die große und einige Kirche wieder herstellt." Eva schwieg. Der Oberst verabschiedete sich. Sie war verwirrt, lieber Frank und sein Thun hatte sie sich nie eigentlich Rechenschaft zu geben vermocht. Dagegen erschien er ihr nunmehr in einem gcheimnißvollen Lichte. Die Phantasie liebt es ja, die Ereignisse, die hinter uns liegen, mit einem gewissen Nimbus zu umkleiden. Noch mehr ist dieses bei schwärmerischen Naturen der Fall. In einsamen Stunden dachte Eva nunmehr mehr als je an ihren Aufenthalt in dem kabbalistischen Palast zu Warschau zurück. Der Oberst war ein Mann, den man halb mit Staunen inld Bewunderung, halb mit Grauen anblickte. .* Ein Mann, der viele Geheimnisse wußte, der Geister beschwor, welcher die Leitung des Jesuiten- und des Freimaurerordens in seiner Hand vereinigte, der über unermeßliche Reichthümer gebot, war eine vielgesuchte und begehrte Persönlichkeit. Jedermann bewarb sich um seine Protektion, die er natürlich nicht Allen gewähren konnte, sondern nur der engere Kreis, der sich im Palais des Herzogs von Kurland sammelte, er freute sich seiner Gunst.

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