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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-18 · Heft 51 (18.12.1891) · p. Seite 609

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 51 (18.12.1891)
Date
1891-12-18
Page
Seite 609 (sequence 9)
Language
German
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609 vorzüglich erhebliche Vortheile versprechen, da ihre Zahl in de ns elbcn so beträchtlich ist. In Böhmen und Mähren sollen sie V» bis ‘/8 der ganzen Volksmenge ausmachen. Welch' eine erhabene Wohlthätigkeit, so viele Menschen auch des Glückes der Gesellschaft ganz genießen zu lassen, und welch' ein Vertheil für die Gesellschaft-, sie auf einmal mit so viel brauchbaren Gliedern zu vermehren!" Als der zweite Theil der Schrift — 2 Jahre darauf — erschienen war, waren die Wünsche Dohms wenigstens in Oesterreich im Großen und Ganzen realisirt. Hier betont er noch schärfer die Wahrheit, daß die Juden alle bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten haben müßten wie die christlichen Nebenmenschen. Höchst interessant ist die kritische Abrechnung Dohms mit seinen Freunden und Gegnern. Er führt eine gar scharfe Klinge. Die Schrift Dohms hatte nämlich eine ganze Litteratur pro und contra hervorgerufen; Michaelis, Aioses Mendelssohn, ein Anonymus in der Broschüre: „Untersuchung, ob die bürgerliche Freiheit der Juden zu gestatten sei," ein zweiter Anonymus in dem Pamphlet: „lieber die Unnütz- und Schädlichkeit der Juden im Königreiche Böhmen und Mähren" und zahllose Kritiker in den Blättern — alle diese bewiesen, daß der Verfasser einen der wundesten Punkte der damaligen bürgerlichen Gesellschaft berührt hatte. Die großen Verdienste, welche Dohm sich um Juden und Judenthum erworben, mußten bei den preußischen Juden, besonders bei den Berlinern, große Anerkennung Hervorrufen. Er erhielt zahlreiche Dankadressen, so z. B. auch eine von den Vorstehern der portugiesischen Juden in Surinam, die sich in der Unterschrift „Regens et Representants de la Natiou Juif - Portugaise ii Surinam“ nannten. Treffliche Worte schrieb namentlich Mose s M e n d e l s s o h n, der mit Dohm innig befreundet war. Angesichts der heutigen Antisemiten - Bewegung frage ich mich unwillkürlich: Ist k e i n D o h m da? d FEUILLETON *&- Arr heilige Herr. Historischer Roman von Ferdinand Dieffenbach. (Fortsetzung.) Der Oberst Agdolo, ein Italiener, guter Soldat, aber auch ein gewandter, geschmeidiger Höfling, war durch den Prinzen Xaver, dessen zweiter General - Adjutant er war, in kursächsische Dienste gekommen. Aloysio Pierre Marchese d'Agdolo war der Sohn eines kursächsischen Residenten bei der Republik Venedig und gab vor, aus einer persischen Familie zu stammen. Er war eine jener Persönlichkeiten, die sich in der hohen Gesellschaft Dresdens allerwärts unentbehrlich zu machen wußten, und keine bedeutende Familie der kursächsischen Residenz war vorhanden, mit welcher er nicht in irgend einer Weise in Beziehung gestanden hätte. So verkehrte er auch bei dem Herzog von Kurland , obwohl er diesem weniger sympathisch war, denn der Oberst huldigte den Anschauungen Voltaires und der Emyklopädisten, während der Herzog an magische Geheimlehren glaubte, die ihrem Besitzer ein langes Leben gewährten und nicht nur den Weg zu irdischen Reichthümern, sondern auch zur ewigen Seligkeit eröffneten. „Gnädige Gräfin," sprach der Oberst, „Sie wissen nicht, wie Sie und Ihre liebe Begleiterin in unserer Stadt ein Gegenstand des allgemeinen Jntereffes sind." „Wir leben hier unserer Erholung," antwortete die Gräfin „und als das beste Mittel hierzu hat sich bisher die Einsamkeit bewährt. Meine Pflegebefohlene bedarf zu ihrer Kräftigung Ruhe und Schonung, allein ich hoffe, daß wir in Zukunft uns mehr an Vergnügungen betheiligen können, die wir uns bisher versagen mußten." „Sie werden daran sehr gut thun, gnädige Gräfin," sprach der Oberst, „insbesondere würde es Unrecht von Ihnen sein,1 den Ihnen anvertrauten Edelstein noch ferner zu verschließen. Alle Welt wünscht das Fräulein von Frank kennen zu lernen." „Ich habe das Unglück, wo ich bin, ein Gegenstand der Aufmerksamkeit zu sein," erwiederte Eva. „Glauben sie nicht, daß es Neugier sei, welche Sic verfolgt, gnädiges Fräulein. Es ist vielmehr eine warme Thcilnahme, welcher jedes unedlere Motiv fremd ist. Sehen Sie dort die alte Gräfin Mosezinska, die gegen alle Welt kurz und einsilbig zu sein pflegt, selbst diese hat mir vor Kurzem den Wunsch kund gegeben, das Fräulein von Frank kennen zu lernen." Die Gräfin Mosczinska war bereits eine hohe Sechzigerin. Eine mit dem Graß - Kronschatzmeister von Polen, Grafen Anton Mosczinska, vermählte Tochter der Gräfin Kofel, der einstigen Geliebten Augusts des Starken, hatte sie sich schon seit dem 1737 erfolgten Tode ihres Gemahls beinahe vollständig von der Welt zurückgezogen, und nur in dem Kurländer Palais sah mau sie bei besonderen Veranlassungen. Die Gräfin Lubomirska kannte die Mosczinska bereits und sie hatte nichts dagegen, wenn der Oberst Eva mit Letzterer bekannt machte. Auch Eva zeigte sich bereit, mit der alten Gräfin zu verkehren, und Oberst Agdolo führte Eva zu ihr. Die Gräfin begegnete Eva mit einer ausgesuchten Artigkeit und unterhielt sich lange und lebhaft mit ihr, schien aber während der ganzen Unterhaltung mit Etwas hinter dem Berge zu halten. Eva entging dieses nicht, doch suchte sie vergeblich die Absichten der Gräfin zu ergründen, bis diese endlich das Ziel ihrer Fragen nicht mehr zu umgehen vermochte. „Sie wurden bei Juden erzogenfragte die alte Gräfin. „Ja," antwortete Eva. „Das erscheint Ihnen wohl ungewöhnlich." „Nicht darum," erwiederte die Gräfin. „Nein, ich hege kein Vorurtheil gegen Juden, allein Alles, was ich von Ihnen, liebes Fräulein, gehört, läßt mich ein wunderbares Geheimniß vermuthen!" „Wie so?" fragte Eva. „Ich denke an meine längst im Grabe ruhende Mutter, die viel in heiligen Büchern der Juden studirte. Auch sie setzte große Hoffnungen auf das Judenthum und seine rabbinischen Lehren. Allein einst, als sie schon viele Tage sich bei ihren Büchern, Schriften und magischen Apparaten verschlossen hatte, sprach sie zu mir: „Es ist vergeblich, ich lasse alle Hoffnung fahren. Man niuß unter Juden gelebt haben, man muß Jude werden, um das große Geheimniß zu ergründen. Wie schon einmal, wird einst wieder eine Jungfrau unter dem Judenvolk erstehen, von welcher der Welterlöser geboren werden wird." Man darf sich über diese sonderbare Rede der alten Gräfin Mosczinska nicht verwundern. Im vorigen Jahrhundert beschäftigte man sich in höchst eigenthümlicher Weise mit den Juden. Die strenggläubigen Christen sahen in ihnen wohl noch die alten Feinde Christi, die Philosophen und Männer der Aufklänmg wirkten aber für ihre Emancipation, während die Uebergläubigen sie im Besitze besonderer Geheimnisse vermutheten und einen häßlichen alten Rabbiner mit einer mit Grauen gemischten Ehrfurcht betrachteten.

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