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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-18 · Heft 51 (18.12.1891) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 51 (18.12.1891)
Date
1891-12-18
Page
Seite 606 (sequence 6)
Language
German
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606 dienstliche Belehrung und Erbauung an einem Tage, dem Sonntag, an dem sic im Stande seien, daran Thcil zu nehme». Obwohl diese Gründe Hierlands überall maßgebend sein könnten, scheint doch die Einführung jener fundamentalen Einrichtung in der letzten Zeit eher Rückals Fortschritte zu mache». Eine kürzlich abgehaltene Gemeindeversammlung der „B’nai .Israel“ (Dr. D. Philipson) lehnte einen zum dritten Male eingebrnchten Antrag auf Einführung eines sonntäglichen Gottesdienstes mit einer Majorität ab, die fast an Einstimmigkeit grenzte. Dr. K. Köhler, Rabbiner der Belh El Gemeinde in New-Pork, hat durch den schlechten Besuch des Sonntags - Gottesdienstes von Seiten seiner Gemeindemitglieder sich wiederum veranlaßt gefunden — obwohl seine Gemeinde kürzlich einen neuen Tempel mit einem Kostenaufwand von über eine halbe Million errichtet hat — die Fahne des alten Sabbaths zu ergreifen und in Bertheidigung derselben seine srühcrcn Behauptungen bei Einführung des Sonntagsgottesdicnstes zu bestreiten lind — was einem gelehrten und gewandten Dialektiker, wie Dr. Köhler, nicht schwer fallen konnte — gründlich zn vernichten. Darob herrscht großer Jubel im Lager der Sabbathfreunde und Sonntagsgcgner. Möge dieser Jubel diesmal recht lange dauern! Uebrigens besteht in Dr. Krauskopfs Gemeinde der Sabbath nach wie vor in Ehren, und cs erfreuen sich die sabbathlichen gottesdienstlichen Versamnilungen einer regen Theilnahnie, wohlbemerkt des altern Geschlechtes und der jüngeren Frauen. An einem Sabbath während des Monates predigt Herr Dr. Kranskopf den Alten zn Liebe in deutscher Sprache. Durch demnächstige Einführung eines englischen, von ihm verfaßten Gebetbuches (anstatt des jetzigen von dein sel. Dr. D. Einhorn seiner Zeit herallsgegebenen) hofft r. Krauskopf eine neue Anziehungskraft auf das jüngere Element zu gewinnen. Auch Dr. E. Hirsch, in dessen Gemeinde der sabbathliche Gottesdienst schon seit einigen Jahren eingestellt ist, behauptet, daß er denselben nicht gctödtet, sondern daß er an Folge Altersschwäche eines natürlichen Todes gestorben und dann m Ehren begraben worden seich?!!) In dem von ihm redigirten Wochenblatte „Tlie Reform Advocate“ zieht Dr. Hirsch in seiner bekannten scharfen Weise seinen Schwager Köhler wegen seiner kürzlichen Schwenkung zur Rechnung. Uebrigens läßt sich arich in dieser Bewegung geistig - religiöses Streben nicht verkennen, das hoffentlich, falls es stets D'vTS höheren Zielen gilt, D’prrf? nsiD zu dauernde», segensreichen Resultaten führen wird. Wie auf religiösen, so auch in den Kreisen der religiöseil Erziehung und der Armen- und Einwanderer-Unterstützung bieten sich dem geistigen Auge des unbefangenen Beobachters erfreuliche Zeichen fortschreitender Entwickelung und opferwilliger Rührigkeit hierorts sowohl, als in den andern größeren Städten dieses Landes dar. lieber Alles dies — demnächst! Olymp und Sinai. Ein Vortrag von Tr. Heinrich Groß in Augsburg. Ter Olymp, auf dem sich die wilde Naturkraft mit landschaftlicher Anmuth paart, zu dessen von Wolken umgürteten Höhe der Weg von der stillen plätschernden Fluth des Peneios emporführt, jst das Spiegelbild des griechischen Mythos, der in jener Zeit entstanden ist, in der die Menschheit in ihrer Kindheit sich noch eins wähnte mit der sie umgebenden Natur, deren Erscheinungen sie nach den Vorgängen des eigenen Lebens erklärte, weniger dem Geiste folgend, der von Ursache zu Ursache in ihrer Wechselwirkung fortschreitend den letzten Grund der Dinge zu erforschen sucht, als vielmehr der frei waltenden Phantasie, der der ursächliche Zusammenhang der Erscheinungen nicht begrifflich, sondern in einer Berkettllng von Bildern entgegentritt, die sie der eigenen Erfahrung des menschlichen Lebeils entnimmt. Die griechischen Götter sind Gebilde, denen die Helleilen selbst Modell gestanden auf die sie die eigenen Hcldenthaten, Vorzüge des eigenen Geistes und Körpers, so wie die eigenen Schwächen übertrugen. Zeus, der Gott des Himmels und der Erde und aller Erscheiiuingen, die am Himmel und in der Luft ihren Ursprung haben, stürzte in seiner Jugend seinen Vater Kronos vom Throne gerade so wie es da und dort in Griechenland ein herrschsüchtiger Königssohn mit seinem Vater gethan hat. Auf dem Olymp schlug er seine Residenz auf, wo er von seinem Hofstaate umgeben thronte, gerade so wie irgend ein mächtiger König in Hellas. An seinem Hofe fehlte es wie auch anderwärts nicht an Jntriguen. Seine Gemahlin Metis, die Klligheit, die ihm wahrscheinlich durch ihre stete Kontrole lästig wurde, verschlang er und heirathete in zweiter Ehe die Themis, die Gerechtigkeit. Andere Sterbliche haben es gerade so gemacht. Sie flohen die Klugheit, aber sie folgten nicht immer der Gerechtigkeit. Zeus hat auch aus seinem Haupte die Pallas Athene, Minerva, geboren. Die Eivilstandsbeurkundrnig war auf dem Olympos sehr mangelhaft. Zeus liebte sehr die Abwechslung, und an seinem Hofe hat es nicht an schönen Palastdamen gefehlt. Den Grazien war er sehr zugcthan. Er stieg auch manchmal zur Erde nieder und machte in mancherlei Verkleidung, wie es die Menschen im Karneval zn thun pflegen, den Schönheiten den Hof. Seine Gemahlin Here oder Juno hielt ihm oft deshalb eine Gardinenpredigt. Ta gab es auf dem Olymp ein Donnergetöse. Wenn Zeus, der Vater, mit solchem Beispiele voranging, was ist da von feinen Kindern zu erwarten? Erlassen Sie mir es daher, Ihnen weitere Müttheilungen aus der chronique scandaleuse der griechischen Götterlehrejtt machen. Dem ültcrn griechischen Mythos fehlen die starken ethischen Motive, wie wir sie im jungem Mythos finden. Die Götter wurden besser, edler und erhabener in dem Grade, in dem die Menschen gesitteter wurden und ihr geistiger (Gesichtskreis sich klärte und erweiterte. Bei Homer sind die Götter lind selbst Zeus parteiisch, wie die Menschen, in deren Händel sie sich mischen. Pindar erscheinen die Götter, denen man nichts Thörichtes, sondern nur Gutes zutrauen dürfe, vollkommener, aber doch nicht ganz frei von unheimlicher Laune und Mißgunst, so daß man ihnen doch nicht unbedingt vertrauen könne. Aeschylos ruft in seinen „Emnenidcn" dem Prometheus und, damit auch seinem Zeitalter zu; „Erkenne dich, gestalte dich zu neuer Art um, denn neu ist auch der Götter Fürst und Herr." In den Geschickeil der Völker lind Einzelner waltet nicht ein blindes Schicksal, sonderri eine vergeltende Gerechtigkeit. Das ist der Grundgedanke, der sich durch alle seine Dramen hindurchzieht. „Dem Grambeladenen pflegt die Gottheit nahe zn sein. Wem sie Leid vcrhing, dem bleibt der Schmerzen liebstes Kind, der Ruhm, zum Trost." In beit Dramen des Sophokles ist die Weltrcgierung nicht mehr blos Gegenstand der scheuen. Furcht, sondern mehr noch des freudigen Vertrauens, und wie ein Bibelwort klingt es, wenn der Chor der klagenden Elektra zuruft: „Sei ruhig, o Kind, sei ruhig! Noch lebt im Himmel Zeus, der große, der Alles sieht und ordnet, dem Gott befiehl deines Grolles Schmerzen." Aber allmülig regten sich mit dem Erivachen des philosophischen Geistes die Zweifel am alten Götterglauben immer mehr und inehr, bis der völlige Zerfall desselben eingetreten, im hellen Sonnenschein das nebelhafte Zanberbild zerronnen ist. Der Sinai mit seiner ganzen Szenerie, die wir bereits kennen gelernt haben, entbehrt im Vergleiche mit dem Olymp jener Naturschönheit, welche die Phantasie feffelt und die Sinne entzückt. Der Mensch wird von seinem Anblick überwältigt, fühlt sich von den

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