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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-18 · Heft 51 (18.12.1891) · p. Seite 608

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 51 (18.12.1891)
Date
1891-12-18
Page
Seite 608 (sequence 8)
Language
German
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608 die Götter, die man in Liedern gefeiert hat. Hier sangen die Musen zur Phorminx des Apollo. Hier in Pieria war der Sage nach die Heimath des Orpheus, eines Sohnes der Muse Kalliope, der durch die Macht seines Gesanges Bäume und Felsen bewegte, wilde Thiere bezähmte und die Königin der Schatten der Unterwelt rührte, daß sie ihm die entrissene Gattin Euridike zurück gab, der aber von ekstatischen Weibern zerrissen ward, weil er nach dem nochmaligen Berluste seiner Gattin, alle anderen Frauen gehaßt hat. Hier also am Olymp, >vo man sein Grab gezeigt hat, im romantischen Thale des silbersprndeluden Peneios dürfen wir die Wurzeln der griechischen Poesie suchen, die in der Borzeit einen hieratischen Charakter trug und in der, wie in den Götterhymnen das lyrische Element vorherrschte. Im Kreise der Sagen der olympischen Götter und der halbvergötterten Heroen der Vorzeit bewegt sich Homers Epos aus dem 9. Jahrhundert v. Chr., das vollendetste Meisterwerk der Dichtung aller Zeiten. Seine Götterlehre blieb neben der des Hesiod, des jüngern gefeierten Dichters von Hellas, fast ein Jahrtausend maßgebend für den Volksglauben der Griechen und sein Werk die Quelle, aus der die späteren Dichter Griechenlands geschöpft haben. Was sein Werk den Griechen gewesen ist, das war ein halbes Jahrtausend früher den Israeliten, das ist nahezu drei Jahrtausende später nicht nur den Israeliten, sondern der ganzen civilisirten Welt die Bibel, auf deren Boden, dem des Monotheismus, das Epos nicht gedeihen konnte. Letzteres ruhte, wie bei den Griechen so auch bei den Indern und Germanen auf mythologischer Grundlage, der Vermischung des Göttlichen und Menschlichen. Die Vorstellung eines allumfassenden geistigen Gottes, in dem der Mensch mit der gesammten ihn umgebenden Welt ganz aufgeht, erklärt wohl besser das Fehlen des Epos bei den Israeliten, als der Mangel an Objektivität, den man ihnen vorwirft, an dem unbefangenen Eingehen auf das Objekt der Außenwelt, deren Mannigfaltigkeit in der Verkettung der Erscheinungen und Schicksale des Lebens der Menschen der Dichter im Epos wie im Drama in Worten so gestaltet und darstellt, daß wir den Gang der Handlungin ihrem ganzen Verlaufe, in ihrem ursächlichen Zusammenhänge mit allen ihren treibenden Motiven in der Erzählung überschaue» oder ans der Bühne vor uns sich entwickeln sehen. (Schluß folgt.) U Christian Wilhelm v. Nahm. Ein Gedenkblatt. Von Dr. Adolph Kohnt. 'Mt wohlthuender Wärme hebt Dohm die Vorzüge des jüdischen Charakters hervor: ihren Familien- und Wohlthätigkeitssinn. ihren sittlichen Lebenswandel, ihren Patriotismus und ihre uralte Anhänglichkeit an den Glauben ihrer Väter. Daß sie sich vorzüglich dem Handel widmeten, rühre daher, weil sie auf diesen Erwerb allein durch die betreffenden und engherzigen Gesetze beschränkt seien. Er sagt einmal örtlich (S. 109): „Mit der unbilligen und unpolitischen Behandlung der Inden werden auch die üblen Folgen derselben verschwinden und wenn man aufhört, sie auf eine Art der Beschäftigung zu beschränken, wird auch der nachtheilige Einfluß derselben nicht mehr so bemerkbar sein." Er verlangt demgemäß vom Staate die vollkommene Emanzipation des Judenthums; es dürften keine beschimpfenden Unterschiede mehr geduldet, kein Weg des Erwerbs ihnen gesperrt und von Seiten des Staates müßte ihnen, wie den christlichen Konfessionen, die gleiche Liebe und Fürsorge entgegengebracht werden. Doch nicht allein der Staat, sondern auch die christliche Gesellschaft müffe angehaltcn werden, ihre Vorurtheile und lieblosen Gesinnungen'gegen die Juden aufzugeben. Man höre diese wahrhaft goldenen Worte. (S. 122): „Früh in der Jugend müßten sie schon gelehrt werden, die Juden wie ihre Brüder und Mitmenschen zu betrachten, die auf einem anderen Wege das Wohlgefallen Gottes zu erhalten suchen... Diese dem Geist der Menschenliebe und des echten Christenthums so gemäßen Grundsätze ihren Gemeinden recht oft zu wiederholen, müßten die Prediger angewiesen werden, und wie leicht wird es ihnen sein, diese Anweisung zu befolgen, wenn der Geist der Liebe, der in dem Gleichniß der Samariter herrscht, ihr Herz erfüllt und wenn sie wie die Apostel Christi lehren, daß Jeder aus allem Volk, das Recht thut, Gott angenehm sei!" Schon im Voraus beglückwünscht Dohm den Staat, der zuerst die Grundsätze der Toleranz und Gleichberechtigung bethätigt: „Er wird sich aus seinen eigene» Mittel» neue Treue und dankbare Unterthanen bilden, und wird seine eigenen Juden zu guten Bürgern machen, wenn er nur anfängt, sie als solche zu behandeln, und wenn andere Staaten ihm nicht bald Nachfolgen, auch die Fremde» an sich ziehen, welche sicher den Staat vorziehen werden, der auch ihnen die Rechte der Menschheit und die Vortheile der Gesellschaft zu bewilligen verspricht." Mit großem Scharfsinn widerlegt der hervorragende Jurist alle Bedenken, welche von den Judenfeinden gegen die politische Emanzipation der Juden vorgebracht wurden. Mit besonderer Schärfe wendet er sich gegen diejenigen, welche behaupteten, die Juden taugten nicht zum Kriegsdienste, sie seien deshalb Staatsbürger zweiter Klasse! Er wies deshalb u. A. darauf hin, daß sie zu.allen Zeiten — auch nach der Zerstörung Jerusalems — tapfere Soldaten gewesen. Seine historischen Beispiele dürften noch heute von Interesse sein. Unter den Ptolomäern, sagt er u. A., erwarben sie sich in Aegypten durch ihre Kriegsdienste die vorzüglichste Gewogenheit dieser Regenten und das Vertrauen, daß nur Inden die wichtigsten Festungen übergeben wurden. Eben dieses wird von den mazedonisch-syrischen Königen bemerkt. Auch unter der römischen Herrschaft von den Zeiten des Pompejus an erwarben durch ihre Kriegsdienste die Juden Zutrauen und Belohnungen. Cäsar selbst giebt ihnen das Lob, daß sie vorzüglich in einer Schlacht wieder den Mithridates den Sieg bewirkt hätten, und mehrere Privilegien und ruhmvolle Erklärungen des römischen Senats sind die unwiderleglichen Beweise der Tapferkeit und Treue, die sie in den Kriegen bewiesen haben. Auch Antonius bediente sich jüdischer Truppen, und die, welche Herodes ihm zuführte, bestanden aus 5 Kohorten Römern und 5 Kohorten Juden. Ebenso ungewöhnlich waren die Kriegsdienste dieser Ration unter den heidnischen und christlichen Kaisern, bis endlich im Jahre 418 der König Honorius die Juden für unfähig erklärte, im Kriege zu dienen und damit ein Borurtheil begründete, das er selbst nicht ohne Bedenklichkeiten zu äußern wagte, das eben in den folgenden Zeiten tief genug gewurzelt ist und jetzt nicht ohne Mühe ausgerottet werden dürfte. (B. 1, S. 140 ff.) Nicht von Seiten Friedrichs des Großen, an den Dohm in erster Linie dachte, ging die rettende That der bürgerlichen Gleichstellung der Juden, sondern von Kaiser Josef II. aus. Die Schrift Dohms war bereits beendet, als die Kunde zu ihm drang, daß im Sohne Maria Theresias ein Retter Israels erstanden sei. Seiner großen Frelide darüber giebt er in einem „Nachwort" Ausdruck, wo es u. A. heißt: „Die Bestätigung dieser Nachrichten und die Billigung seiner Grundsätze von der aufgeklärten Regierung eines in jeder Absicht so erhabenen Monarchen würden dem Verfaffer äußerst schätzbar sein und ihny dafür bürgen, daß seine Untersuchungen ihn nicht unrecht geleitet haben. Wenn dieselben richtig sind, so dürsten die K. K. Lande sich von der bürgerlichen Verbefferung der Juden

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