Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1891)
- Date
- 1891-12-18
- Page
- Seite 607 (sequence 7)
- Language
- German
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607 Schauern der Wüste umgeben in seiner ganzen Schwäche lind Ohnmacht, so gering und winzig wie das Sandkörnchen der Wüste. Das Auge, das im weiten Umkreise keinen Anhaltspunkt findet, an dem es haften könnte, richtet sich gegen den Himmel und weidet sich an dessen strahlender Bläue, deren Betrachtung ihm einige Beruhigung gewährt. Der Mensch lernt über die Natur hinaus gehen zu dem jenseits der sichtbaren Erscheinungen liegenden und doch auch dieselben durchdringenden, das All umfassenden unendlichen Geiste, mit dem er selbst so zusammenhängt wie das Sandkörnchen mit dem Himmel, dessen Strahl sich erglühend auf dasselbe niedersenkt. Sein Herz selbst erglüht in dieser Betrachtung, in der er sich, sein endliches, beschränktes Wesen als Theil des Unendlichen erkennt, das ihn hält und trägt und zu dem er sich erhoben fühlt. Der Sinai ist die Religion, deren Grundwesen der Gedanke der göttlichen Unendlichkeit und Einheit und der menschlichen Erhebung ist, welche aus dem Gefühl der Abhängigkeit vom Unendlichen entspringt. Was uns über das Kleine und Niedere emporhebt. erweckt in uns die Empfindung der Freiheit von den beengenden Fesseln des Gemeinen, und steigert noch unser Selbstbewußtsein. Was wir uns unendlich denken, ist frei von dem Fehl, das nur dem Kleinen, Geringen anhaftet, und^daher der Inbegriff aller Vollkommenheit, alles Wahren, Schönen, Guten und Edlen, kurz alles dessen, was inan sich nur Erhebendes und Großes denken kann. Der eine einzige Gott, der in aller Ewigkeit immer derselbe ist, ist das höchste und vollkommenste Wesen, das Ideal, dem der Mensch in all seiuenl sittlichen Thun und Lassen nachstrebt und sein wandelbares Geschick anheimstellt. Der Sinai ist mit einem Worte der sittliche Monotheismus, der nur einen Gott kennt, den Vater aller Menschen, und nur eine Menschheit, geeint in Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit. Im Kreise der Olympier stand den Griechen obenan folgende Trias der Götter, Zeus, der nicht nur die Kraft, sondern auch die Milde und die harmonische festgefügte Ordnung repräsentirte, Apollo die Verkörperung des süßen, schönen Wortes des Göttervaters, und Athene, welche die vollendete Weisheit darstellte. Die Trias der höhern Bildung der Hellenen war ihrem Mythos entsprechend die Kunst, Dichtung lind Wiffenschaft. Die bildende Kunst der Helleilen, die unvergleichliche Fähigkeit derselben, einzelne Erscheinungen der Siuncnwelt, welche der Geist als die Hülle, das Symbol des Außerordentlichen, Uebersinnlichen empfunden hat, in der vvllendetsteil schönen Form darzustellen, welche in gleicher Weise und zu gleicher Zeit die Phantasie des Betrachtenden anregt, dessen Geinüth durch den Ausdruck des Harmonischen, des in sich abgeschlossenen Ebenmaßes der Dinge entzückt und den Geist durch die Erweckung des Idealen erhebt, hat sich am Mythos entwickelt. Ihr Ausgangspunkt war in der Architektur der Tempel, das Haus der Götter, die man sich nieilschengleich vorgestellt hat, und in der Plastik die Darstellring der Götterbilder. In allen griechischen Landen erhoben sich prächtige Göttertempel, deren herrlichster wohl der Festtempel der Pallas Athelie auf der Akropolis in Athen war. Wie die Hellenen auf diese Akropolis, so waren die Juden auf Zion stolz. Die alte Akropolis ist zerfallen, das Wort aber, das von Zion ausgegangen ist, tönt durch Millionen Herzen fort. Die Meisterwerke der griechischen Plastik sind Götterbilder, wie der viel bewunderte Apollo von Belvedere und die beiden unübertroffenen Schöpfungen von Phidias, das Standbild der Pallas im Parthenon auf der genannten Akropolis und das kolossale Goldelfenbeinbild des Zeus zu Olympia, das von den Alten zu den sieben Wunderwerken der Welt gezählt wurde. Zu den Bildern der Götter kamen die der Heroen der Borzeit, die man mit den Göttern in Verbindung gebracht hat und die der olympischen Sieger, deren körperlicher Organismus jeder Hülle, entkleidet in seiner Kraft, der Schönheit seiner Formen und der Anmuth seiner Bewegungen, so weit dies in der Plastik möglich ist, dargestellt wurde. Die Hellenen, ein überaus schöner Menschenschlag von regelmäßiger, harinonischcr Gesichtsbildung und kräftigem, durch alle Künste der Gymnastik veredelten Körperbau besaßen einen Schönheitssinn und eine Fähigkeit in der Darstellung der schönen Form wie kein anderes Volk. Vom Künstler gilt dasselbe Wort wie vom Dichter: „nun fit sed nascitur“, „Er wird es nicht durch seinen Willen, sondern ist als solcher geboren." Der Kunstsinn war den Hellenen, cs ist wahr, angeboren, aber er wurde doch bei ihnen geweckt, angeregt imb gefördert durch mannigfache Mittel, die bei den Juden fehlten. Was dieselben in der älteren Zeit — wir erinnern nur an den herrlichen Bau des Tempels und der Königspaläste unter der Regierung Salomos — auf dem Gebiete der Kunst geleistet haben, war allerdings wenig selbständig, sondern meistens den Phöniziern entlehnt, aber sie bekuirdeten doch dadurch einen regen Sinn und ein lebhaftes Interesse für die Kunst. Die weitere Entwickelung derselben wurde jedoch durch folgende drei Momente verhindert. Die Salomonische Glanzperiode war nur eine geschichtliche Episode. Die Zeit, in der es in Palästina so viel Gold gab, daß das Silber nicht geachtet wurde, kehrte nicht wieder. Die Juden Palästinas trieben in Folge der geographischen Lage ihres Landes wenger Handel wie die Griechen als vielmehr Ackerbau, in dein sie in harter Arbeit dem Boden die Früchte entlockten. Sie besaßen daher weniger Reichthümer an gemünztem Golde und entfalteten auch nicht jenen Luxus, ohne den die Kunst nicht gedeihen kann. Zu dieser Einfachheit der Sitten kam bei den älteren und späteren Juden Palästinas eine Züchtigkeit, die mit der durch ihre ganze Religion sich hindurchziehenden Enthaltsamkeit harmonirt und der die Nuditaten der hellenischen Plastik zuwider waren. Die Entblößung des Körpers, die bei den olympischen Spielen oft vorkam, war bei den Juden eine Schande. Eines der größten Meisterwerke der hellenischen Plastik ist die im Berliner Museum befindliche Bronzestatne des Adorante, eines Jünglings, der ans den olympischen Wettkämpfen als Sieger hervorgegangen, mit erhobene» Händen den Göttern für den Sieg dankt. Bei der vollsten naiven Natürlichkeit treten in der Darstellung das innigste Lebensgefühl, das lauterste Gleichmaß der örperlichen Entwickelung und der wohllautende Rhythmus iu Formen uud Linien hervor. Einen jüdischen Adorante der älteren Zeit müssen wir uns dagegen vorstellen als eine Gestalt, die von Kopf bis Fuß verhiillt, das Knie beugend vor Gott, zu Gott betend knieend vor demselben in den Staub sinkt. Was aber vor Allem bei den Inden die bildendeKunst nicht aufkommen ließ, das istdieBildlosigkeit ihrerReligion, die Vorstellung Gottes als eines reinen Geistes, zu dem sich der Mensch auch nur im Geiste'erheben kann. Wurde doch den Israeliten am Sinai eingeschärft: Du sollst dir kein Götzenbild machen noch irgend eine Gestalt gottesdienstlich verehren. Als der römische Feldherr Pompejus nach der Eroberung Jerusalems in das Innere des Tempels eingedrungen war, war er, wie Taeitus (Historiae 5, 9) berichtet, nicht wenig erstaunt, darin keinen Eselskopf, wie sich die Römer seltsamer Weise den israelitischen Kultus vorgestellt hatten, ja gar kein Bild von der Gottheit zu erblicken. In dieser Erzählung, in der wir bereits das Vorurtheil des klaffischen Alterthums gegen das Judenthum kennen lernen, tritt uns der schroffe Gegensatz in der religiösen Anschauung beider auf das deutlichste entgegen. Wie die Kunst der Hellenen so ist auch deren Dichtung aus dem Mythos herausgewachsen. Das gilt von dem Epos und Drama und zum Theil auch von der Lyrik. Auf dein Olymp thronten